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beziehungsweise Dezember / 08 vom Dienstag, 9. Dezember 2008
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Mobile Arbeit als Selbstverständlichkeit?
Mobile Beschäftigung und ihre Auswirkungen auf soziale Beziehungen
Im Dienste des Unternehmens reisen zu können, galt lange als Privileg. Es wurde
als Signal verstanden, wichtig für das Unternehmen zu sein, denn man durfte sich
aus dem unmittelbaren Kontrollbereich der Vorgesetzten hinaus bewegen. Man war
in gewisser Weise autonom, denn insbesondere in den Zeiten, wo es weder Handys
noch WLAN gab, war man keiner ständigen Erreichbarkeit ausgesetzt.

Diese Woche in Schweden, nächste Woche in den USA. Die
Mobilitätsanforderungen an Beschäftigte steigen, und immer öfter müssen soziale
Beziehungen räumliche Distanzen überwinden. Neue Kommunikationstechnologien
können hier helfen.
Heute werden Dienstreisen zunehmend weniger als Privileg erlebt. Vor dem
Hintergrund der Prognosen, dass in absehbarer Zeit ein Viertel aller
Beschäftigten zum reisenden Personal gehören wird, ist es aus
Unternehmensperspektive plausibel, dass dem Reisen der Touch des Privilegs und
des Besonderen genommen wird. Im Gegenteil: Mobilität wird in Zeiten von
Globalisierung als weitgehend selbstverständlich angesehen. Eine umfassende
Mobilitätsbereitschaft ist nahezu unbemerkt zu einer neuen Anforderung an
Beschäftigte geworden.
Was ist mobile Arbeit?
Mobile Arbeit ist allerdings nichts grundlegend Neues: Für
Außendienstmitarbeiter, LKW-Fahrer, Handelsvertreter, Piloten, Kapitäne,
Flugbegleiter, mobile Pflegedienste, Schaffner und viele mehr gehörte räumliche
Bewegung schon immer zum beruflichen Alltag. Mobile Arbeit hat sich allerdings
durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK)
grundlegend verändert. Nach der ECATT-Norm (Electronic Commerce and Telework
Trends) sind mobile Beschäftigte mindestens zehn Stunden pro Woche an einem
anderen Ort als der zentralen Betriebsstätte oder arbeiten in der eigenen
Wohnung und nutzen dabei Online-Datenübertragung. Neben der Mobilität von
Personen umfasst der Begriff der mobilen Arbeit damit auch die Mobilität von
Arbeit beziehungsweise der Arbeitsinhalte, was durch IuK-Technologien ermöglicht
wurde. Informationen und Arbeitspakete lassen sich in Sekundenschnelle um den
Globus schieben, was völlig neue Formen der Arbeitsorganisation zulässt. Mobile
Arbeit ist damit längst kein Randphänomen mehr und dehnt sich weiter aus: „There
will be over one billion mobile workers by 2011“, heißt es in einer aktuellen
Vorhersage (IDC Report 2008). Was aber sind die sozialen Folgen, wenn
Beschäftigte zunehmend beruflich unterwegs sind?
Auswirkungen mobiler Arbeit auf soziale Beziehungen
Beruflich bedingtes Reisen und Aufenthalte an anderen Arbeitsorten haben hohen
Einfluss auf die Strukturierung des Verhältnisses von Arbeit und Leben. Luc
Boltanski und Éve Chiapello beschreiben in ihrer Analyse zum „neuen Geist des
Kapitalismus“ (2003) Mobilität als eine neue zentrale Anforderung an
Beschäftigte, der sie sich nicht entziehen können - ganz egal, auf welcher
Qualifikationsstufe sie sich befinden. Erfolgreich ist nur, wer flexibel ist und
zugleich große Mobilitätsbereitschaft und -kompetenz demonstriert. Als Folge
dieser Anpassungsprozesse können Menschen ihre soziale Anbindung und Verortung
zunehmend verlieren, denn alles soll der geforderten Mobilität und Flexibilität
untergeordnet werden. Selbst das eigene Leben wird zu einer Sequenz
aufeinanderfolgender Projekte, die eine langfristige Lebensplanung oder
Orientierung nicht mehr zulassen. Immobilität wird zum Privileg für diejenigen,
die es sich leisten können.
Ähnlich kritisch beschrieb schon Richard Sennett (1987) die Risiken wachsender
Flexibilisierung für die Menschen. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt bedingt
seiner Ansicht nach, dass Menschen ihre sozialen Wurzeln und ihre Verortung
verlieren. In einer Welt, in der soziale Netzwerke sich von gemeinsamen Orten
ablösen und sich räumlich ausdifferenzieren können, ist damit die Beantwortung
der Frage, ob geografische Entfernung zugleich soziale Distanz bedeuten muss,
fundamental geworden (vgl. Kellerman 2006). Es ist allerdings eine offene
empirische Frage, ob hohe und vor allem dauerhafte räumliche Mobilität zu dem
führt, was Sennett die „Zersetzung des modernen Charakters“ („corrosion of
character“ – Originaltitel des Buches „Der flexible Mensch“) nennt.
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Mit Flugzeug oder Auto.
Das Privileg, beruflich zu reisen,
wird immer mehr zur
Selbstverständlichkeit. |
Wie die einzelnen Menschen mit den Mobilitätserfordernissen umgehen und wie sie
diese mit den Anforderungen in der Gestaltung von Arbeit und Leben, und damit
auch mit ihren sozialen Netzwerken, vereinbaren, hängt nicht nur von
strukturellen Faktoren ab, die den Rahmen für die Mobilität setzen. Vieles
deutet darauf hin, dass die Auswirkungen hoher räumlicher Mobilität viel von
individuellen Mobilitätskompetenzen abhängen. Damit ist gemeint, ob die Menschen
die Fähigkeit haben, auch über Distanzen hinweg soziale Beziehungen zu pflegen.
Insbesondere die neuen Kommunikationstechnologien können dazu verhelfen,
räumliche Distanzen zu überwinden. Denn unter Umständen wird unter hochmobilen
Lebensbedingungen nicht nur Leid akkumuliert, wie Sennett apodiktisch
formuliert. Es lassen sich empirisch durchaus gelingende Lebens- und
Solidaritätsentwürfe und -formen realisieren, sich in mobilen Lebenswelten und
-entwürfen zu Hause zu fühlen und einzurichten.
Trotz virtueller Verbundenheit liegt jedoch auch die Vermutung nahe, dass von
jemandem, der dauerhaft auf Reisen ist, nicht zu erwarten ist, dass er, oder
sie, zentrale, vor allem aber dauerhafte und verlässliche familiäre oder
freundschaftliche Hilfeleistungen, Aufgaben in Haushalt, Kinderbetreuung oder
der Versorgung von Angehörigen übernimmt. Denn nicht alle sozialen Kontakte
lassen sich virtuell pflegen; viele – sei es der Umgang mit Kindern, oder die
Pflege von Angehörigen –
erfordern Anwesenheit. Zunehmende Mobilitätsanforderungen an Beschäftigte, so
ist deshalb zu vermuten, perpetuieren klassische geschlechtsspezifische
Arbeitsteilungen, denn die Mobilität des Einen erzwingt nahezu die Immobilität
des (oder besser gesagt: der) Anderen.
Das Projekt „Betriebliche Mobilitätsregime“
Im Projekt „Betriebliche Mobilitätsregime: die strukturierende Kraft
betrieblicher Mobilitätspolitik auf Arbeit und Leben“, das von der
Hans-Böckler-Stiftung (www.boeckler.de)
gefördert wird, werden die Folgen zunehmender Mobilität für Beschäftigte und
Unternehmen untersucht. Dazu werden Interviews mit mobilen Beschäftigten,
Personalverantwortlichen und Betriebsräten durchgeführt. Im Mittelpunkt der
Analysen stehen die Lebens- und Arbeitswirklichkeiten von Beschäftigten unter
der Bedingung steigender temporärer räumlicher Mobilität. Dazu werden
Mobilitätspraktiken und -politiken von Unternehmen untersucht und nach
subjektiven Anpassungsleistungen bzw. Widerständigkeiten der Individuen gefragt,
mit den gestiegenen Mobilitätsanforderungen umzugehen beziehungsweise diese zu
gestalten. Eine der Kernfragen ist, wie die mobilen Beschäftigten ihre sozialen
Beziehungen (soziale Netzwerke) innerhalb und außerhalb des Betriebs
organisieren und stabilisieren. Der Akzent hierbei liegt auf dem Verhältnis von
Gestaltung und Fremdbestimmung, denn die Mobilitätsanforderungen werden für die
Beschäftigten zunehmend zu einem Balanceakt von Anpassung und Gestaltung.
Von Gerlinde Vogl
Literatur:
-
IDC Report 2008: Worldwide Mobile Worker 2007-2011 Forecast and Analysis
-
Boltanski, Luc; Chiapello, Eve (2003): Der neue Geist des Kapitalismus.
Konstanz: UVK Verlag
-
Aharon Kellerman (2006): Personal mobilities. New York: Routledge
-
Richard Sennett (1998): Der flexible Mensch. Berlin: Siedler
Informationen: Dr. Gerlinde Vogl arbeitet am Lehrstuhl für Soziologie an der Technischen
Universität München mit den Forschungsschwerpunkten Mobilitätsforschung und
-politik, Arbeitsmarkt und Mobilität, Entrepreneurshipforschung., E-Mail: gerlinde.vogl@wi.tum.de
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Für weitere Informationen zum "beziehungsweise" kontaktieren Sie bitte beziehungsweise@oif.ac.at.
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