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"Meine Kinder sind mir wichtiger"

Über Einstellungen und Rahmenbedingungen zum Erwerbsverhalten von Müttern


Vielfach wollen Mütter ihre Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren selbst betreuen. Die Bedeutung des Kindeswohls, das hinter diesem Wunsch steckt, wird von den MitarbeiterInnen der Frauenorganisationen als wesentliches Erwerbshemmnis für Mütter gesehen. Unter den Frauenreferentinnen werden solche Bedenken hingegen kaum thematisiert. Generell zeigen sich bei den Einstellungen zum Erwerbsverhalten von Müttern zum Teil erhebliche Unterschiede in den Sichtweisen von ExpertInnen und betroffenen Müttern. Der Artikel beruht auf einer Studie zur Erwerbsbeteiligung von Müttern in Österreich mit Kindern im vorschulischen Alter. Die Dauer der Unterbrechungsphase wird von den ExpertInnen als zentraler Schlüsselfaktor für die beruflichen Wiedereinstiegschancen betrachtet. Die Wünsche der Mütter weichen hierbei von den Positionen der Frauenreferentinnen ab. Aus deren Sicht bleiben Mütter im Allgemeinen zu lange zu Hause. Den karenzrechtlichen Kündigungsschutz möchten die Frauenreferentinnen zwar nicht reduzieren, eine Verkürzung des maximalen Anspruches des Kinderbetreuungsgeldes eines Elternteils auf die Dauer des Kündigungsschutzes (zwei Jahre) erscheint ihnen hingegen als sinnvoll. Demgegenüber wünschen sich die Mütter eine Verlängerung des Kündigungsschutzes auf zweieinhalb Jahre oder sogar eine Vereinheitlichung von Kündigungsschutz, maximaler Kinderbereuungsgeldbezugsdauer für einen Elternteil und dem Aufnahmealter in Kindergärten.
 

Zur Studie

Die hier vorgestellten Ergebnisse wurden einer Studie zur Erwerbsbeteiligung von Müttern in Österreich mit Kindern im vorschulischen Alter entnommen, die vom ÖIF im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit durchgeführt worden ist. Dafür wurden im Rahmen von qualitativen Interviews mit Müttern und den Frauenreferentinnen der Bundesländer Bewertungen zu den Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Einstellungen zum beruflichen Wiedereinstiegsverhalten erhoben. Ergänzend dazu wurde eine quantitative Befragung unter MitarbeiterInnen von Frauenorganisationen durchgeführt.

Die Gesamtstudie wurde in vier ÖIF Working Papers veröffentlicht: Nr. 62 - 65. Alle sind auf der Website des ÖIF abrufbar: www.oif.ac.at Dem hier veröffentlichten Artikel liegt das Working Paper Nr. 64 zugrunde: Markus Kaindl, Sonja Dörfler: Einstellungen zum Erwerbsverhalten von Müttern. Die Sichtweisen von Müttern, Frauenreferentinnen und Frauenorganisationen. ÖIF Working Paper Nr. 64 / 2007

Außerfamiliale Betreuung ab drei Jahren Das Kind in den ersten zwei bis drei Lebensjahren selbst betreuen zu können, wird von vielen Müttern als zentraler Wunsch geäußert. Nicht erwerbstätig sein zu müssen und sich voll dem Kind widmen zu können, wird in dieser Lebensphase des Kindes von den Müttern als wichtiger und erfüllender Teil des Mutter-Seins empfunden. Die starke Betonung des Wohls des Kindes wird dabei als Argument gegen eine außerfamiliale Betreuung der Kinder vorgebracht. Es wird argumentiert, dass man in diesem Alter selbst besser auf die Bedürfnisse und den Entwicklungsstand des Kindes eingehen könne. Eine ganztägige Betreuung würde ihren Ansichten zufolge die Kinder überfordern. Auch die MitarbeiterInnen der Frauenorganisationen bestätigen die Bedeutung des Kindeswohls für die Mütter als wesentliches Erwerbshemmnis. Unter den Frauenreferentinnen werden solche Bedenken hingegen kaum thematisiert. Diese sprechen sich weitgehend für einen Ausbau an Betreuungsplätzen, vor allem für unter 3-Jährige, aus. Während diese einen Mangel für alle unter 3-Jährigen sehen, nehmen die Mütter diesen vorwiegend für 2- bis unter 3-Jährige wahr. Durch den späteren Wiedereinstiegswunsch ergibt sich für die Mütter der Bedarf vielfach erst mit Auslaufen des Kündigungsschutzes. Eine große Akzeptanz für die außerfamiliale Betreuung besteht unter Müttern aber erst ab dem dritten Geburtstag des Kindes. Ab dann sieht man in der außerfamilialen Betreuung in Gruppen - den Kindergärten - eine wichtige Funktion für die Entwicklung sozialer Kompetenzen durch den Umgang mit Gleichaltrigen. Es ist aber davon auszugehen, dass dieses Alter nicht ausschließlich von der Entwicklung des Kindes, sondern in starkem Ausmaß vom traditionellen Aufnahmealter in Kindergärten abhängt. Neben dem prinzipiellen Vorhandensein von Betreuungseinrichtungen werden sowohl von Müttern als auch von ExpertInnen die mangelnden Möglichkeiten zur flexiblen, tageweisen oder wechselnden Vor-, Nachmittags- und Ganztagsbetreuung, die teilweise fehlenden Nachmittagsöffnungen und zu hohe Kosten als Hemmfaktoren bewertet. Speziell Mütter argumentieren, eine Teilzeitarbeit würde sich aufgrund des eher geringen Einkommens und der relativ hohen Betreuungskosten finanziell nicht rentieren.

Was sich die anderen erwarten

Die Haltungen in der Gesellschaft zur Erwerbsbeteiligung von Müttern mit Kleinkindern werden von Müttern und ExpertInnen konträr wahrgenommen. Die Frauenreferentinnen und die MitarbeiterInnen der Frauenberatungsstellen sehen einen stark erwerbshemmenden Einfluss der Gesellschaft auf Mütter. Ihrer Meinung nach wird gesellschaftlich erwartet, dass Mütter mit Kindern unter drei Jahren nicht aktiv erwerbstätig sind. Eine Vollzeitarbeit wird deren Einschätzungen zufolge auch danach mehrheitlich abgelehnt. Vollkommen entgegengesetzt ist die Wahrnehmung der Mütter. Diese empfinden einen großen gesellschaftlichen Druck, frühzeitig in das Erwerbsleben zurückkehren zu müssen. Zudem wird aus den Blickwinkel der Mütter die Rolle der Nur-Mütter zu wenig anerkannt. Der Wiedereinstieg sollte in der Karenz beginnen Ein weiterer Kritikpunkt der Expertinnen ist die Inaktivität der Mütter während der Karenzzeit. Mütter hielten zu wenig Kontakt zum Unternehmen, planten ihren Wiedereinstieg zu spät und berücksichtigten langfristige Konsequenzen ihrer Handlungen zu wenig. Einigen Expertinnen erscheinen verpflichtende Veranstaltungen zum Themenkreis Karenz und Wiedereinstieg im Rahmen des Mutter-Kind-Passes sinnvoll. Aus Sicht der Mütter gestaltet sich das Kontakthalten zum Arbeitgeber hingegen als schwierig. Mütter wünschen sich ein stärkeres Entgegenkommen der Arbeitgeber durch die Gewährung von mehr Flexibilität und kurzfristig durchführbare Arbeitszeitlageverschiebungen. Kaum bereit sind sie hingegen, bei Bedarf der Arbeitgeberseite selbst flexibel die Arbeitszeit anzupassen. Erwerbsausmaß aktiv erwerbstätiger Frauen

Quelle: Mikrozensus 2004-4, eigene Berechnung ÖIF Kontrovers fällt die Beurteilung von Teilzeitarbeit aus. Von den MitarbeiterInnen der Frauenorganisationen wird sie als geeignetes Mittel zum beruflichen Wiedereinstieg gesehen. Es wird aber wie auch von den Frauenreferentinnen betont, dass mit dieser negative Langzeitfolgen, etwa bei den Karrierechancen und beim Einkommen, verbunden sind, weshalb die Bewertung insgesamt negativ ausfällt. Unter Müttern ist Teilzeitarbeit für die Zeit nach der Rückkehr sehr beliebt, sie kritisieren aber den Mangel an qualifizierten Teilzeitarbeitsplätzen. Betrachtet man das real gesetzte Wiedereinstiegsausmaß, zeigt sich bei stark berufsorientierten Müttern mit Wiedereinstieg innerhalb des ersten Lebensjahres des Kindes ein hoher Vollzeitanteil (69%) an allen erwerbstätigen Müttern mit Kindern dieses Alters. Danach sinkt dieser Anteil deutlich auf nur noch 24% bei Müttern mit einem 2-jährigen Kind ab. Die zu diesem Zeitpunkt eingesetzte starke Rückkehr erfolgt somit hauptsächlich in Teilzeit. Wie sich zeigt, überschreitet der Vollzeitanteil erst bei Müttern, deren jüngstes Kind 16 Jahre alt ist, die 50%-Marke. Eine Rückkehr zur Vollzeitarbeit gelingt somit nur langsam beziehungsweise wird nicht rasch angestrebt. | Markus Kaindl


Informationen: Dr. Markus Kaindl, Soziologe am ÖIF, E-Mail: markus.kaindl@oif.ac.at