Wenn das Land in die Jahre kommt
Die Auswirkungen des demographischen Wandels werden in der Öffentlichkeit
vielschichtig diskutiert. Vor allem Fragen der Sicherung der Lebensqualität
älterer Menschen sind ins Blickfeld des Interesses gerückt. In diesem
Zusammenhang wird sozialen Netzwerken große Bedeutung beigemessen. Dass deren
Qualität in enger Wechselbeziehung zu räumlichen Aspekten steht und vor allem
für den ländlichen Raum Österreichs sehr differenziert betrachtet werden muss,
belegt Tatjana Fischer mit ihrer Dissertation "Alt sein im ländlichen Raum -
eine raumwissenschaftliche Analyse". Findet der Raum Eingang in thematische Diskussionen wie etwa die
Charakteristik familiärer Hilfsnetze, so erfolgt hierbei meist eine
Polarisierung in Stadt und Land. Die strukturelle Vielfalt des sogenannten
ländlichen Raumes hingegen, die sich vor allem durch die topographische Lage,
die Entfernung zu Bezirks- und Landeshauptstädten und die wirtschaftliche
Strukturstärke ergibt, wird dabei völlig vernachlässigt. Gerade in
strukturschwachen, schlecht erreichbaren Räumen verschlechtern sich die
Lebensbedingungen älterer Menschen durch das Aufbrechen bislang funktionierender
Nahversorgungsstrukturen zusehends.

Die zunehmende Abwanderung aus ländlichen Regionen führt dazu,
dass die dort lebenden älteren Menschen oft auf sich allein gestellt sind - das
soziale Netzwerk fehlt.
Einfluss räumlicher Faktoren
Parallel dazu wird es für ältere Menschen in wirtschaftsstrukturschwachen
ländlichen Gebieten immer schwieriger, die entstandenen Versorgungsdefizite
mithilfe sozialer Netzwerke zu kompensieren. Beispiele dafür sind ehemalige
Industriegebiete, etwa in der Obersteiermark: Die Abwanderung junger Menschen
sowie die hohe Anzahl an Berufspendlern und die zunehmende Erwerbstätigkeit der
Frauen führen dazu, dass die älteren Menschen ihren Alltag vor Ort vielfach
selbstständig bewältigen müssen. Der Rückgriff auf (familiäres)
Unterstützungspotenzial tagsüber ist nicht mehr selbstverständlich.
In Gemeinden, wo die Landwirtschaft als Arbeitgeber noch Bedeutung hat, ist
Integration älterer Menschen in deren Familien aufgrund bäuerlicher
Haushaltsstrukturen vielfach noch gegeben.
Mehrgenerationenwohnen wird heute im ländlichen Raum in unterschiedlichem Ausmaß
nach wie vor gelebt. Es ist allerdings aufgrund der anhaltenden Tendenz zur
Abwanderung aus wirtschaftsschwachen ländlichen Regionen einerseits und aus
persönlichen und finanziellen Gründen andererseits weiterhin in Abnahme
begriffen. Deshalb übernehmen hier schon heute die Trägerorganisationen mobiler
Dienste vielfach die Betreuung der Älteren. Vor allem in inneralpinen Gebieten
leben viele alte Menschen in großen alten Bauernhäusern von schlechter
technischer Ausstattung. Dieser räumliche Aspekt sowie vielfach das Fehlen
pflegender Angehöriger beeinflussen ebenfalls die Möglichkeit der häuslichen
Betreuung.
Im suburbanen ländlichen Raum (z. B. im Wiener Umland) hingegen hoffen die heute
jüngeren Senioren weiterhin auf die Unterstützung durch die eigenen Kinder.
Abwanderung findet hier kaum statt.
Das Ausmaß der gegenseitigen Unterstützung wird auch von der Siedlungsstruktur
mitbestimmt. Die Intensität der sozialen Kontakte hängt demnach abgesehen vom
Gesundheitszustand und dem Grad der eigenen (Auto-)Mobilität auch von den
Distanzen innerhalb eines Ortes und topographischen Faktoren ab: In
Streusiedlungsgebieten - sie haben in inneralpinen Gebieten oft Tradition - sind
meist weite Wege zurückzulegen. Fußläufige Erreichbarkeit ist aufgrund großer
Geländeneigungen dann oft nicht (mehr) möglich. Altern zudem ganze
Siedlungsbereiche innerhalb einer Gemeinde, so reduziert sich dadurch die
Möglichkeit der Hilfe zwischen den Älteren selbst.
Der Zusammenhang zwischen räumlichen Faktoren und dem Ausmaß sozialer
Kontakte

Vgl. dazu Fischer, T. (2005), S.155
Konnten soziale Strukturen über die Zeit wachsen und sich festigen - wie etwa in
ehemaligen Bergbausiedlungen des Inneren Salzkammerguts (Oberösterreich) -,
spielt Nachbarschaftshilfe auch heute noch eine Rolle. Sie erfolgt zumeist
zwischen den Älteren selbst und beschränkt sich auf punktuelle Hilfestellungen
wie Blumengießen oder Holzhacken.
Die Integration älterer Menschen in die Dorfgemeinschaft nimmt mit zunehmendem
Alter ab und ist im Falle der Pflegebedürftigkeit kaum mehr gegeben. Der Kontakt
zum "Dorf" wird dann vielfach über die Obleute bzw. die Subkassiere der
politischen Seniorenvereinigungen gehalten. Sie besuchen ihre Mitglieder
zuhause.
Der Rückgriff auf außerfamiliäres Unterstützungs-potenzial ist vor allem für
jene ehemaligen Pendler problematisch, die sich während ihres Erwerbslebens
nicht aktiv am Gesellschaftsleben der Heimatgemeinde beteiligt haben. Sie lassen
Freunde und Bekannte am ehemaligen Arbeitsort zurück und müssen sich zum Teil
erst zuhause wieder integrieren. Sind die räumlichen Entfernungen zwischen dem
ehemaligen Arbeitsort und dem Alterssitz auch für die regelmäßige
Besuchstätigkeit zu weit, werden die sozialen Kontakte kaum mehr gepflegt und
lösen sich auf, sobald es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist,
Auto zu fahren.
In ländlichen Regionen kommt vor allem dem Vereinswesen (besonders politischen
Seniorenvereinigungen) im gesellschaftlichen Leben der meisten älteren Menschen
noch große Bedeutung zu. Viele der heute Älteren kommen gerne "organisiert"
zusammen, während private Aktivitäten in selbst organisierten Kleingruppen meist
von den jungen Senioren bevorzugt werden.
Fazit und Ausblick
Soziale Netzwerke sind das Ergebnis sozioökonomischer und -demographischer
Entwicklungen und reagieren sensibel auf Veränderungen im Raum.
Das Vorhandensein und die Qualität sozialer Netzwerke sind auch auf
kleinräumiger Ebene - z. B. innerhalb einer Gemeinde - sehr unterschiedlich
ausgebildet.
Hinsichtlich der bisher von sozialen Netzwerken übernommenen Aufgaben wird es zu
weiteren Verschiebungen kommen: Die Grundversorgung älterer Menschen wird mehr
und mehr institutionalisiert. Wichtige Träger dabei sind bereits die Anbieter
mobiler Dienste sowie Vereine.
Es bildet sich eine neue Qualität sozialer Netzwerke heraus. Traditionelle
Formen der Unterstützung (Familie, Nachbarschaftshilfe) treten zurück. Neue
Formen - z. B. über die Gemeinde organisiert - gewinnen an Bedeutung.
Die tatsächlichen Bedeutung und die Tragfähigkeit sozialer Netzwerke werden
durch wirtschaftliche und demographische Entwicklungen vor allem im
wirtschaftsstrukturschwachen ländlichen Raum weiter abnehmen. Dies lässt eine
Unterversorgung bestimmter Anspruchsgruppen unter den älteren Menschen erwarten.
Erste Anzeichen dafür sind in alternden ländlichen Regionen bereits heute
erkennbar. | Tatjana Fischer
<br<hr />
Informationen: Dr. Tatjana Fischer, Universität für Bodenkultur Wien, Department für
Raum, Landschaft und Infrastruktur, Institut für Raumplanung und Ländliche
Neuordnung, E-Mail: tatjana.fischer@boku.ac.at
Fischer, T. (2005): Alt sein im ländlichen Raum - eine
raumwissenschaftliche Analyse. Dissertation ausgeführt am Department für Raum,
Landschaft und Infrastruktur, Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung.
Universität für Bodenkultur Wien.
