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Alles eine Frage des Geldes?

Wie Eltern die Aufteilung ihrer Elternkarenz legitimieren

Von: EVA-MARIA SCHMIDT

 


In Österreich sind Männer, die Väter werden, zum Großteil und unabhängig vom Alter ihres Kindes Vollzeit beschäftigt, während Frauen nach der Geburt für mehrere Monate oder Jahre aus dem Erwerbsleben aus- bzw. danach in Teilzeit wieder einsteigen (Statistik Austria 2016). Der Anteil an Paaren, in denen beide Elternteile zumindest für zwei Monate die Erwerbstätigkeit für eine Elternkarenz unterbrechen (BMFJ 2017), ist in den letzten Dekaden jedoch gestiegen und liegt in Österreich durchschnittlich bei etwa 20 Prozent.

Vor dem Hintergrund vielfältiger Optionen für Eltern, diese Erwerbsunterbrechung zu organisieren und zu finanzieren, untersuchte eine qualitative Longitudinalstudie am Institut für Soziologie der Universität Wien, wie und nach welchen Mustern Mütter und Väter die Planung und Verwirklichung der Karenzzeit im Paarkontext rationalisieren und legitimieren – unabhängig davon, ob und wie diese die Karenz aufteilen oder nicht. Dabei wurden die Perspektiven von Vätern und Müttern in drei Wellen (einmal vor und zweimal nach der Geburt) mittels problemzentrierter Interviews erhoben.

Abbildung 1: Kinderbetreuungsgeld bis März 2017

Quelle: Österreichisches Bundeskanzleramt (2015), BMFJ (2017)

Zum Zeitpunkt der Studie war es in Österreich beiden Eltern nach dem Mutterschutz möglich, unabhängig vom Erwerbsstatus bis zu 36 Monate in unterschiedlichen Varianten Kinderbetreuungsgeld (KBG) zu beziehen. Die monatlichen Raten verringerten sich mit zunehmender Länge, jedoch war die maximale Summe bei Beteiligung beider Partner sowohl beim längsten als auch beim einkommensabhängigen, aber kürzesten Modell, am höchsten (bei monatlicher Höchstgrenze von 2.000 Euro). Die jeweilige Dauer konnte flexibel verteilt werden, solange ein Elternteil zumindest zwei Monate Kinderbetreuungsgeld bezog. Zudem waren und sind unselbstständig erwerbstätige Eltern bis zum 24. Lebensmonat des Kindes kündigungsgeschützt (Österreichisches Bundeskanzleramt 2015). Die Mütter und Väter, die im Rahmen der vorliegenden Studie interviewt wurden, beschrieben und rechtfertigten ihre Entscheidung für eine bestimmte Variante ausführlich. Letztlich ergaben sich bei allen Paaren Legitimierungsmuster durch spezifische Kombinationen der verschiedenen Begründungen:

Die ökonomische Legitimierung
„Ausschlaggebend war im Endeffekt, wo man am besten finanziell aussteigt.“
Durch den engen Bezug zu den KBG-Modellen spielen finanzielle Begründungen eine wesentliche Rolle bei der Legitimierung der Karenzorganisation. Die Paare wollen über rationale Kalkulationen zu einer ihrer Situation angemessenen Entscheidung gelangen. Diese wird als berechenbar und nachvollziehbar präsentiert und ist eng an den Wunsch gekoppelt, vom höheren Gehalt möglichst wenig zu verlieren. In der Legitimierung mit dem Einkommensunterschied zeigen sich jedoch deutlich geschlechtsspezifische Unterschiede. Ein höheres Einkommen des Mannes dient zur Rechtfertigung seiner kürzestmöglichen Erwerbsunterbrechung. Dieser Mechanismus ist aber nicht einfach auf die Situation, in der die Frau mehr verdient, umzulegen. Das höhere Einkommen der Frau wird nicht als Grund angeführt, dass der Mann die höchstmögliche Bezugsdauer in Anspruch nimmt. Ihr hohes Gehalt legitimiert vielmehr den möglichst langen Bezug des einkommensabhängigen Modells ihrerseits, weil so eine hohe Gesamtsumme des Kinderbetreuungsgeldes erzielt werden kann – ein Rationalisierungsmuster, das Paare mit einem besserverdienenden Mann nicht anwenden.

Die erwerbszentrierte Legitimierung
„Sie wollt‘ nicht so lang in Karenz gehen, aus Angst, den Anschluss zu verlieren.“
Der KBG-Bezug hängt zumeist mit der Karenzierung von einer Erwerbstätigkeit zusammen. So kann der Arbeitgeber der Väter und seine Einstellung gegenüber einer Karenz Legitimierungsgrundlage für oder gegen eine Karenz des Vaters sein. Die Karenz des Vaters ist zudem eher zu einem Zeitpunkt legitim, der in Einklang mit seiner Berufstätigkeit gebracht werden kann, beispielsweise in der Urlaubszeit in den Sommermonaten, wo Paare mit weniger Arbeitsausmaß und leichterer Umsetzbarkeit rechnen. Prekäre Anstellungsverhältnisse oder Ausbildungspläne legimitieren bei Vätern eine sehr kurze oder nicht realisierte Karenz, während diese bei Müttern für eine Karenz ausschlaggebend sind, vor allem, wenn dennoch viel Zeit für Familien- und Betreuungsarbeit bleibt. Für Mütter stellt sich nicht die Frage, ob sie ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, sondern wie lange diese Unterbrechung dauern soll. Die jeweilige Dauer und der Zeitpunkt des Wiedereinstiegs werden mit Beruf, Arbeitsplatz oder der Branche, in der Mütter arbeiten, legitimiert, aber auch mit deren Wunsch, wieder zu arbeiten: Ist dieser vorhanden, wird der Wiedereinstieg sehr früh geplant und organisiert. Ansonsten werden keine genauen Wiedereinstiegspläne gemacht und die Karenz der Mutter mitunter auch deutlich verlängert.

Die kind-zentrierte Legitimierung
„Manche Kinder brauchen drei Jahre die Mutter.“
Die Entscheidung für eine Aufteilung der Karenz und für jene Zeitspanne, in der das Kind zuhause von einem Elternteil betreut werden soll, wird auch mit Vorstellungen vom Wohl des Kindes legitimiert und betrifft die Frage, wie lange das Kind eine rein familieninterne Betreuung benötigt. Die Bedürfnisse des Kindes werden eng an die Mutter gekoppelt; so wird auch die Mütterkarenz nicht als Entscheidung präsentiert oder in Frage gestellt. Auch eine mögliche Väterkarenz wird mit dem Bedürfnis des Kindes nach der Mutter für eine bestimmte Dauer abgestimmt. Die Legitimationspraxis, dass das Kind den Vater für eine bestimmte Dauer (in Karenz) brauchen könnte, findet sich in den Daten nicht. Vielmehr scheint es bei der Entscheidung für eine Karenz des Vaters auch um sein Wohl zu gehen: Er soll die Entwicklung des Kindes mitverfolgen, auch eine Bindung zum Kind aufbauen und seine Karenz genießen können. Bei dieser Legitimationspraxis kann aber auch das Wohl der Mutter und ihr Bedürfnis, das Kind so lange wie möglich zuhause betreuen zu wollen, eher eine Rolle spielen als das Kindeswohl.

Die Legitimierung mit geschlechtsspezifischen Normen
„Die Karenz wollt‘ ich mir nicht nehmen lassen.“
Alle Eltern beschäftigen sich jedoch mit der Frage, ob sich auch der Vater an der Karenz und dem KBG-Bezug beteiligt. Dabei scheint der betonte Wunsch und Wille des Vaters Grundvoraussetzung für die Aufteilung von Karenz zu sein. Äußere, unbeeinflussbare Umstände legitimieren jedoch, diesen Wunsch als Vater nicht umsetzen zu können. Als Vater nicht in Karenz gehen zu wollen, scheint aber nicht legitim zu sein. Die Intensität, mit der der Wunsch der Väter nach Karenz betont wird, fehlt bei der Mütterkarenz, für die sich Paare nicht explizit entscheiden, sondern nur die jeweilige Dauer legitimieren müssen. Dabei wird ein Jahr als eher kurz präsentiert, während bei Vätern mehr als zwei Monate bereits als lange Karenzdauer gelten. Beteiligen sich Väter am Bezug des KBG, stellen beide Partner dies als Unterstützung für die Frau und ihre Entscheidung als zeitlich klar begrenzte Ausnahmesituation dar. Die der Norm entsprechende Situation wird dann wiederhergestellt, wenn der Mann wieder in Vollzeit arbeitet. So kommt er der ihm zugeschriebenen Verantwortung des Geldverdienens nach, wobei ihn wiederum seine Partnerin unterstützt.

Wie Eltern die verschiedenen verfügbaren Karenzmodelle verstehen und wie sie sie letztlich umsetzen und legitimieren, ist eng an die spezifische Situation und Lebenswelt der Paare geknüpft. Auch wenn das Karenzsystem vorgibt, eine freie Entscheidung zu Aufteilung von Betreuungsarbeit und Erwerbsarbeit nach der Geburt des Kindes zu ermöglichen, ist dies nicht uneingeschränkt von sozialen Normen möglich. Selbst rationale Kalkulationen des bestmöglichen finanziellen Ertrags sind eng an geschlechtsspezifisch konstruierte Fähigkeiten, Verantwortlichkeiten und Vorstellungen gekoppelt.


Die Autorin
Mag.a Eva-Maria Schmidt, MA
Universität Wien, Institut für Soziologie


Kontakt
eva-maria.schmidt@univie.ac.at


Information

http://familiesandsocieties.univie.ac.at


Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel, der 2016 in der SWS-Rundschau veröffentlicht wurde:
Schmidt, Eva-Maria; Rieder, Irene (2016): Alles eine Frage des Geldes? Elterliche Legitimierungsmuster bei der Planung und Verwirklichung der Elternkarenz. SWS-Rundschau 4/2016, 489–508.

Die Studie wurde von der EU, 7th Framework Programme (320116) und von der Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien (H-284605/2015) gefördert.


Literatur:

BMFJ, Bundesministerium für Familien und Jugend (2017): Auswertung Väterbeteiligung beim Kinderbetreuungsgeld. http://bit.ly/2tPTYtg
Österreichisches Bundeskanzleramt (2015): Beruf und Finanzielles bei der Geburt eines Kindes. www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/8/Seite.080600.html
Statistik Austria (2016): Familie und Erwerbsarbeit 2015. http://bit.ly/2sFv27z

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe September 2017