Eins, zwei, drei und mehr
Rund um Großfamilien dreht sich die Publikation "Kinderreiche Familien" von
Marina Rupp und Bernd Eggen. Die stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts
für Familienforschung an der Uni Bamberg und der Mitarbeiter der
FamilienForschung Baden-Württemberg liefern darin unter anderem ausführliche
Informationen über den Lebensalltag von Familien mit drei oder mehr Kindern. Mit
der Darstellung der drei verschiedenen Typen von Mehrkindfamilien wird im
vorliegenden Artikel ein Aspekt ihrer Analysen skizziert.
Insgesamt leben in der Bundesrepublik Deutschland zirka 12,600.000 Familien,
wobei 1,200.000 drei, 257.000 vier und 97.000 fünf oder mehr Kinder haben (Stand
2003). Berücksichtigt sind in diesen Zahlen alle voll- und minderjährigen
Kinder, die ledig sind und bei den Eltern wohnen. Auf Basis ihrer Analysen
mehrerer deutscher Untersuchungen unterscheiden die WissenschaftlerInnen Eggen
und Rupp drei Typen von Mehrkindfamilien.
Einen Typ bilden Familien mit drei oder mehr Kindern, die unter anderem mit
wirtschaftlich angespannten Verhältnissen konfrontiert sind. Mangelhafte
berufliche und schulische Ausbildung gehen damit meist einher. Staatliche
Förderungen bilden für diese Familien eine wichtige Einkommensquelle. Eggen
verweist in Zusammenhang mit diesen Punkten beispielsweise darauf, dass
verheiratete kinderreiche Mütter und Väter überdurchschnittlich oft über keinen
schulischen oder beruflichen Abschluss verfügen und besonders bei Paaren mit
vier oder mehr Kindern ein starkes Bildungsgefälle auszumachen ist. Er erkennt
darin auch eine Unterstützung der These, dass Bildungsarmut Kinderreichtum nach
sich zieht. Bei fehlenden beruflichen und finanziellen Alternativen sei die
Gründung einer Großfamilie nämlich oftmals die einzig verbliebene Option, die
darüber hinaus auch noch die Chance auf gesellschaftliche Anerkennung darstelle.
Folgendes Fazit ziehen die beiden AutorInnen zu diesem Typus der
Mehrkindfamilie: "Einkommen und soziale Anerkennung erzielen die Eltern fast
ausschließlich über ihre Elternrolle. Dies funktioniert vor dem Hintergrund
einer Gesellschaft, welche die Wertschätzung von Kindern dadurch ausdrückt, dass
sie staatliche Zahlungen an die Anzahl der Kinder bindet. Für diese Eltern steht
deshalb der Einkommens- und Statusnutzen der Kinder im Vordergrund."
Diesen Mehrkindfamilien stehen jene Großfamilien gegenüber, die in
durchschnittlichen bis sehr guten wirtschaftlichen Verhältnissen leben und in
denen die Eltern häufig einen höheren Bildungs- und Berufsabschluss vorweisen
können. Überhaupt müssen gute Ausbildung und Großfamilie nicht unbedingt ein
Widerspruch sein. So bringen die im Buch "Kinderreiche Familien" durchgeführten
Analysen unter anderem auch zum Vorschein, dass in Familien mit drei Kindern
beide Elternteile entweder überdurchschnittlich oft keinen oder den höchsten
Bildungsabschluss besitzen. Erklärt wird die gute Ausbildung mit den
Herkunftsfamilien der Eltern: "Ein Grund für dieses vergleichsweise hohe
Bildungsniveau auch bei kinderreichen Müttern dürfte die soziale Herkunft der
Eltern sein. So haben im ‘Bamberger-Ehepaar-Panel’ Kinderreiche deutlich
häufiger Selbständige und Freiberufler zum Vater als die übrigen."
Als für die Familiengröße relevante Einflussfaktoren werden beim zweiten Typ der
Mehrkindfamilie die Herkunftsfamilie, die Religion sowie die Einbindung in
ländliche Strukturen angesehen. Hervorgehoben wird darüber hinaus, dass die
Eltern dieser Familien vor allem auch die emotionale Zuwendung, die ihnen ihre
Kinder geben, sehr zu schätzen wissen.
Familien mit Migrationshintergrund bilden den dritten Typus, den Rupp und Eggen
unterscheiden. Vor allem in den städtischen Gebieten sind die kinderreichen
Familien heutzutage meist dieser Gruppe zuzurechnen. Eine starke Orientierung an
Religion und Herkunftsfamilie steht im Mittelpunkt, wobei im Familienleben
traditionelle Rollenbilder dominieren. Allgemein betrachtet haben zirka 21 % der
ausländischen und 13 % der deutschen Eltern drei oder mehr Kinder. Parallel zur
Kinderzahl steigt dabei auch der Anteil von Familien mit ausländischen Eltern.
So haben beispielsweise 17 % der in Deutschland lebenden Familien mit drei
Kindern und 33 % der in Deutschland lebenden Familien mit fünf oder mehr Kindern
ausländische Eltern. | Martin Gradl Zur Studie
Der historische Blick auf den Rückgang kinderreicher Familien, die aktuelle
Lebenssituation von Familien mit drei oder mehr Kindern sowie die
Entscheidungsverläufe auf dem Weg zur Großfamilie stehen im Mittelpunkt der
Studie von Eggen und Rupp. Die Grundlage für ihre Analysen bilden vier deutsche
Untersuchungen:
- Das von 1987/88 - 2002 gelaufene Bamberger-Ehepaar-Panel,
- der Datensatz des Jahres 2002 des Sozio-ökonomischen Panels; dieser beinhaltet 3.332 deutsche Familienhaushalte,
- die von der "FamilienForschung" Baden Württemberg aufbereiteten Daten des Mikrozensus 2003,
- eine im Sommer 2003 vom Bayerischen Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg mit 31 Eltern von drei und mehr Kindern durchgeführte qualitative Studie.
Literatur: Eggen Bernd, Rupp Marina (Hrsg.): Kinderreiche Familien. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2006. ISBN 3-531-15187-8
