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Regionale und kinderorientierte ist zukunftsorientierte Familienpolitik

Hofrat Werner Höffinger, ehemaliger oberösterreichischer Familienreferent, über die Bedeutung und Zukunft der Familienpolitik


Als jemand der schon seit drei Jahrzehnten in der Familienpolitik engagiert ist, möchte ich zwei Entwicklungen der vergangenen Jahre hervorheben, die in der Gegenwart verstärkt wirken und deren Weiterentwicklung notwendig ist, damit eine Familienpolitik tatsächlich das Prädikat zukunftsorientiert verdient. 

Die zwei großen tragenden Säulen von besonderer Wichtigkeit sind die regionale Familienpolitik und die kinderorientierte Familienpolitik, wenn wir der Familie und der Politik für sie Zukunft geben wollen. Hier steht die Familienpolitik tatsächlich an Wendepunkten. Regionale Familienpolitik bedeutet die stärkere Durchdringung mit den die Familie betreffenden Anliegen in ihrem unmittelbaren Lebensraum. Kinderorientierte Familienpolitik (nicht nur kleinkinderorientierte) basierend auf mehr Raum, mehr Zeit und mehr Liebe ist notwendig - tatsächlich im Sinne von Not wendend - nicht nur angesichts der demographischen Entwicklung, sondern weil die Kinder heute ernstlich in Gefahr sind, in einen sozialen Entsorgungssog zu geraten: Kinder stören in unserer Kultur, sie stören in den Kirchen, in den Betrieben, bei öffentlichen Veranstaltungen, sie stören das Lifedesign von Männern, von Vätern, aber auch von Müttern. Dem gilt es, entgegenzuwirken, wollen wir die humane Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nicht aufs Spiel setzen.

Dass Politik und Gesellschaft - auf allen politischen Ebenen - draufkommen müssten, dass Kinder und Familien das Wichtigste sind, was wir haben, hat die frühere deutsche Familienministerin und spätere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth so auf den Punkt gebracht: Wenn wir nicht lernen, unsere Gesellschaft von den Familien und insbesondere von den Kindern her neu zu organisieren, werden wir aus vielen Sackgassen nicht herauskommen. 
Das ist nicht nur ein Appell an die gesamtstaatliche Ebene, das gilt für den Ort, die Region, die Betriebe, die Wohnung, für jeden Einzelnen. 
Seit es in Oberösterreich seit 1986 ein eigenständiges Familienreferat gibt, haben wir versucht, in diesen Lernprozess einzutreten. Drei Feststellungen, ja Überzeugungen, prägen die Arbeit im Familienreferat und sind auch meine persönliche Richtschnur:

- Die Wertschätzung der Familie entscheidet nicht nur über persönliches, individuelles Glück, sondern auch über den Zustand und die Zukunft der Gesamtgesellschaft - das gilt in besonderer Weise auch für den unmittelbaren Lebensraum, den Ort, die Region, dort wo die Familien leben.

- Durch heutige gesellschaftliche und familienpolitische Entscheidungen verbessern oder verschlechtern wir die Lebenschancen der nachfolgenden Generationen - das gilt auch und in ganz besonderer Weise für den unmittelbaren Lebensraum, wo klimatische und atmosphärische Verbesserungen das JA zum Kind und das JA zur Familie fördern oder hindern können.

- Nach und nach - nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung - scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Entscheidung für Familie und Kinder zwar eine höchstpersönliche ist, Familie aber dennoch nicht reine Privatsache ist, weil ohne Familie kein Staat zu machen ist, aber auch kein Land, keine Region, kein Bezirk und keine Gemeinde. Wenn es den Familien mit ihren Kindern gut geht, geht es dem Staat, dem Land, den Bezirken, den Regionen und Kommunen gut. 

Was ist überhaupt die Legitimation für familienorientiertes Handeln und familienpolitisches Arbeiten? Die Legitimation liegt darin, weil sich - Umfragen zeigen dies schon seit Jahren - Menschen für ein geglücktes Leben Familie, Beziehung auf Dauer und Kinder wünschen. Der Kinderwunsch ist da, seine Realisierung ist zu ermöglichen. Viele vorfindbare Indikatoren zeigen in eine andere Richtung und durch unsere Gesellschaft geht eine Bruchlinie: Das, was sich Menschen wünschen gelingt immer weniger. Dabei wird aber kein individuelles Versagen geortet, sondern vor allem strukturelle Rücksichtslosigkeiten, d. h., schiefe und korrekturbedürftige Ebenen in unserer Gesellschaft zu Lasten unserer Familien. Die Arbeit des Familienreferats auf Landesebene ist von besonderer Bürgernähe, also nah bei den Leuten und nicht am Markt vorbeiproduzierend, sie ist geprägt von besonderer Nachhaltigkeit, weil wir auf Verlässlichkeit, Kontinuität und auf Dauer angelegte Maßnahmen und Zusammenarbeit mit den verschiedenen Einrichtungen Wert legen, und sie ist von Professionalität durch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geprägt, die mit hoher Motivation, Lernbereitschaft und Zielorientiertheit arbeiten.

Ich bin davon überzeugt, dass vor allem vier Ausprägungen für eine zukunftsorientierte Familienpolitik Leitlinienfunktion haben werden. Es ist dies der lebensphasenspezifische Ansatz, d. h., Familienpolitik wird sich verstärkt an den verschiedenen Lebensphasen der Familien zu orientieren haben, es ist dies der adressatenspezifische Ansatz, d. h., Familienpolitik wird besondere Lebensformen und Lebenssituationen als Adressaten berücksichtigen müssen, es ist dies der generationensolidarische Ansatz, d.h., Familienpolitik wird nicht mehr nur in Richtung Kind, sondern auch in Richtung alter Mensch in der Familie zu orientieren sein und es ist dies der lebensräumliche Ansatz, d. h., der Familienpolitik, die im unmittelbaren Lebensumfeld von Familien ansetzt, wird in Zukunft größeres Gewicht beigemessen werden müssen. Alle diese Ausprägungen greifen selbstverständlich ineinander und sind Handlungsfelder für alle politischen Ebenen. Und auf allen Ebenen können diese drei Grundsätze zukunftsorientierter Familienpolitik realisiert werden: 

- Anerkennung der Leistungen der Familie
- Schaffung von Rahmenbedingungen, dass Beziehung zwischen den Geschlechtern und Genrerationen besser gelingt
- Familien so stützen, dass sie aus eigener Kompetenz ihre Aufgaben erfüllen können, bzw. sie dort entlasten, wo sie mit Problemen alleine nicht fertig werden.

Angesichts dessen, was der gegenseitige Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Gemeinden in Österreich gebracht hat, wünsche ich mir, dass Familienpolitik verstärkt Thema und Austauschmaterie in der Europäischen Union wird. Und ich wünsche mir auch, dass wir vom Krankjammern der Familie und vom Malen von Krisengemälden wegkommen, hin zum Mutmachen für diesen Lebensentwurf. Wir brauchen nicht die Miesmacher, sondern die Mutmacher. Das chinesische Schriftzeichen für Krise setzt sich zusammen aus dem Schriftzeichen für Gefahr und Chance. Sicherlich sind rund um die Familie Gefährdungen zu orten. Sicherlich aber auch - die Wünsche junger Menschen weisen darauf hin - jede Menge Chancen.



Dieser Kommentar ist ein Auszug aus der Rede HR Werner Höffingers bei der internationalen Fachkonferenz “Funktionierende Familie: Grundlage der Entwicklung des Wohlstands des Staates” in Prag.

Der Familie verpflichtet - in allen Lebensphasen

Nach vielen Jahren guter und erfolgreicher Zusammenarbeit fällt der Abschied vom wirklichen Hofrat Dkfm. Werner Höffinger anlässlich seiner Pensionierung als oberösterreichischer Familienreferent und Sprecher der Familienreferentinnen und -referenten aller Bundesländer besonders schwer. 30 Jahre lang hat sich Hofrat Höffinger in der Familienpolitik engagiert, sich für die Anliegen der Familien, insbesondere der Kinder eingesetzt. Er hat das oberösterreichische Familienreferat 1986 nicht nur aufgebaut, sondern in besonderer Weise im Sinne seiner Wertschätzung für die Familie bis zu seiner Pensionierung geleitet. 
Was uns bleibt, ist die Gewissheit, dass wir in ihm weiterhin einen engagierten Menschen für die Familie finden werden, der nicht den Rücken zukehrt, sondern sich weiter für die Belange der Familie einsetzt. In dieser Rolle darf ich Hofrat Höffinger als ein Gründungsmitglied des Österreichischen Instituts für Familienforschung meinen ganz besonderen Dank aussprechen, insbesondere weil er durch seine jahrelange Unterstützung des ÖIF einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung einer institutionellen Familienforschung in Österreich geleistet hat. Insofern schätze ich zutiefst die Entscheidung von Hofrat Höffinger, seine Funktion im Kuratorium des ÖIF auch weiterhin wahrzunehmen und freue mich auf eine weitere gute Zusammenarbeit in der Zukunft.

Brigitte Cizek
Geschäftsführerin des ÖIF



Informationen: Hofrat Dkfm. Werner Höffinger, ehemaliger oberösterreichischer Familienreferent und Sprecher der FamilienreferentInnen aller Bundesländer, E-Mail: dkfm.hoeffinger@aon.at