So denkt Österreich über Familienpolitik
Wie sieht es mit den Einstellungen und Wünschen zu Familie, Familienpolitik und dem Geschlechterverhältnis in Österreich aus? Das Institut für Demographie in Wien führte eine Studie durch, an der im Jahr 2001 rund 2000 ÖsterreicherInnen im Alter von 20 bis 65 Jahren befragt wurden. beziehungsweise stellt die Ergebnisse der Erhebung zur demographischen Entwicklung, zur Einstellung zu Familie und Kinderwunsch, zur sozialpolitischen Verantwortung des Staates und zur Familienpolitik vor.
Wohin entwickelt sich Österreich?
Die österreichische Bevölkerung soll laut Prognosen in den nächsten 20 Jahren aufgrund von Zuwanderungen noch wachsen. Allerdings ändert sich die Altersstruktur. Die Zahl der über 60-Jährigen wird steigen, während die der unter 15-Jährigen weniger wird. Von einer kontinuierlichen Abnahme ist auch die Zahl der Erwerbstätigen betroffen. Gut ein Drittel der befragten ÖsterreicherInnen sieht in der Alterung der Gesellschaft ein Problem, 23 % sehen diese Entwicklung positiv und 42 % nehmen eine neutrale Position ein. Allerdings befürchten 79 % der Befragten angesichts der rückläufigen Geburtenzahlen negative Auswirkungen für die Gesellschaft, 11 % nehmen dies nicht an.
Wie steht es um Familie und Kinderwunsch?
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Anzahl "neuer" Lebensformen (Singles, nicht-eheliche Lebensgemeinschaften oder Alleinerziehende) wurden die Österreicherinnen und Österreicher über ihre Einstellung zu Familie und Kinderwunsch befragt. Die Ehe ist für 74 % der Befragten eine nach wie vor zeitgemäße Einrichtung. Der Rückgang an Eheschließungen wird von 35 % negativ beurteilt. Noch mehr Sorgen bereiten jedoch die sinkenden Geburtenzahlen (82 %), die Zunahme der Scheidungen (78%) sowie die steigende Anzahl der Paare ohne Kinderwunsch (69 %).
Wofür soll sich der Staat einsetzen?
Die größten Verantwortlichkeiten des Staates sehen die Befragten in der Alterssicherung (93 %) sowie in der Arbeitsmarktpolitik (92 %). Aber auch die Bereiche Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen (88 %) und die Förderung der Frauenerwerbstätigkeit (80%) werden dem Staat überantwortet. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer wird mit 69 % deutlich weniger als zentrale Aufgabe des Staates angesehen. In den letzten Jahren ist der Staat nach Meinung der Befragten in den Politikfeldern "Familien in Armut" und "Altersvorsorge" am wenigsten aktiv gewesen. Relativ viel wurde im Bereich Familien mit Kleinkindern geleistet sowie bei der Kinderbetreuung, sind die befragten Frauen und Männer der Meinung.
Sind Familie und Politik vereinbar?
Der österreichische Staat verfolgt wie die meisten Industriegesellschaften keine direkten geburtsfördernden Ziele. Die Familien- und Sozialpolitik orientiert sich aber an demographischen Entwicklungen und Anforderungen des Arbeitsmarkts und wirkt sich daher auch auf die Geschlechterverhältnisse und die Arbeitsmarktpolitik aus. Die Vereinbarkeit von Familie und Erwerb ist demnach nicht nur ein "Frauenproblem", sondern auch ein gesellschaftliches.
Von den familienpolitischen Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation von (künftigen) Eltern werden vor allem Steuererleichterungen für Eltern mit minderjährigen Kindern, arbeitsmarktpolitische Erleichterungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und bessere Karenzregelungen für berufstätige Mütter mit Kleinkindern als wichtig erachtet. Besonders Frauen sprechen sich häufiger für die Notwendigkeit dieser Leistungen aus, vor allem jene Altersgruppen, die von den Regelungen betroffen wären. Drei Viertel wünschen sich eine von der Einkommenshöhe abhängige Familienbeihilfe und zwei Drittel sprechen sich für eine beträchtliche Erhöhung der Familienbeihilfe pro Kind und Monat aus. Bei der Vereinbarkeit von Familie und Erwerb stehen der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten (88 %) sowie nach mehr und besseren Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit für Eltern mit kleinen Kindern (90 %) an oberster Stelle der Österreicherinnen und Österreicher. Was die Infrastruktur- und Sachleistungen betrifft, würden 76 % den Ausbau der Betreuungseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren begrüßen.
Auf die Frage, welche Maßnahme vom Staat prioritär einzuführen wäre, nannten Frauen verbesserte Karenzregelungen für berufstätige Mütter mit Kleinkindern an erster Stelle, gefolgt vom Wunsch nach umfassenden Steuererleichterungen. Bei den Männern zeigt sich eine umgekehrte Reihung. An dritter Stelle steht bei beiden Geschlechtern eine beträchtliche Erhöhung der Familienbeihilfe.
Der Einfluss familienpolitischer Maßnahmen auf den Kinderwunsch scheint nur von geringer Bedeutung zu sein, zeigte die Erhebung unter den 20- bis 39-Jährigen. Knapp die Hälfte der Befragten erhoffen sich von der Einführung der von ihnen bevorzugten Maßnahmen eine Erleichterung bei der Realisierung der gewünschten Kinderanzahl. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten teilen diese Hoffnung nicht. Im Alter von 20 bis 24 Jahren geben knapp 60 % der Frauen an, dass sich die Familienpolitik auf ihren Kinderwunsch auswirkt. Mit zunehmendem Alter nimmt dieser Einfluss jedoch ab. Die Entscheidung für ein (weiteres) Kind und der Zeitpunkt der Geburt werden kaum von der Einführung bzw. Verbesserung familienpolitischer Entscheidungen abhängig gemacht. Je älter die Befragten sind, desto seltener zeigt sich der Wunsch nach einem (weiteren) Kind.
Atypische Beschäftigungsformen wie Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung oder Telearbeit betreffen vor allem Frauen mit Kindern, die auf diese Weise versuchen, Familie und Erwerb zu vereinbaren. Haben die Befragten die Wahl unter sieben Kombinationen von Erwerbsausmaß und Kinderzahl, so bevorzugen 41 % "keine Erwerbstätigkeit, wenn Kinder da sind", 20 % "teilzeiterwerbstätig und zwei Kinder" und 19 % "teilzeiterwerbstätig und ein Kind". Dabei zeigt sich kein gravierender Unterschied zwischen den Geschlechtern, aber dafür nach Alter. Junge Männer teilen die Ansicht, dass (hauptsächlich) Mütter mit Kindern bis zu sechs Jahren nicht erwerbstätig sein sollten, zu 20 %, während die über 60-jährigen Männer diese Einstellung zu rund 56 % bevorzugen. Unter den Frauen ist der Unterschied zwischen den Altersgruppen geringer. Am wenigsten Zustimmung ist bei den 25- bis 29-jährigen Frauen zu finden, während 52 % der über 60-jährigen Frauen Mütter mit kleinen Kindern am liebsten Zuhause sehen. Eine Vollzeiterwerbstätigkeit mit Kindern kommt nur für einen sehr kleinen Teil der Befragten in Frage. Auch wenn die Kinder bereits zur Schule gehen, wird eine Teilzeit- einer Vollzeitbeschäftigung gleichwohl von Frauen als auch Männern vorgezogen.
Literatur: Richard Gisser (Hg.): Population Policy Acceptance Survey 2001 (PPA II). Familie, Geschlechterverhältnis, Alter und Migration: Wissen, Einstellungen und Wünsche der Österreicherinnen und Österreicher. Tabellenband und Zusammenfassung ausgewählter Ergebnisse. Forschungsbericht 25. Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien 2003.
Informationen: Kontakt: Hofrat Dr. Richard Gisser, Stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie (Wien)
Tel: +43-1-51581-7704, E-Mail: Richard.Gisser@oeaw.ac.at
