beziehungsweise 7 / 04 vom Montag, 5. April 2004
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
Working poor - Arbeit schützt vor Armut nicht
Trotz Erwerbstätigkeit sind einzelne Personen und auch Haushalte bedürftig
Armut fängt oft mit dem Verlust einer Erwerbstätigkeit an, endet aber nicht zwangsläufig mit der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. In Deutschland sind über zwei Millionen Menschen arm, obwohl sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Mehr als drei Millionen Menschen, darunter auch Kinder, sind indirekt von Armut trotz Erwerbstätigkeit betroffen. Die Hälfte der Armen lebt in einem Erwerbstätigenhaushalt, ein Viertel aller Armen ist vorwiegend Vollzeit erwerbstätig.
Der Volkswirt Wolfgang Strengmann-Kuhn hat sich mit dem in den USA schon lange bekannten Phänomen, dass Erwerbstätigkeit nicht vor Armut schützt, auseinander gesetzt. Aber nicht die Armutsbekämpfung sollte das Ziel sein, sondern die Vermeidung von Armut. Sozialpolitische Maßnahmen wie die Einführung eines Mindestlohnes oder eines Grundsicherungssystems für Erwerbstätige führt der Autor als Lösungsbeispiele für "working poor" an.
Als Datengrundlage für Deutschland wurden der Mikrozensus 1996 und das Sozio-Ökonomische Panel (SOEP) verwendet, für den Vergleich der EU-Länder das Europäische Haushaltspanel
(ECHP).
| Working
poor
„Working Poor“ - Armut trotz Erwerbstätigkeit - steht in den USA schon länger zur Debatte. Das Schlagwort
„working poor“ bezieht sich nicht nur auf Niedriglöhne (wie es in Deutschland schon einige Zeit der Fall ist), sondern generell auf die Verbindung von Erwerbstätigkeit und Armut. Ein Niedriglohn muss nicht gleich Armut bedeuten. Der Begriff
„working poor“ kann sich auf einzelne Personen oder auf Haushalte beziehen. |
Zu wenig Lohn für zu viele Personen
Die Gründe für Armut trotz Erwerbstätigkeit sind zum Einen ein zu geringes Einkommen, ein sogenannter Armutslohn. Davon sind vor allem Nicht-Vollzeiterwerbstätige und Alleinstehende betroffen beziehungsweise solche, die sich noch in Ausbildung befinden. Zum Anderen ergibt sich Armut trotz Erwerbstätigkeit durch den Haushaltskontext, also wenn mehrere Personen in einem Haushalt von einem einzigen Einkommen leben. In Deutschland sind beide Fälle gleich oft vertreten, in den restlichen EU-Ländern ist der Hauhaltskontext der häufigere Grund für Armut trotz Einkommen.
Arbeit - mehr als eine Geldquelle
Dem sozialen Grundsicherungssystem wird unterstellt, Armen zu wenige Anreize zu bieten, arbeiten zu gehen. Dahinter steckt die Theorie der Armutsfalle, die davon ausgeht, dass vernünftig handelnde Wirtschaftssubjekte den Nutzen von Erwerbstätigkeit versus den Nutzen von Nichterwerbstätigkeit abwägen.
Verschiedene Untersuchungen wie auch diese Studie haben ergeben, dass die Theorie der Armutsfalle mangelhaft ist. SozialhilfeempfängerInnen sind nicht dauerhaft arm, vor allem wenn sie arbeitslos sind. Zudem sind viele Arme erwerbstätig, wie diese Arbeit aufzeigt. Eine Erwerbstätigkeit ist weiters nicht nur wegen des Einkommens wichtig, sondern weist auch andere Aspekte auf wie sozialer Status, soziale Kontakte oder eine Beschäftigung an sich. Auch handeln Menschen rational und denken längerfristig, nämlich dass das Einkommen mit der Zeit steigt oder dass die Chancen auf einen Job im Zeitverlauf schlechter werden.
Falle Haushalt
Die Ergebnisse der Studie von Strengmann-Kuhn widerlegen auch, dass wie gemeinhin angenommen die in Deutschland bezahlten Löhne Armut verhindern.
Das Vorhandensein starker Gewerkschaften, die für ein existenzsicherndes Einkommen sorgen sollen, täuscht. Es ist ein Irrglaube, dass es sich bei erwerbstätigen Armen vorwiegend um Personen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen wie Teilzeitarbeit handelt. Demnach wären besonders Frauen, die verstärkt Teilzeit arbeiten, davon betroffen.
"Die Mehrheit der erwerbstätigen Armen sind Männer und Beschäftigte in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen, also mit unabhängiger, unbefristeter Vollzeiterwerbstätigkeit", klärt der Autor auf.
Die Armut ergibt sich oft dadurch, dass ein Haushalt mit Frau und Kindern mitfinanziert werden muss. Gründe, warum Frauen in einkommensarmen Haushalten weniger arbeiten, können fehlende oder zu teure Kinderbetreuungsmöglichkeiten sein, ein geringes Arbeitsangebot bzw. Arbeitslosigkeit, zu geringe Verdienstmöglichkeiten sowie eine traditionelle, geschlechtsspezifische Aufgabenteilung.
Working poor in der EU
Im EU-Vergleich weist Portugal die meisten erwerbstätigen Armen mit einem 10 %-igen Anteil an der portugiesischen Gesamtbevölkerung auf. In Dänemark, Deutschland, Finnland, Belgien und Österreich ist der Anteil an "working poor" mit unter 3 % gemessen an der Gesamtbevölkerung am geringsten.
Politik gegen Armut
Eine gute Möglichkeit, Armut trotz Erwerbstätigkeit zu verhindern sind Sozialleistungen. Leben Erwerbstätige mit RentnerInnen bzw. PensionistInnen zusammen, so führt auch ein Einkommen unter der Armutsgrenze meist noch nicht zu persönlicher Armut. Weniger wirksam erweist sich die Arbeitslosenunterstützung. Sozialhilfe, Wohngeld oder nur Kindergeld tragen am wenigsten dazu bei, Armut zu verhindern.
Erwerbstätige Arme sind vor allem verdeckte Arme. In Deutschland erhält nur ein relativ kleiner Teil Sozialhilfe. Dies kommt daher, dass viele ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend machen. Etwa 20 % der SozialhilfeempfängerInnen leben in einem Erwerbstätigenhaushalt.
Die hohen Dunkelziffern im Sozialhilfebereich erschweren sozialpolitische Maßnahmen. Eine Verringerung der verdeckten Armut kann durch verbesserte Informationen, Veränderungen im Verwaltungsablauf oder die Ausbezahlung der Sozialhilfe für Erwerbstätige durch das Finanzamt erreicht werden, schlägt Strengmann-Kuhn vor. Aber nicht nur die Armutsbekämpfung, sondern vor allem auch die Vermeidung von Armut ist wichtig. Maßnahmen dafür wären etwa die Erhöhung des Arbeitsangebots bei Frauen, Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Erwerb, ein besserer Familienlastenausgleich, ein Kindergeldzuschlag oder eine Kindergrundsicherung durch Aufstockung des Existenzminimums für Kinder durch Kindergeld in einkommensschwachen Haushalten. Noch effektiver wäre eine Kindergrundsicherung, wenn sie mit einer Lohnsubvention, die das Existenzminimum Erwerbstätiger sichert, kombiniert wird. Auf diese Weise könnten Armut trotz Erwerbstätigkeit und auch Kinderarmut wirksam und zielgenau bekämpft werden.
Informationen: Kontakt: Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Universität Hohenheim
Tel: +49-711-459-2586, E-Mail: strengma@uni-hohenheim.de Literatur: Wolfgang Strengmann-Kuhn: Armut trotz Erwerbstätigkeit. Analysen und sozialpolitische Konsequenzen. Frankfurt /M.: Campus-Verlag 2003.
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
Für weitere Informationen zum "beziehungsweise" kontaktieren Sie bitte beziehungsweise@oif.ac.at.
|