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Aktive Vaterschaft – ein Generationengewinn

Gesellschaftlicher Wandel in Österreich

Von: Gerlinde Mauerer


Die in diesem Beitrag vorgestellten Forschungsarbeiten zeigen qualitative und quantitative Auswirkungen auf die Beteiligung von Vätern in der Familien- und Haushaltsarbeit durch den Bezug von Kinderbetreuungsgeld in Österreich. Das erste dazu durchgeführte Projekt fokussierte auf das Alltagshandeln der Väter in Karenz. Für einige Väter waren ihre Erfahrungen im Haushalt mit Kind Neuland, sie erarbeiteten sich Alltagsroutinen während der Väterkarenz: Je länger die Karenz andauerte, umso nachhaltiger war die Beibehaltung der erworbenen Kompetenzen. Im Folgeprojekt zu „Konstruktionen von Männlichkeit und Vaterschaft“ wurden, basierend auf diesem Ergebnis, Väter befragt, die mindestens sechs Monate in Väterkarenz waren. Im Weiteren wurden Partnerinnen der zuvor interviewten Karenzväter befragt und ihre Expertisen miteinbezogen. Im Anschluss daran wurden Expertisen von Personalverantwortlichen und Arbeitsmarktexperten und -expertinnen zu Elternteilzeitarbeitsmodellen eingeholt. Es zeigte sich, dass ein  Gleichziehen der Väter hier sehr langsam voranschreitet (vgl. Abbildungen 1-3). Im letzten und aktuellen Projekt zu „Nach der Väterkarenz“ wurde analysiert, wie nachhaltig Erfahrungen aus der Väterkarenz im weiteren familiären Alltagsmanagement sind. 

Abbildung 1: Teilzeitarbeit und berufliche Inaktivität nach Geschlecht in Europa, in %; Quelle: Eurostat 2012

Väter als Kinderbetreuungsgeldbezieher
Das Kinderbetreuungsgeld in Österreich ermöglicht die aktive Beteiligung von Vätern im Baby- und Kleinkindalter ihrer Kinder. Während im traditionell-männlichen Rollenbild ein Hauptfokus auf väterliche Erwerbsarbeit als Familienbeitrag gerichtet war, so erweitert sich dieses Bild hin zu tatkräftiger Beteiligung in der Kinderbetreuung und im Haushalt. Langfristig ist dieses „neue“ Rollenbild  jedoch noch nicht stabil, sondern wird tendenziell als Ausnahme betrachtet, abhängig von einer individuell günstigen wirtschaftlichen Ausgangslage und Arbeitsplatzsituation (Mauerer 2016). Im März 2017 wurde in Österreich ein Partnerschaftsbonus eingeführt, den Eltern erhalten werden, die sich die Dauer des Kinderbetreuungsgeldbezugs im Verhältnis von 50:50 oder 60:40 teilen. Im Idealfall etabliert sich damit ein Maßstab für die weitere gendergerechte Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit.

Gender Pay Gap als „hidden organizer“
Positive Anreize für Väterkarenz wie Papa-Monate oder Bonusmonate und genderpolitische Maßnahmen sind notwendige Mittel, um den existierenden Gender Pay Gap zu schließen. Erwerbstätigkeit und Einkommensoptionen der Partnerinnen sind für die Umsetzung väterlicher Fürsorgepraxen maßgeblich und beeinflussen auch deren Dauer und Intensität. Das Durchschnittseinkommen von Frauen in Österreich ist meist geringer als das ihres Partners, weshalb à la longue zumeist Frauen (unbezahlte) Familien- und Haushaltsarbeit übernehmen (vgl. Eurostat 2014; Wernhart/Dörfler 2016).

Kinderbetreuungsregelungen als Strategien zu Beschäftigung und Wachstum in Europa
Österreich hat die Empfehlungen der europäischen Union umgesetzt, Bonustage und nicht übertragbare Väterquoten zu installieren. Eine wichtige Grundlage war 2007 das europäische Abkommen zu Reconciliation of Work and Families innerhalb der Strategies on Employment and Growth. Letztere fokussieren auf die Steigerung der Erwerbsbeteiligung von Frauen als Grundlage für die Umsetzung gendergerechter Verhältnisse in der Verteilung von Erwerbs-, Familien- und Haushaltsarbeit.

Aktive Vaterschaft und fürsorgliche Männlichkeit
Die hier vorgestellten empirischen Forschungsarbeiten zu Väterkarenzen zeigen qualitative familiäre Gewinne durch väterliche Beteiligung in der Kinderbetreuung; die Verstärkung männlicher Beziehungspflege durch Väterkarenzen wurde festgestellt. Väter, die sechs Monate und länger in Väterkarenz waren, sind besonders geeignet, Organisationsarbeit im familiären Alltag während und nach der Väterkarenz zu übernehmen.

Ergebnisse der laufenden Untersuchung zu „Nach der Väterkarenz“ zeigen, dass insbesondere dann langfristig gendergerechte Verhältnisse in der Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit etabliert werden, wenn die Partnerin vor, während und nach der Väterkarenz ein gleich hohes oder höheres Einkommen als der Partner hat.

Anhaltende Vatergefühle
Hilfreich für die Realisierung von Väterkarenz sind männliche Vorgesetzte in Elternkarenz. Sie werden als deutliche Signalgeber mit Vorbildwirkung wahrgenommen. Der Wunsch vieler Väter, nach der Väterkarenz mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, lässt sich mit 38 bis 40 und mehr Arbeitswochenstunden kaum vereinbaren. Das Mehr an Zeit mit dem Nachwuchs verstärkt die emotionale Beziehung der Väter zu ihren Kindern. Diese emotionale Bindung wird am Arbeitsplatz zunehmend thematisiert:

„Innerhalb von diesen Firmenstrukturen war es schon ein Problem, also, (es) gibt auch Kollegen, die (...) Elternteilzeit haben wollten (...), da kam von einem Vorgesetzten so die Meldung – ich glaube, es betraf auch meine Karenz: ‚Wenn jetzt alle Männer anfangen, Karenz zu nehmen, dann, wozu haben wir die ganzen Männer eingestellt?’ (...). Diese Aussage, die hat einfach die ganze Mentalität, die ganzen Strukturen aufgedeckt. Weil sie haben bewusst einfach weniger Frauen eingesetzt, weil sie in Karenz gehen, und wenn jetzt Männer anfangen, dann bricht eine Welt zusammen hier, für die Strukturen.“ (M., 37, 2 Töchter, 1 mal ein Jahr, 1 mal ein halbes Jahr in Karenz; zit. in Mauerer 2016: 142).

Das Zitat kann als Gender-Mainstreaming ex negativo interpretiert werden. Positiv gewendet zeigt es gesellschaftliche Potenziale auf, die Väterkarenz und -teilzeitarbeit eröffnen. Die Statistiken in Europa und weltweit zeigen, dass immer mehr Männer bereit sind, Väterkarenz und Elternteilzeit in Anspruch zu nehmen, wenn familienpolitische Anreize gesetzt und Einkommenskompensationen angeboten werden. 



Abbildung 2:
Quoten und Motive für Teilzeiterwerbsarbeit in Österreich, Frauen; Quelle: Statistik Austria 2015; Anm.: ILO – International Labour Organization

 

Abbildung 3: Quoten und Motive für Teilzeiterwerbsarbeit in Österreich, Männer; Quelle: Statistik Austria 2015

 

Zu den Forschungsarbeiten

  • Männer in Elternkarenz – eine qualitative Untersuchung mit Fokus auf Alltagshandeln“ (05/2013-11/2013). Qualitative Leitfadeninterviews mit 22 Vätern in Karenz in Wien und Umgebung
  • Konstruktionen von Männlichkeit und Väterkarenz: Ein Brückenschlag? (11/2013-03/2014). 14 weitere Leitfaden-interviews, ausgewerteter Corpus 36 Interviews
  • Transfersituationen in der Elternarbeit: Eine qualitative Analyse von Herausforderungen an Partnerinnen von „Karenzvätern“ – Mutterschaft im Wandel? (09/2014-01/2015). 12 qualitative Leitfadeninterviews mit Partnerinnen von Karenzvätern
  • Elternteilzeitarbeit und gendergerechte Work-Life-Balance in ausgewählten Betrieben. Eine soziologische Analyse von qualitativen Aspekten zur Förderung von strukturellen Rahmenbedingungen für Vaterkarenz und Elternteilzeitarbeit“ (08/2015-11/2015). 14 Leitfadeninterviews und ExpertInnengespräche zu Elternteilzeitarbeit in Österreich
  • Nach der Väterkarenz: Eine sozialwissenschaftliche Analyse von gendergerechten Ansätzen zur Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit (01/2017-04/2017). 14 qualitative Leitfadeninterviews, inkl. quantitativer Fragebogen zu Einkommen, informeller/finanzieller Unterstützung durch Angehörige sowie Freunde und Freundinnen. 

 

Literatur
Dörfler, Sonja; Wernhart, Georg (2016): Die Arbeit von Männern und Frauen. Eine Entwicklungsgeschichte der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung in Frankreich, Schweden und Österreich. ÖIF Forschungsbericht Nr. 19.
Mauerer, Gerlinde (2016): Vaterliebe, Familienarbeit und Beruf: Abweichendes Verhalten oder neue Maßstäbe? In: Tomaschek, Nino et al.: Reihe University – Society – Industry Bd. 5, S. 135–154.


Die Autorin
Dr. Gerlinde Mauerer ist Sozialwissenschaftlerin und Universitätslektorin an der Universität Wien. 

 

Kontakt
gerlinde.mauerer@univie.ac.at

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Juni 2017