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Männlichkeit, Sexualität, Aggression

Eine Buchrezension zu Metzger & Dammasch 2017

Von: HELMWART HIERDEIS

In ihrer „Männer und ihre Krisen“ überschriebenen Einleitung umreißen die Herausgeber den Theorierahmen für die folgenden Beiträge. Die wichtigsten Auslöser für die Erschütterung des traditionellen Bildes vom Mann sehen sie im „Zusammenwirken von technologischen Umwälzungen, spätkapitalistischer Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse und gendertheoretisch begründeten sozialpolitischen Infragestellungen traditioneller Geschlechteraufteilung“ (S. 8) sowie in der Zuwanderung von überwiegend jungen Männern aus patriarchalisch orientierten Kulturen. Die Mixtur führe zu einem „Retraditionalisierungsdruck“ (S. 9), wie er in „der wachsenden Begeisterung rechtsnationaler und religiöser Gruppen für das traditionell machtvolle heterosexuelle Männerbild der Vormoderne“ (S. 10) sichtbar werde. In der Geschlechtsidentität sehen sie das Ergebnis eines Zusammenspiels von biologischen Determinanten und deren psychosozialen Modifikationen durch ödipale Prozesse im Rahmen der Mutter-Vater-Kind-Triade. Vor diesem Hintergrund bilden die Texte drei miteinander verknüpfte thematische Schwerpunkte ab: Anthropologie, Aggression und Sexualität.

In „Männlichkeit – ein neuer dunkler Kontinent der Psychoanalyse“ charakterisiert Josef Christian Aigner Forschungsdefizite und Fehlannahmen im Hinblick auf das Verständnis des Mannes. Er ruft die seit Devereux diskutierte Verwicklung des Forschers in seinen Gegenstand in Erinnerung, die in den Genderdebatten oft vergessen werde. Von besonderer Bedeutung sind für ihn die in den einschlägigen Theorien geleugneten unterschiedlichen Erfahrungen der Leiblichkeit bei beiden Geschlechtern. Michael Diamond diskutiert die Schwierigkeit, einen allgemeinen Begriff von „Männlichkeit“ zu entwerfen. Er nimmt an, „dass eine fundamentale Verlust- und Unzulänglichkeitserfahrung sowohl eine unbewusste Ablehnung der Weiblichkeit als auch eine Überbewertung der Phallizität nach sich zieht“ und „möchte zeigen, dass diese uranfängliche Vulnerabilität die archaische Matrix des männlichen phallischen Narzissmus, des ödipalen Konflikts und der Weiterentwicklung des Jungen zur reifen genitalen Position bildet“ (S. 36). Im Anschluss daran beschäftigt sich Simone Korff Sausse mit dem „Vaterwerden in Familie und Gesellschaft heute“. Historische Beispiele zeigten, dass Männer kaum lernten, sich selbst als Väter zu reflektieren – vielleicht aus der Angst heraus, ein solcher Blick könne ihnen „das Infantil-Sexuelle des Mannes“ oder „das Weiblich-Mütterliche im Mann“ oder „die Identifikation mit dem eigenen Vater“ (S. 98) zu sehr bewusst machen.

In „Aggression und Autorität in der Vaterschaft“ verdeutlicht Hans-Geert Metzger die Suche nach einem Vaterschaftskonzept, das einerseits Struktur- und Regelsetzung beinhaltet und damit Autorität repräsentiert, das aber andererseits nicht in aggressive patriarchalische Dominanz umschlägt. Nur ersteres ermöglicht dem Jugendlichen, der Identifikation mit dem väterlichen Aggressor zu entkommen und ein eigenes Wertbewusstsein zu entwickeln. Eine in den Männlichkeitsdiskursen kaum beachtete Frage bringt Dieter Bürgin in seinem Beitrag „Das Unverantwortliche- Verantwortliche in der Adoleszenz“ ins Spiel. (S. 123–150). Die Fähigkeit dazu, so seine These, wird im gegenseitigen Austrag von Begehren und Interessen erworben. Dagegen korrespondierten antisoziale Einstellungen mit der Unfähigkeit, Verantwortung für die eigene psychische Entwicklung zu übernehmen. Gestützt auf seine langjährigen Forschungen befasst sich Hans Hopf in „Unruhig-aggressive Jungen“ mit der Philobatie männlicher Heranwachsender. Sie ist für ihn anlagebedingter Bewegungsdrang und Externalisieren von Gefühlen und inneren Spannungen in einem. Psychoanalytisch gesehen handle es sich um einen Weg, mit Ängsten und psychischen Konflikten fertig zu werden. Damit die Philobatie die Entwicklung des Jungen nicht nachhaltig stört, bedarf es eines mütterlichen Objekts, das Containerfunktionen wahrnehmen kann, und eines väterlichen Objekts, das die Unruhe und Aggression des Jungen auffängt und liebevoll begrenzt. In „Aggressive Männlichkeit zwischen Ohnmacht, Angst und Allmachtsfantasie“ schlägt Frank Dammasch den Bogen von der Unruhe des Heranwachsenden zur Destruktivität. Am Beispiel eines aggressiven, sexualisierten und beziehungslosen Achtjährigen mit grandiosen Phantasien veranschaulicht er eine auch andernorts zu beobachtende zerstörerische männliche Dynamik. In der Therapie übernimmt der Analytiker eine haltende und damit sichernde Funktion, die beide Eltern nicht bieten können. Sie gewährleistet, dass das Kind die eigene Begrenztheit annehmen kann und sie nicht aggressiv und mit Allmachtsgehabe überspielen muss. Dass der Therapeut mit dieser Haltung gelegentlich sein Ziel nur teilweise erreicht, muss Mohammad Reza Davami in seinem Beitrag „Destruktive Aggressivität in einer transgenerational belasteten Vater-Sohn-Beziehung“ eingestehen, in dem er der Aggressionsentwicklung eines Mannes aus dem islamischen Kulturkreis nachgeht. Die Suche nach den Ursachen führt ihn zu einem lieblosen Vater, hinter dem aber weitere Vätergenerationen mit gleichen Beziehungsmustern sichtbar werden. Der Patient zeigt in kritischen Phasen narzisstische Rückzüge, Ohnmachtsgefühle, paranoide Verfolgungs- und Vernichtungsvorstellungen und Rachephantasien. Davami gelingt es zwar, den aggressiven Handlungsdruck zu verringern, aber der Patient verweigert den Blick auf die eigenen Anteile.

Peter Fonagy geht in „Eine genuin entwicklungspsychologische Theorie des sexuellen Lustempfindens“ von der Analyse eines Jugendlichen aus, der fürchtet, beim Sex in seiner Partnerin verloren zu gehen und der später sadistische Phantasien entwickelt. Fonagy stellt fest, dass die triebtheoretisch orientierte Psychoanalyse ihr Interesse an psychosexuellen Prozessen verloren hat und damit heute an der basalen Psychosexualität des Menschen vorbeigeht. Die Verleugnung des sexuellen Moments in der frühen elterlichen Affektregulation führt dazu, dass der Heranwachsende seine Genitalität erst in der Adoleszenz formen kann. In „Wenn Sex Angst macht“ berichtet Heribert Blass über Männer, die virtuell erzeugte sexuelle Phantasien realen sexuellen Begegnungen vorziehen, weil ihnen Frauen Angst machen. Bei Patienten, die „Cybersex“ bevorzugen, stößt er auf „eine Mischung aus Flucht und Kontrolle gegenüber Frauen und dem weiblichen Körper“ (S. 225). Pornografiekonsum, nimmt er an, könne manche Männer stabilisieren, weil sie glaubten, das Geschehen in der Hand zu haben, bei anderen löse er Ich/Über-Ich-Konflikte aus. Seinen Erfahrungen nach kann „Cybersex“ die sexuelle Identitätsbildung“ fördern. Wo er zwanghaft wird, ist in der Analyse seine „reparative Funktion zu beachten, um den Weg für eine weniger stereotype […] Sexualität zu eröffnen“ (S. 237). In „Reproduktionsmedizin als neuer Einstieg in die Elternschaft“ verweist Ute Auhagen-Stephanos auf die zunehmende Aktualität des Themas (2 % aller Kinder sind „technisch erzeugt“). Eine der Ursachen sieht sie darin, dass viele Frauen sich ihrem Körper entfremdet haben. Ihnen versucht sie mit dem von ihr bindungstheoretisch begründeten und inzwischen vielfach erprobten „pränatalen Mutter-Kind-Dialog“ dabei zu helfen, positive Vorstellungen von Empfängnis und Schwangerschaft zuzulassen und Kinder zu gebären. Hans-Geert Metzger stellt die Reproduktionsmedizin in seiner Beitrag über „Künstliche Befruchtungen, neue Sexualitäten und die Bedeutung der heterosexuellen Urszene“ in einen ideologiekritischen Kontext. Er sieht in ihr den Ausdruck einer Ideologie der Verfügbarkeit, weil sie aus „dem Kind ein rational geplantes Projekt mit zahlreichen Beteiligten“ (S. 262) macht. Metzger steht Annahmen skeptisch gegenüber, die „künstliche Befruchtungen als eine Möglichkeit der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit“ (S. 273) betrachten. Die Delegation des Kinderwunschs an die Reproduk-tionsmedizin löse keine Machtstrukturen auf, sondern Macht werde nur verschoben.

Die Beiträge machen deutlich, dass (1) Männlichkeit immer noch ein „dunkler Kontinent“ ist, über den gerade wegen seiner Mehrdimensionalität nur hypothetisch gesprochen werden kann; (2) eine Annäherung an das Verständnis von Männlichkeit ohne das Verständnis von Weiblichkeit unmöglich ist; (3) in der vorgeburtlichen wie in der nachgeburtlichen Entwicklung die virtuelle oder reale Triade eine zentrale Rolle für die Herausbildung der männlichen Identität spielt.

Resümee: Das Buch ist eine Bereicherung für die psychoanalytische Theoriebildung und ein lesenswerter Band für alle an Geschlechterfragen Interessierte, Männer wie Frauen.

 

Kontakt:
helmwart.hierdeis@web.de

Der Autor:
Helmwart Hierdeis, Prof. Dr., em. Erziehungswissenschaftler (Univ. Erlangen-Nürnberg, Innsbruck, Bozen-Brixen), Psychoanalytiker

Publikation:
Hans-Geert Metzger, Frank Dammasch (Hrsg.) (2017). Männlichkeit, Sexualität, Aggression. Zur Psychoanalyse männlicher Identität und Vaterschaft. Gießen: Psychosozialverlag. 279 Seiten, 29,90 Euro.

Ausführliche Besprechung am 02.01.2018 in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22532.php, Datum des Zugriffs: 16.04.2018.

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Juni 2018