Zukunft der Pflege
Die nachhaltige Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung und ihre
Auswirkungen auf Pensionssystem, Arbeitswelt und Pflege alter Menschen rücken
immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. In diesem Beitrag wird der Frage
nachgegangen, wie sich der demographische Wandel auf die Pflegesituation
auswirken wird und was das für die Gemeinden bedeutet. Im Jahr 2006 lebten in Österreich eine Million 65- bis 79-jährige Menschen
und 366.000 Personen im Alter über 80 Jahren. Die Gruppe der 65- bis 79-Jährigen
wird bis 2020 um über 200.000 Personen (23%) wachsen (vgl. Bevölkerungsprognose
2006 der Statistik Austria). Diese Personen stellen aufgrund ihres Wohlstandes
und ihres guten Gesundheitszustandes eine bedeutende ökonomische Zielgruppe dar
und können auch Pflege- und Betreuungsleistungen erbringen. Sie sind aber
aufgrund des fortgeschrittenen Alters teilweise schon selbst pflege- oder
betreuungsbedürftig. Die Altersgruppe der über 80-Jährigen (Betagte und
Hochbetagte) wird bis 2020 um ca. 110.000 Personen (31%) zunehmen. Damit wird
auch der Betreuungs- und Pflegebedarf ansteigen, denn ab 80 steigt die
Pflegefallswahrscheinlichkeit deutlich an.
Wandel der Haushalts- und Familienstrukturen
Parallel zum Wandel der Bevölkerungsstruktur ändern sich auch die Haushalts- und
der Familienstrukturen. Die Veränderungen der Familienstrukturen werden anhand
der Kinderzahlen sichtbar. Einerseits ist die Anzahl der Kinder pro Familie seit
Jahren rückläufig, andererseits steigt die Zahl der lebenslang kinderlosen
Personen. Im Bereich der Haushaltsstrukturen steigt die Zahl der
Einpersonenhaushalte, wobei diese Entwicklung vor allem auch die Altersgruppe
der über 65-Jährigen betrifft. Die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt in
dieser Altersgruppe von 405.000 im Jahre 2001 auf 530.000 im Jahre 2021. Damit
steigt die Anzahl der Personen, die im höheren Alter ihren Alltag allein
bewältigen müssen.
Entwicklung der Altersgruppen ab 65 Jahre (2006 bis 2020)

Quelle: Statistik Austria, Bevölkerungsprognose 2006
Regionale Entwicklungen setzen sich fort
Die Bevölkerungsentwicklung hat grosso modo zwei Entwicklungslinien: Wachstum in
städtischen Ballungsräumen und entlang von Verkehrsadern und gleichzeitig die
Ausdünnung von peripheren und strukturell-wirtschaftlich benachteiligten
Regionen. Diese Tendenzen werden sich in Zukunft weiter verstärken. Die Zunahme
der älteren Menschen ist im Vergleich dazu gegenläufig. Ein Blick auf die
Regionen zeigt, dass die Zahl der Hochbetagten in Regionen und Gemeinden, wo
schon in der Vergangenheit Abwanderung und Bevölkerungsrückgang festzustellen
waren, deutlich schwächer zunimmt als in Wachstumsregionen. Das bedeutet, dass
in Städten und Gemeinden mit Bevölkerungsgewinnen auch mit entsprechend
steigendem Pflegebedarf gerechnet werden muss.
Deutliche regionale Unterschiede sind auch bei der Entwicklung der
Einpersonenhaushalte und der Familienstrukturen zu erwarten. Die Zuwächse der
Einpersonenhaushalte werden dort am stärksten sein, wo die Bevölkerungszuwächse
hoch sind. Die Entwicklung der Familiengröße und der Einpersonenhaushalte ist
zudem abhängig vom Gemeindetyp. Wenn man die Haushaltsgröße als Indikator für
die Familiengröße nimmt, dann zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen
Stadt und Land. Am größten sind die Haushalte in agrarisch geprägten Gemeinden,
am kleinsten in Wien. Genau umgekehrt verhält es sich mit den
Einpersonenhaushalten.
Pflege in der Familie
Eine Studie des Bundesinstituts für Gesundheitswesen im Auftrag des
Sozialministeriums aus dem Jahr 2005 zeigt die große Bedeutung der "kernfamilialen"
Netzwerke für die Pflege: Mehr als 80% der der pflegebedürftigen Menschen werden
zuhause von Angehörigen, und dabei überwiegend von Frauen, gepflegt. Weiters
werden 40% aller Betreuungsleistungen von Ehe- bzw. Lebenspartner/in und mehr
als 25% von Kindern für die Eltern erbracht. Dabei ist Pflege in der Familie
nicht unbedingt "selbstverständlich", denn nur 48% lehnen beispielsweise mobile
Dienste grundsätzlich ab.
Für die Zukunft müssen wir davon ausgehen, dass das Pflegepotential in den
Familien abnehmen wird. Die Gründe dafür sind vielfältig: geringere Kinder- und
Geschwisterzahlen, Zunahme kinderloser Personen, höhere Frauenerwerbsquoten,
Mobilität und die damit verbundenen Entfernungen zwischen Generationen,
Trennungen und Scheidungen, Anhebung des Pensionseintrittsalters etc. Durch
diese Veränderungen wird der Unterstützung und Förderung außerfamilialer
Netzwerke große Bedeutung zukommen, denn die Zahl älterer Menschen ohne
Unterstützung durch Familien-angehörige wird steigen.
Herausforderungen für Gemeinden
Die Gemeinden sind unmittelbarer Lebensraum und damit die erste Ebene für
Probleme mit der Lebenssituation der Menschen. Durch die absehbaren
Entwicklungen werden die Herausforderungen an die Kommunen im Pflegebereich
immer größer. Städte werden dabei von diesen Entwicklungen stärker betroffen
sein als kleine bzw. ländliche Gemeinden.
Eine Analyse der Determinanten der Pflegebedürftigkeit (M. Schöfecker:
Kleinräumige Bevölkerungsvorausschätzung 2005) zeigt: Die Österreicher leben
länger gesund und es erreichen immer mehr Menschen ihre maximale Lebensspanne.
Durch das Anwachsen der Altersgruppe der 80-Jährigen und älteren Personen wird
damit der Pflegebedarf steigen. Aber die Zunahme des Pflegebedarfs kann durch
Bewusstseinsbildung und daraus entstehendes gesundheitsbewusstes Verhalten um
ein Drittel - im Vergleich zur Fortschreibung des Status quo - verringert
werden.
Ansatzpunkte zur Abmilderung der Steigerung des Pflegebedarfs ergeben sich in
der Prävention durch Gesundheitsförderung und Bewussteinsbildung. Dabei sind die
unterschiedlichen Bewusstseinlagen und Möglichkeiten der sozialen Schichten zu
berücksichtigen, die beispielsweise mit Bildung und Einkommen zusammenhängen.
Viele Erkrankungen im hohen Alter sind mitalternde Erkrankungen, die sich durch
gesunde Lebensführung in früheren Lebensjahren ganz vermeiden lassen oder die
durch frühzeitige Diagnostik und Therapie hinausgezögert und in ihrem Verlauf
positiv beeinflusst werden können. Zur Prävention gehören auch körperliche und
geistige Aktivitäten, durch die eine möglichst hohe Leistungsfähigkeit bis in
das hohe Alter gefördert wird. In diesem Bereich ist der Lebensstil ein
wesentlicher Faktor - und als lebensstilbestimmende Variable erweist sich die
Bildung.
Bildung ist aber nicht nur eine Frage der formalen Schulbildung, sondern
betrifft auch Bereiche, die sehr stark auf kommunaler Ebene angesiedelt sind:
Erwachsenenbildung, Elternbildung und Bewusstseinsbildung durch Medien und
Öffentlichkeitsarbeit. Ziel mittel- und langfristiger kommunaler Aktivitäten
sollte die Entwicklung und Realisierung einer gesundheitsrelevanten Lebensweisen
bei ihren Bürgerinnen und Bürgern sein, mit dem Ergebnis, dass möglichst viele
Menschen im Alter länger gesund und selbstbestimmt leben können und weniger
Pflege brauchen. | Rudolf K. Schipfer
Informationen: Mag. Rudolf Karl Schipfer, Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF), Tel: +43-1-5351454-12, E-Mail: rudolf.schipfer@oif.ac.at
