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Leben, weil Mann lebt

Über Lebenssinn und Religiosität kirchenferner Männer in Deutschland


Was das Leben der Männer sinnvoll macht, ist letztlich ihr Leben selbst - so fasst der Soziologe Martin Engelbrecht das Ergebnis der Studie "Was Männern Sinn gibt" zusammen. Der Lebenssinn kirchenferner Männer liegt in dem, was sie vor allem in den Bereichen Erwerb, Partnerschaft und Familie erarbeiten, erleben und meistern. Dabei erfahren sie immer mehr Fremdbestimmung und “flüchten” sich in Gegenwelten wie der Natur, wo sie ihre Batterien wieder auftanken. Religion und Kirche werden weniger als spirituelle Quelle zur Deutung der Welt herangezogen, als vielmehr zur rituellen Gestaltung des Lebens und Werteerziehung der Kinder. Die Studie zur Erforschung der Religiosität kirchenferner Männer wurde von der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegeben und vom Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur an der Universität Bayreuth durchgeführt. Für die Querschnittuntersuchung wurden sechzig Männer aus Bayern und Sachsen im Alter von etwa zwanzig bis siebzig Jahren interviewt, ein Großteil davon ist evangelisch, ein Teil katholisch und einige konfessionslos. Männer erleben Bereiche wie die Erwerbstätigkeit, aber auch Partnerschaft und Kinder im Gegensatz zu früher zunehmend fremdbestimmt. Sie schaffen sich bewusst eine Gegenwelt, in der sie Kraft tanken und den Wert ihres Lebens selbst bestimmen. So eine Gegenwelt zur menschlichen Gesellschaft, die oft kräftezehrend erlebt wird, ist die Natur. Aber auch Sport (Extremsport) und Musik werden zur Regeneration und Sinnstiftung herangezogen. Der Großteil der Interviewten lebt in Familien und nimmt seine Verantwortung für die Familie sehr ernst, wobei dies besonders dann zutrifft, wenn Kinder da sind. Die meisten Männer fühlen sich auf sich selbst verwiesen, ein Teil der Männer glaubt jedoch an das Göttliche, das in die Welt hineinwirkt. Diese haben im Gegensatz zu den anderen Männern eine eigene Perspektive in Bezug auf die Zukunft der Gesellschaft oder des Menschen. Generell konzentrieren sich die befragten Männer aber auf das Handeln und Denken in der Welt. Dabei machen sie weniger ausgefeilte Pläne und treffen Entscheidungen, wenn sie anstehen und müssen dann mehr oder weniger unvorbereitet die Folgen bewältigen. Männer werden dennoch auch von Träumen und Wünschen und von der Faszination bestimmter Dinge beeinflusst sowie von Abneigungen, die in die oft von Gefühlen geleiteten Entscheidungsprozesse einfließen. Was die Haltung der kirchenfernen Männer gegenüber der Kirche betrifft, wird diese zwar zur rituellen Gestaltung von Lebensphasen und zur Werteerziehung der Kinder herangezogen, nicht aber zur Deutung der Welt sowie zur Entwicklung und Vertiefung der eigenen Lebensmotive. Der Projektleiter und Autor Martin Engelbrecht hat versucht, aus den Haltungen und Überzeugungen der Männer eine "gewünschte Kirche" zu rekonstruieren: Die Männer sehen sehr wohl, dass sich die Kirche bemüht, ein breites Angebot gottesdienstlicher, seelsorgerischer und sozialer Natur bereitzustellen. Sie missbilligen aber, dass dieses Engagement von der Ebene der ethischen und dogmatischen Entscheidungsfindung getrennt wird. "Solange die Kirchen also nur auf handlungspraktischer Ebene die ergebnisoffene Begegnung mit den Männern suchen, nicht aber auf der Ebene der Ethik und Dogmatik, wird sich das Bild einer machtorientiert wertsetzenden Hierarchie kaum aufweichen." Des Weiteren betont der Autor, dass die starke Bedeutung der Natur für Männer nutzbar gemacht werden könnte, indem Gottesdienste, Männertagungen und andere Veranstaltungen im "Grünen" abgehalten werden könnten. Für einen längerfristigen Erfolg müsste die Theologie aber gleichzeitig eine dogmatische Öffnung vollziehen und zu einem offenen Gesprächspartner werden. In der religiösen Landschaft Deutschlands zeichnet sich eine "von religiösen Großorganisationen und Traditionen gelöste und selbstentpflichtete, freischwebende Spiritualität bei langsam aber stetig schrumpfender Plausibilität kirchlicher Institutionen" ab. Zu dieser "freischwebenden Spiritualität" gesellen sich Visionen einer besseren Welt bzw. Gegenwelt, aber auch wachsende Skepsis und innere Distanz gegenüber aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, insbesondere im Bereich der Wirtschaft. Dieses große Potenzial wird, wenn Kirchen es nicht nutzen, früher oder später von anderen sozialen Bewegungen aufgegriffen. | red


Informationen: Bestellung der Studie: Bundesstelle der Männerarbeit der EKD Tel: +49-561-710181, E-Mail: info@maennerarbeit-ekd.de
Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Männerarbeit der EKD (Hrsg.): Was Männern Sinn gibt. Abschluss-bericht zum Forschungsprojekt "Die unsichtbare Religion kirchenferner Männer". Kassel 2005

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe 24/2005.