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Die Verbindungslücke

Ein Blick auf die Ganztagsschulen in Deutschland

Von: Natalie Fischer


Der regelmäßige Austausch zwischen Lehrkräften und dem sonstigen pädagogischen Personal ist eine wesentliche Voraussetzung, um den Bildungsauftrag der Ganztagsschule zu erfüllen. Woran die Zusammenarbeit bislang scheiterte – und warum ein Umdenken aller Beteiligten erforderlich ist, soll dieser Beitrag vermitteln. 

Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen im Rahmen des Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ (2003–2009) verfolgte die deutsche Bundesregierung unter anderem das Ziel, die individuelle Förderung zu verbessern und die Chancengerechtigkeit zu erhöhen. Dennoch zeigen die Forschungsergebnisse seitdem immer wieder, dass insbesondere in der Grundschule die Teilnahme an Ganztagsangeboten sozial selektiv ist (StEG-Konsortium 2010). Hier nehmen beispielsweise Kinder aus Familien mit sozioökonomisch höherem Status eher teil. Dies wird unter anderem mit dem ungleichen Betreuungsbedarf erklärt, der in Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, häufiger gegeben ist. 

Tatsächlich, das offenbaren auch die Ganztagsschuldefinitionen der deutschen Bundesländer, soll mit der Ganztagsschule zunächst die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Dass die Ganztagsschule in der Grundschule diesem Anspruch gerecht wird, ist unbestritten. Der vorliegende Artikel beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit dem Bildungsanspruch der Ganztagsschulen und beleuchtet dabei die konzeptionelle Verbindung zwischen Ganztagsangeboten und Unterricht – ein Thema, das hinsichtlich seiner Wirksamkeit bisher kaum untersucht wurde, obwohl es laut Definition der Kultusministerkonferenz(KMK) ein konstitutives Merkmal der Ganztagsschulen sein soll. 

Zwischen Anspruch und Realität besteht eine Kluft
Die meisten deutschen Bundesländer übernehmen dieses KMK-Kriterium in ihre Definition, ohne Angaben zur Ausgestaltung zu machen. Einzig das Saarland legt fest: „Zur personellen und inhaltlichen Verzahnung des außerunterrichtlichen und unterrichtlichen Angebots wirken pädagogische Fachkräfte mit Unterstützungsangeboten im Unterricht mit, während Lehrkräfte auch im Freizeitbereich Angebote machen“ (Ganztagsschulverordnung vom 30.01.2013). Hier geht es also nicht mehr um die konzeptionelle, sondern um die tatsächliche Verknüpfung im Schulalltag. Solche Aktivitäten sind im Grunde die Voraussetzung, um dem Anspruch verbesserter fachlicher Förderung gerecht zu werden. Nur wenn in Angeboten der Ganztagsschule gezielt an Inhalten aus dem Unterricht weiter gearbeitet wird, kann sich die effektive Lernzeit, also die Zeit für die Auseinandersetzung mit einem Lerngegenstand, erhöhen. Auch können Förderangebote dann für eine verbesserte individuelle Diagnostik genutzt werden. Wichtig ist aber ein gezielter Austausch zwischen dem Personal in den Angeboten und den Lehrkräften im Unterricht. 

Bundesweit repräsentative Schulleitungsbefragungen im Rahmen der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG)“ bestätigten allerdings, was sich bereits in den Antworten von Lehrkräften und Personal in der ersten Phase der Studie angedeutet hatte: Die tatsächliche Verbindung von Unterricht und Angeboten klappt nicht in allen Schulen. So bejahen sowohl im Jahr 2012 als auch im Jahr 2015 die Hälfte der Schulleitungen aller befragten Schulformen die Aussage „Unterricht und Angebote sind wenig verknüpft“ mit steigender Tendenz – es gibt demnach immer weniger solcher Verbindungen in den Grundschulen. 

Dies kann unter Umständen auch mit der gerade in den offenen Ganztagsgrundschulen häufig verbreiteten Praxis zusammenhängen, den Nachmittag über außerschulische Träger gestalten zu lassen. Zwar zeigt die StEG-Studie, dass (nach Angaben der Schulleitungen) Förderangebote in der Regel einer Aufarbeitung von Defiziten aus dem Unterricht dienen sollen, ein Austausch über Lerninhalte und -methoden oder eine Entwicklung gemeinsamer Konzepte findet aber nur in etwa der Hälfte aller Schulen statt. Noch seltener werden Themen des Fachunterrichts in außerunterrichtlichen Angeboten vertieft. Öfter dagegen erfolgt ein Austausch über die Lernentwicklung und Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler. Allerdings ist auch hier in der Grundschule zwischen den Jahren 2012 und 2015 ein signifikanter Rückgang zu erkennen (StEG-Konsortium 2015). 

Unterricht und Ganztagsangebote verfolgen unterschiedliche Bildungsziele
Es stellt sich nun die Frage, ob eine Verbindung zum Unterricht immer sinnvoll und wünschenswert ist. Ganztagsangebote haben vielfältige Inhalte und Ziele und sollen nicht nur fachspezifische, sondern auch musische, kulturelle und sportliche Inhalte abdecken. Vielfach ist gezeigt worden, dass die Teilnahme an Ganztagsangeboten vor allem das soziale Lernen unterstützen kann (StEG-Konsortium 2010; 2016). Ein wichtiges Qualitätsmerkmal der Angebote ist in diesem Zusammenhang das Autonomieerleben der Schülerinnen und Schüler. Mitbestimmung und Selbstorganisation sind aber nicht nur bezüglich Motivation und Lernleistungen wichtig, sie stellen eigenständige Bildungsziele dar. 

Trotz des oben beschriebenen breiten Bildungsanspruchs wird in der Regel in den Ganztagsschuldefinitionen eher von stark formalisierten Angeboten ausgegangen als von freier Zeit zu Selbstnutzung und -gestaltung (unter Anwesenheit autonomieunterstützender Erwachsener). Diese freie Zeit jedoch, die man auch als „Betreuung“ bezeichnen könnte, hat eventuell das größte Potenzial für das Partizipationslernen und den Aufbau von Selbstregulationskompetenzen, die wichtig für lebenslanges Lernen sind. In Bezug auf diesen Bildungsanspruch der Ganztagsschule könnte eine thematisch-inhaltliche Verzahnung mit dem Unterricht kontraproduktiv sein. 

Allerdings gibt es Möglichkeiten der Verbindung, die sich eindeutig mit diesem erweiterten Bildungsanspruch vereinbaren lassen. Sie kann nämlich auch über das „Leitbild“ (Haenisch 2009) erfolgen – also über allgemein gültige Normen, Regeln und Umgangsformen, die im Unterricht und in den Angeboten Anwendung finden: Es handelt sich dabei um eine rein konzeptionelle Verbindung von Unterricht und Angeboten. Auch diese lässt sich nicht ohne Zusammenarbeit umsetzen, und die Einbindung des Personals in das Schulleben ist eine wichtige Voraussetzung. Wenn das Ganztagspersonal (oder gar der Träger des Ganztags) das Leitbild der Schule nicht kennt beziehungsweise ihm dieses nicht vermittelt wird, kann es auch keine Verbindung geben. 

Häufiger Personalwechsel und Zeitmangel erschweren die Kooperation 
Die Ganztagsschule ist mit vielen Bildungsansprüchen aufgeladen. Die Verbindung von Angeboten und Unterricht könnte ein Weg sein, diese Ansprüche (besser) zu erfüllen. Will man dieser Verbindung, insbesondere im Grundschulbereich, und der Forderung nach Chancengerechtigkeit entsprechen, dann sollte man die Ganztagsausbildung unabhängig vom Betreuungsbedarf der Eltern anbieten. 

Die StEG-Ergebnisse legen nahe, dass es sinnvoll sein könnte, von dem Anspruch einer rein fachlichen Förderung abzurücken und stattdessen den Bildungsauftrag der Ganztagsangebote gerade im Bereich des sozialen Lernens und der Selbstorganisation anzusiedeln. Hierzu bedarf es vor allem einer konzeptionellen Verbindung mit dem Unterricht. Selbst diese kann, so zeigt die Praxiserfahrung, häufig nicht umgesetzt werden; insbesondere dann, wenn nachmittags das gesamte Personal wechselt oder Honorarkräfte nur stundenweise und über kurze Zeiträume beschäftigt werden. 

Wenn die Verbindung zwischen Angeboten und Unterricht weiterhin konstitutives Merkmal der Ganztagsschule bleiben soll, dann müssen sich die Bundesländer auch darüber im Klaren sein, dass alle Formen der Verbindung ein organisiertes Zusammenwirken und damit auch Zeit benötigen. Die StEG-Studie (2015) zeigt, dass es in allen untersuchten Schulformen nur in circa 10 Prozent der Schulen festgelegte Zeiten für den Austausch von Lehrkräften und pädagogischem Personal gibt. Hier könnte eine Stärkung finanzieller und personeller Ressourcen förderlich sein. 

Gleichzeitig erfordert diese Art der Kooperation bei allen Beteiligten ein Umdenken, was den Auftrag der Schulen anbelangt. Wenn sich Lehrkräfte primär für die Vermittlung von Fachwissen zuständig fühlen und alles andere in den Nachmittag „ausgelagert“ wird, kann kein produktiver Austausch erfolgen. Perspektivisch kann man bereits in der Ausbildung ansetzen: Wenn sich hier ein Verständnis für die jeweils andere Berufsgruppe und verschiedene Bildungsziele etablieren lässt, wäre zumindest eine Hürde genommen. Dies kann auch im Rahmen von gemeinsamen Fortbildungen geschehen, die bisher noch eher selten angeboten und genutzt werden.

1 Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Kurzform: Kultusministerkonferenz, KMK) ist ein Zusammenschluss politischer Organe, der die Bildungs- und Kultuspolitik der Länder koordinieren soll.


Literatur
Haenisch, Hans (2009): Verzahnung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten im offenen Ganztag. In: Der GanzTag in NRW, Heft 5, S. 6–27.
StEG-KONSORTIUM (2010): Ganztagsschule - Entwicklung und Wirkungen. Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen 2005–2010. Frankfurt am Main.
StEG-KONSORTIUM (2015): Ganztagsschule 2014/2015. Deskriptive Befunde einer bundesweiten Befragung. Frankfurt am Main.
StEG-KONSORTIUM (2016): Ganztagsschule: Bildungsqualität und Wirkungen außerunterrichtlicher Angebote 2015. Frankfurt am Main.


Die Autorin

Prof. Dr. Natalie Fischer arbeitet seit dem Jahr 2006 an der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) mit und war von 2008 bis 2014 wissenschaftliche Koordinatorin der Studie am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main. Seit September 2014 leitet sie das Fachgebiet Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Soziale Beziehungen in der Schule“ an der Universität Kassel. 

Zur Studie
Die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) ist ein länderübergreifendes Forschungsprogramm zur Entwicklung von Ganztagsschulen und -angeboten und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (2005 bis 2011 auch aus dem Europäischen Sozialfonds) gefördert. Das Projekt wird gemeinsam von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), des Deutschen Jugendinstituts (DJI), des Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund (IFS) sowie der Justus-Liebig-Universität Gießen durchgeführt. 

Die jüngst erschienene Broschüre „Ganztagsschule: Bildungsqualität und Wirkungen außerunterrichtlicher Angebote“ fasst die aktuellen Forschungsbefunde der zweiten Förderphase der StEG-Studie zusammen. Im Zentrum der Forschungen zwischen den Jahren 2012 und 2015 standen die Bildungsqualität von Ganztagsangeboten, deren Auswirkungen auf die Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung sowie auf die weitere Bildungslaufbahn der Schulkinder. Zudem gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des StEG-Konsortiums in der Zusammenstellung auf die Ergebnisse einer kürzlich erfolgten bundesweit repräsentativen Schulleitungsbefragung ein. Weitere Informationen zur Studie sind im Internet unter www.projekt-steg.de erhältlich. 

Alle bisher erschienenen Ergebnisbroschüren des StEG-Konsortiums sind unter www.projekt-steg.de/content/broschüren abrufbar.


Der Text wurde mit Genehmigung der Autorin und der Redaktion des Bulletins „impulse“ des Deutschen Jugendinstituts veröffentlicht: www.dji.de

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Jänner/Februar 2017