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beziehungsweise Dezember / 08 vom Dienstag, 9. Dezember 2008

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Warum sich Paare trennen

Das stresstheoretische Scheidungsmodell nach Bodenmann erklärt, wie Stress zur Herausforderung für die Paarbeziehung werden kann

„Als Dieter und Marianne sich entschieden haben zu heiraten, waren sie sich sicher, sich für den richtigen Partner entschieden zu haben und mit ihm das ganze Leben verbringen zu wollen. Ein Jahr später kam das erste, zwei weitere Jahre ihr zweites Kind auf die Welt. Doch irgendwie war nichts mehr so wie früher: Beide fühlten sich mit der neuen Situation überfordert, sie stritten sich immer häufiger und heftiger, er stürzte sich in die Arbeit, machte mehr Überstunden als vorher und sie konzentrierte sich vor allem auf die Kinder. So lief dies eine Weile, bis sie sich fünf Jahre später scheiden ließen.“











Anfangs scheint eine Partnerschaft
allen Widernissen trotzen zu können.
Stress und der falsche Umgang damit
können aber an den Grundfesten der Beziehung
rütteln und diese ins Negative umkehren.
Es kommt zu Entfremdung und Unzufriedenheit.
Ein Auslöser genügt dann oft, und das Paar
steht vor dem Beziehungsaus.


Wie kommt es dazu, dass sich Paare zuerst glücklich verliebt die ewige Treue schwören, und dann einige Jahre später verkracht, enttäuscht, desillusioniert und frustriert auseinander gehen? Diese Frage lässt sich selbstverständlich nicht mit einer einfachen Erklärung beantworten. Viele Faktoren wirken hier zusammen: Die Veränderung des Scheidungsrechts, die höhere Individualisation moderner Gesellschaften und die damit verbundene höhere Akzeptanz von Scheidungen begünstigen die Entscheidung, sich scheiden zu lassen. Aber auch der Einfluss der Kirche auf das familiäre Leben hat abgenommen. Damit sind viele historisch bedingte Barrieren weggefallen.

Ein Paar will sich aber zum Beispiel nicht wegen eines erleichterten Scheidungsverfahrens trennen. Ein verändertes Scheidungsrecht ist vielmehr eine scheidungserleichternde Bedingung als die Ursache einer Scheidung. Aus diesem Grund ist es wichtig, zwischen unterschiedlichen Faktoren zu differenzieren: Neben (a) den eigentlichen Scheidungsursachen, gibt es (b) Auslöser für eine Scheidung, (c) scheidungserleichternde und (d) scheidungserschwerende Bedingungen.

Scheidungsursache Stress

Aufgrund langjähriger Forschung weiß man, dass die Ursache einer Scheidung oftmals nicht in einer ungünstigen Passung der Partner zu suchen ist, sondern vielmehr in den fehlenden Fertigkeiten von beiden, miteinander und individuell mit Stress umzugehen.

Wie kann Stress Ursache für eine Scheidung sein? In der Stressforschung konnte nachgewiesen werden dass Stress, der anfänglich mit der Partnerschaft nichts zu tun hat wie z.B. Stress am Arbeitsplatz oder Streit mit Verwandten, Bekannten, auf die Partnerschaft überschwappen kann, wenn er nicht adäquat bewältigt wird. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn dies über längere Zeit wiederholt geschieht. Aus diesem Grund ist chronischer Alltagsstress (z.B. Unzufriedenheit bei der Arbeit, Probleme mit Kollegen, usw.) besonders gefährlich. Ein Überschwappen von Stress auf die Partnerschaft kann auf vier unterschiedliche Arten erfolgen, die sich teilweise auch gegenseitig beeinflussen.

Durch häufigen Stress wird erstens die Zeit verringert, welche die Partner zusammen verbringen. Dies reduziert die Möglichkeiten, miteinander zu reden, gemeinsame Erlebnisse zu haben und Aktivitäten zu unternehmen. Das Paar verliert dadurch an Nähe und Intimität.

Des Weiteren wird die Kommunikation zwischen den Partnern verschlechtert. Wenn eine Person gestresst ist, kommuniziert sie entweder weniger (Rückzug) oder gereizter und negativer. Durch den Rückzug erlebt das Paar noch weniger gemeinsame Zeit und die Distanz zwischen den Partnern wird noch größer. Rückzug kann ähnlich wie Gereiztheit und Negativität, auch Aggression oder Frustration beim anderen Partner auslösen. Dies erhöht das schon bestehende Konfliktpotential und mit der Zeit wird schließlich schon im Voraus erwartet, dass der Partner destruktiv kommuniziert. So wird die Kommunikation respektive das Partnerschaftsklima schließlich immer mehr vergiftet.

Chronischer Stress erhöht aber auch das Risiko für somatische (z.B. Herzkreislaufstörungen) und psychische Störungen (Depression, sexuelle Funktionsstörungen). Eine kurzzeitige Erkrankung kann unter Umständen die Nähe in einer Partnerschaft fördern. Häufige und langfristige Erkrankungen schränken allerdings die gemeinsamen Aktivitäten ein, sind oftmals eine große Zusatzbelastung und können das Gleichgewicht zwischen den beiden Partnern erheblich stören. Dies kann auf lange Zeit zu einer größeren Stressbelastung und wiederum zu vermehrten Konflikten führen. Unter Stress werden oftmals auch problematische Persönlichkeitszüge freigelegt (wie Dominanz, Ungeduld, Egoismus), weil die Energie fehlt, diese zu verdecken. Auch dies erhöht wiederum das Risiko für Konflikte.

Stresstheoretisches Scheidungsmodell nach Bodenmann (2005)

Bodenmanns Scheidungsmodell erklärt, wie Stress zur Ursache einer Scheidung werden kann. Auf dieser Grundlage wurden Präventionsprogramme für Paare entwickelt, die Kommunikations- und Stressbewältigungskompetenzen fördern sollen.

Durch den Einfluss von Stress auf die erwähnten Faktoren nimmt das Positive in der Partnerschaft ab (z.B. aufgrund weniger gemeinsamer Zeit) und gleichzeitig das Negative zu. Weil das Verhältnis zwischen Kosten (Negativität) und Nutzen (Positivität) zunehmend schlechter wird, setzten die Partner vermehrt Prioritäten außerhalb der Partnerschaft (z.B. Beruf, Hobby, Verein, politische Ämter) und investieren weniger in die Partnerschaft. So beginnen sich die Paare langsam auseinander zu entwickeln und leben schlussendlich mehr nebeneinander als miteinander. Diese schleichende Entfremdung führt schließlich zu einer diffusen Unzufriedenheit und möglicherweise zur Erkenntnis, dass „der Partner auch nicht mehr so ist wie früher“.

In diesem Stadium der Unzufriedenheit braucht es oftmals nur noch einen (mehr oder weniger großen) Auslöser um eine Trennung/Scheidung in Erwägung zu ziehen. Mögliche Auslöser könnten hier beispielsweise der Auszug der Kinder sein (Empty-Nest-Syndrom), Fremdgehen oder Außenbeziehung des einen Partners, berufliche Neuorientierung, Kennenlernen eines möglichen neuen Partners, usw. Durch diese Auslöser werden nun plötzlich scheidungserleichternde (z.B. bestehende Entfremdung, keine Kinder) und -erschwerende Bedingungen (sozialer Druck, Statusverlust, ökonomische Reize) gegeneinander abgewogen.

Je nach Ergebnis dieser mehr oder weniger bewussten Bilanzierung für und gegen die aktuelle Partnerschaft trennt man sich nun vom Partner oder man entscheidet sich für das Weiterbestehen der Partnerschaft. Falls die Partner sich für das Weiterbestehen der Partnerschaft entscheiden, kann dies entweder eine Chance für einen gemeinsamen „Kurswechsel“ sein, oder es kommt zu einer „inneren“ Scheidung, bei der man zwar resigniert und unglücklich ist, aber weiterhin beim Partner bleibt.

Prävention von Scheidung

Dieses stresstheoretische Scheidungsmodell gibt uns nicht nur Hinweise darauf, wie es zu einer Scheidung kommen kann, sondern auch, wie eine gewisse Anzahl an Scheidungen möglicherweise verhindert werden könnten. Denn nicht die eigentliche Summe von Stress bestimmt den negativen Verlauf, sondern die Fähigkeit, individuell und gemeinsam mit dem anfallenden Stress umzugehen.

Scheidungsrelevant sind demnach vor allem mangelnde Kompetenzen, insbesondere Kommunikations- und Stressbewältigungskompetenzen. Neben grundsätzlichen Defiziten können diese Kommunikationskompetenzen aber auch erst unter Stress zusammenbrechen. Das bedeutet, die Partner sind unter Stress nicht mehr in der Lage, angemessen miteinander zu kommunizieren und streiten sich häufiger oder ziehen sich zurück. Je mehr eine Beziehung chronischem Stress ausgesetzt ist und je weniger die beiden Partner mit diesem Stress umzugehen wissen, desto größer ist das Risiko für eine Scheidung.

Mit diesem Wissen wurde schließlich weltweit eine Reihe von erfolgreichen Präventionsprogrammen für Paare entwickelt, welche gezielt die notwendigen partnerschaftlichen Kompetenzen fördern (vgl. Paarlife, EPL – Ein partnerschaftliches Lernprogramm). Kommunikationskompetenzen sind vor allem wichtig, um Konflikte angemessen zu lösen und um sich dem anderen gefühlsmäßig zu öffnen. Unter gefühlsmäßiger Öffnung verstehen wir, dem Partner die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle auf eine adäquate Art mitzuteilen. Dies ist vor allem wichtig, damit Nähe und Intimität in der Beziehung entstehen kann. In einigen Programmen werden neben den Kommunikationskompetenzen auch die individuellen und gemeinsamen Stressbewältigungskompetenzen gefördert, um die Problematik möglichst ganzheitlich anzugehen.
 









Guy Bodenmann: Beziehungskrisen:
erkennen, verstehen und bewältigen.
Bern: Huber 2005.
ISBN 978-3-456-84177-9


In etlichen Studien konnten nachgewiesen werden, dass solche Trainings, welche meistens ein oder zwei Wochenende dauern, das Scheidungsrisiko erheblich reduzieren und die Partnerschaftszufriedenheit bis mehrere Jahre nach dem Kurs verbessern können. Scheidung kann dadurch zwar nicht verhindert, das Scheidungsrisiko aber mittels solcher präventiven Kurse deutlich reduziert werden.

Von Marcel Schaer und Guy Bodenmann

Info:

lic.phil Marcel Schär, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Zürich (Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien)

Univ.-Prof. Dr. Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien am Psychologischen Institut der Universität Zürich. www.paarlife.com


Informationen: lic.phil Marcel Schär, E-Mail: marcel.schaer@psychologie.uzh.ch


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