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Stieffamilien

Wie Eltern bei der Erziehung zusammenarbeiten

Von: Christine Entleitner-Phleps und Sabine Walper


Müttern und Vätern in Stieffamilien fällt es oft schwerer als Eltern von Kernfamilien, Entscheidungen bei der Erziehung gemeinsam zu treffen. Der folgende Text soll einen Einblick in ein kaum erforschtes Thema gewähren:

Da (Lebens-)Partnerschaften mit Kindern zunehmend instabiler werden, rücken Stieffamilien als „Folgefamilien“ immer häufiger in das Blickfeld des öffentlichen Interesses. Stieffamilien sind allerdings kein neues Phänomen. In früheren Zeiten entstanden sie vor allem durch den Tod eines Elternteils, häufig durch hohe Müttersterblichkeit, aber auch durch den Verlust des Vaters im Krieg. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Trennung oder Scheidung der leiblichen Eltern zum wesentlichen Entstehungskontext von Stieffamilien. 

Trotz des gestiegenen Interesses gibt es nur begrenzte Informationen zur Zahl von Stieffamilien in Deutschland. Wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema legen ihren Fokus meist auf primäre Stieffamilien: Das sind Familien, in denen ein leiblicher Elternteil mit Kind(ern) und einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin in einer Haushaltsgemeinschaft zusammenleben. Im Gegensatz dazu definieren sich sekundäre Stieffamilien darüber, dass (Stief-)Kinder nur zeitlich begrenzt (zum Beispiel am Wochenende) im Haushalt leben. Schätzungen zufolge liegt der Anteil der primären Stieffamilien an allen Haushalten mit minderjährigen Kindern zwischen 10 und 14 Prozent (Heintz-Martin et al., in Druck; Steinbach 2008; Kreyenfeld/Martin 2011). 

Wird in eine Stieffamilie zusätzlich zu dem Stiefkind ein gemeinsames Kind geboren, so entsteht eine sogenannte komplexe Stieffamilie, die man auch als gemischte oder »blended« Familie bezeichnet (vom englischen „to blend“: vermischen). Diese Familienform wird in der Forschung oft vernachlässigt und nicht als eigenständige Familienform ausgewiesen. 

Coparenting als zentrale Herausforderung
Eine zentrale Herausforderung für Eltern in allen Familien ist es, in der Erziehung gut zu kooperieren. Dieses Zusammenspiel der Eltern – in der wissenschaftlichen Literatur bekannt als „Coparenting“ – umfasst die wechselseitige Unterstützung und Beteiligung beider Partner in der Erziehung und Betreuung der Kinder (Deutsch 2001). Dazu gehört auch die gegenseitige Wertschätzung in der Erziehungsarbeit und der Respekt vor den Bemühungen des anderen (Cohen/Weissmann 1984). 

Im Fall einer Stieffamilie ist die elterliche Zusammenarbeit eine besonders schwierige Aufgabe: Der leibliche Elternteil hat einen Startvorteil, da dieser das Kind von Geburt an kennt. Ein sogenannter sozialer Elternteil hingegen kommt in der Regel erst später dazu und ist weniger mit dem Kind vertraut. Häufig ist unklar, inwieweit neue Partnerinnen und Partner in die Erziehung einbezogen werden sollen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, wie komplexe Familien Coparenting gestalten, da sowohl Stiefkinder als auch leibliche Kinder in einem Haushalt leben. Da wenig darüber bekannt ist, wie Stieffamilien die Zusammenarbeit in der Erziehung von leiblichen Kindern und Stiefkindern gestalten, steht diese Frage im Zentrum der folgenden Auswertungen. Sie stützen sich auf die neuesten Daten aus den Jahren 2013 und 2014 der zweiten Befragung des Surveys des Deutschen Jugendinstituts (DJI) „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A II). 

Die Studie
Für die Auswertung wurden 6.577 Kinder im Alter von 0 bis unter 9 Jahren ausgewählt, die entweder mit beiden leiblichen Elternteilen (Kernfamilie) oder mit einem leiblichen und einem sozialen Elternteil und gegebenenfalls (Halb-)Geschwistern gemeinsam in einem Haushalt leben. Beschränkt man sich auf diese Zwei-Eltern-Familien, lebt die überwiegende Mehrheit der Kinder dieser Altersgruppe in einer Kernfamilie (94,2 Prozent der 6.577 Kinder zwischen 0 und 8 Jahren). Das heißt, dass in diesen Fällen alle Kinder im Haushalt die leiblichen Kinder beider Partner sind. 

Der geringe Anteil der Stieffamilien mag zunächst verwundern. Allerdings ist zu bedenken, dass die im Fokus stehenden Kinder noch jung sind und das Zeitfenster für eine Trennung oder Scheidung und eine sich anschließende neue Partnerschaft schmal ist. Tatsächlich sind nur sehr wenige Kinder Stiefkinder in einer „reinen“, primären Stieffamilie (0,7 Prozent). Häufiger kommen hingegen Familien mit einem älteren Halbgeschwisterkind und mit einem jüngeren gemeinsamen Kind vor, das in den allermeisten Fällen im Fokus der Untersuchung steht (komplexe Familien: 5,1 Prozent). 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der Eltern im Vergleich der drei Familienformen? In der Studie AID:A II des DJI wurden unterschiedliche Aspekte des Coparentings erfragt, etwa ob „ein Partner nachsichtig ist, der andere eher streng“. Es zeigt sich, dass gerade bei der Inkonsistenz zwischen den beiden Elternteilen große Probleme bestehen: 26,3 Prozent der komplexen Familien haben damit Schwierigkeiten, verglichen mit 13,3 Prozent der Stieffamilien. Bei Kernfamilien sind es 18,8 Prozent, die hier über Probleme berichten. Bei AID:A wurden die Elternteile außerdem gefragt, ob sie „grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen von Kindererziehung“ haben, ob „Diskussionen über die Erziehung der Kinder häufig im Streit enden“ und ob sich die Eltern „gegenseitig in den Rücken fallen“. In diesen Bereichen geben sowohl Eltern in Stieffamilien als auch diejenigen in komplexen Familien häufiger Probleme an als Eltern in Kernfamilien. All diese Aspekte werden aufsteigend bewertet von 1 („damit haben wir gar keine Probleme“) bis 4 („damit haben wir große Probleme“).

Teamwork ist für alle Eltern wichtig 
Zusätzlich wurden die Eltern danach gefragt, inwieweit sie wichtige Entscheidungen in der Kindererziehung gemeinsam treffen. Auch hier lässt sich darauf schließen, dass die Partner in Stieffamilien und komplexen Familien bei der Elternrolle schlechter kooperieren: Sie geben deutlich seltener als Eltern in Kernfamilien an, wichtige Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei der Beantwortung der Frage, ob die Eltern bei der Kindererziehung ein gutes Team sind: Eltern in Stieffamilien beantworten dies seltener zustimmend als komplexe Familien und Kernfamilien (siehe Abbildung 1). Demnach könnte ein gemeinsames Kind doch den Teamgeist der Eltern stärken, selbst wenn die Kooperation erschwert ist.

Zusammenfassend konnte mit diesen ersten Ergebnissen aus dem DJI-Survey AID:A II gezeigt werden, dass Eltern in Stieffamilien und komplexen Familien etwas häufiger mit Problemen bei der Zusammenarbeit in der Erziehung konfrontiert sind als Eltern in Kernfamilien. In zukünftigen Analysen muss geklärt werden, welche weiteren Faktoren dazu beitragen und welche Zusammenhänge zwischen Coparenting und der Entwicklung der Kinder bestehen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle des externen Elternteils in Stieffamilien.

Literatur
Cohen, Rebecca; Weissmann, Sidney (1984): The parenting alliance. In: Cohen, Rebecca; Cohler, Bertram; Weissmann, Sidney (Hg.): Parenthood: A psychodynamic perspective. New York, S. 33–49.
Deutsch, Francine (2001): Equally shared parenting. In: Current directions in psychological science 1, S. 25–28.
Kreyenfeld, Michaela; Martin, Valerie (2011): Economic conditions of stepfamilies from a cross-national perspective. In: Zeitschrift für Familienforschung 2, S. 128–153.
Heintz-Martin, Valerie et al. (in Druck): Doing (step)family: family life in (step)families in Germany. In: Zeitschrift für Familienforschung, s.p.
Steinbach, Anja (2008): Stieffamilien in Deutschland. Ergebnisse des „Generations and Gender Survey“ 2005. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 33, S. 153–180.


Die Autorinnen

Dr. Christine Entleitner-Phleps ist Mitarbeiterin im Kompetenzteam „Familie“ des DJI-Surveys AID:A („Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“) in der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstituts DJI. Sie forscht unter anderem zur Alltagsgestaltung des Familienlebens in unterschiedlichen Familienformen.
Kontakt: entleitner-phleps@dji.de

Prof. Dr. Sabine Walper ist Forschungsdirektorin des DJI und hauptverantwortlich für den DJI-Survey AID:A. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Scheidungs- und Trennungsforschung mit besonderem Blick auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
Kontakt: walper@dji.de 


Informationen 
AID:A II - Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten
www.dji.de



Der Text wurde mit Genehmigung der Autorinnen und der Redaktion des Bulletins DJI Impulse des Deutschen Jugendinstituts übernommen.

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe April 2017