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Gemeinsam getrennt erziehen

Eine Befragung von Trennungseltern in Deutschland

Von: WILHELM HAUMANN

Viele Eltern haben Kinder aus früheren Partnerschaften. Neben den Alleinerziehenden betrifft das auch Mütter und Väter, die heute allein oder in neuen Partnerschaften leben, etwa in Patchworkfamilien. Nach den Ergebnissen zweier Allensbacher Umfragen vom November 2016 und vom Februar 2017 gehört in Deutschland etwa ein Viertel der Mütter und Väter mit minderjährigen Kindern zu den Trennungseltern (24 %). Damit steht heute ein beträchtlicher Teil der Eltern vor der Frage, wie ihre Kinder nach dem Ende der Ehe oder der Partnerschaft erzogen und betreut werden sollen: Wo sollen die Kinder wohnen? Und wie intensiv beteiligen sich die beiden Elternteile jeweils an der Erziehung und Betreuung?

Um zu ermitteln, inwieweit die Kinder auch nach der Trennung von den früheren Partnern gemeinsam erzogen werden und welche Chancen es für solche Modelle gibt, führte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine zweistufige Studie durch. Dabei wurden zunächst in den angeführten bevölkerungsrepräsentativen Umfragen die Haltungen der Bevölkerung zum gemeinsamen Erziehen nach der Trennung erfragt. Zudem wurde ermittelt, wie die Gruppe der Trennungseltern sich zusammensetzt. Das war notwendig, weil es keine amtliche Statistik aller Trennungseltern gibt, an die eine spezielle Befragung der Gruppe sich anlehnen könnte. Auf dieser Grundlage wurde dann unter rein statistischen Gesichtspunkten eine Stichprobe von 603 Müttern und Vätern ermittelt, die repräsentativ für die Eltern mit minderjährigen Kindern aus früheren Partnerschaften ist. Diese Stichprobe wurde im April und Mai 2017 mündlich-persönlich von 231 Interviewerinnen und Interviewern befragt.

Konflikte eher selten
Etwa drei Viertel der früheren Partnerinnen und Partner haben noch Kontakt zum anderen Elternteil bzw. zum jüngsten Kind aus der früheren Partnerschaft, für das die Betreuungssituation detailliert erfragt wurde. Wo der Kontakt weiterbesteht, sind hochgradig konflikthafte Beziehungen eher selten. In der Regel sind die Kinder bei der Mutter gemeldet (84 %), unabhängig davon, ob die Eltern die Kinder gemeinsam betreuen.

Nach der Trennung nimmt in vielen Fällen der auch zuvor schon große Anteil der Mütter an der Betreuung der Kinder noch weiter zu. Etwa zwei Drittel der Eltern (65 %) berichten über eine deutlich überwiegende oder ausschließliche Betreuung durch die Mutter. Meist ist die Mutter dann die Begleiterin des Kinds im Alltag, die alles oder den größten Teil an der Versorgung übernimmt, beispielsweise wenn es darum geht, für das Kind zu kochen, es nachmittags zu betreuen oder Kindergeburtstage oder Spielnachmittage auszurichten. Die Väter sind eher in besonderen Situationen präsent.

Aufteilung der Betreuung oft nicht ideal
Allerdings betrachten nur 36 % der Trennungseltern die aktuelle Aufteilung der Betreuung als ideal. Für 44 % ist sie eine akzeptable Lösung, 16 % lehnen sie grundsätzlich ab. Am ehesten unzufrieden sind Väter, die bei der Betreuung wenig oder gar nichts übernehmen. Etwa die Hälfte der Trennungseltern würde sich für die eigene Familie eine Aufteilung wünschen, bei der beide Elternteile die Hälfte bzw. etwas mehr oder etwas weniger als die Hälfte übernehmen (51 %, 41 % der Mütter und 64 % der Väter; Abbildung 1).

Abbildung 1: Reale und ideale Aufteilung der Betreuung

48 % der Trennungsväter fänden dazu eine Vergrößerung ihres Anteils an der Betreuung und Versorgung der Kinder ideal, 42 % der Trennungsmütter eine Verringerung des eigenen Anteils. Solche Wünsche entsprechen tendenziell der Präferenz der deutschen Gesamtbevölkerung für eine gemeinsame Betreuung. Im November 2016 erklärten 77 % der Bürgerinnen und Bürger, auch nach einer Trennung sollten die Elternteile die Kinder am besten weiterhin gemeinsam betreuen und erziehen

15 Prozent betreuen gemeinsam
15 % der Trennungseltern geben an, bei der Betreuung bereits jetzt ein entsprechendes Modell gewählt zu haben, bei dem Vater wie Mutter „große Teile der Betreuung der Kinder übernehmen“. Zwar handelt es sich dabei nur zum Teil um das sogenannte „Wechselmodell“ im engeren Sinne, bei dem die Betreuungszeiten etwa paritätisch aufgeteilt sind. Erkennbar ist aber eine weitgehende Teilung der Aufgaben bei der Betreuung. Für weitere 17 % der Trennungseltern käme eine solche gemeinsame Betreuung in Frage. 52 % der Trennungseltern schließen eine solche gemeinsame Betreuung für sich aus, 16 % äußern sich unentschieden.

Die gleichgewichtige Aufteilung der Betreuung wurde meist sowohl mit Blick auf den Nutzen für die Entwicklung der Kinder gewählt, die von beiden Elternteilen etwas haben sollen, wie auch mit dem Wunsch, beiden Elternteilen die Betreuung der Kinder zu ermöglichen. Die Erwartungen an die gemeinsame Betreuung erfüllen sich oft: Über 90 % der Eltern, die gemeinsam erziehen und betreuen, geben deshalb gute (54 %) oder sogar sehr gute Erfahrungen (39 %) mit dem Modell zu Protokoll.

Unterschiedliche Gründe halten die Mehrheit der Eltern von der Nutzung des Modells ab. Zum Teil fürchten Eltern, die sich für andere Modelle entschieden haben, den Organisationsaufwand, der ihrer Meinung nach mit dem gemeinsamen Betreuen verbunden wäre (37 %). 38 % dieser Eltern würden Nachteile für das Kind erwarten, insbesondere durch die vergleichsweise häufigen Wechsel zwischen den Elternteilen. 35 % der Mütter und Väter, die gern gemeinsam betreuen würden, halten zudem die Distanz zwischen den Wohnungen der Elternteile von einer gemeinsamen Betreuung ab.

Voraussetzungen für die gemeinsame Betreuung
Für die gemeinsame Betreuung lassen sich unterschiedliche Voraussetzungen erkennen. Am wichtigsten sind davon die partnerschaftlichen Einstellungen nach der Partnerschaft, vor allem die Bereitschaft, den anderen Elternteil als Mitbetreuer*in zu akzeptieren und die elterlichen Differenzen aus Rücksicht auf das Kind hintanzustellen. Dazu gehört etwa das Bestreben, das Kind nicht in die Konflikte der Eltern hineinzuziehen. Aber auch durch gemeinsame Vorstellungen in Erziehungsfragen und die fast durchgehende Erfahrung, dass Absprachen mit dem früheren Partner bzw. der früheren Partnerin funktionieren, zeichnen sich die gemeinsam Betreuenden aus (Abbildung 2).

Abbildung 2: Einstellungen und Erfahrungen von Trennungseltern

Von erkennbarer Bedeutung für die Verwirklichung der gemeinsamen Betreuung ist zudem die geringe Entfernung zwischen den Wohnungen der früheren Partner. Kurze Wege sind deshalb hilfreich, weil 65 % der Trennungskinder, die gemeinsam erzogen werden, wenigstens einmal in der Woche zwischen den Wohnungen der Elternteile hin- und herwechseln; darunter wechseln 39 % sogar mehrmals in der Woche.

Zudem spielen die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle, für gemeinsam Betreuende nicht anders als für andere Trennungseltern. 64 % der Trennungseltern finden, der Staat solle getrennt lebende Eltern mehr unterstützen; nur 17 % halten die staatliche Unterstützung der getrennt lebenden Eltern für ausreichend, 19 % bleiben unentschieden. Gedacht wird dabei nicht allein an mehr finanzielle und steuerliche Unterstützung, sondern auch an mehr Beratung. Besonders die gemeinsam betreuenden Trennungseltern würden sich auch bessere rechtliche Bedingungen für die gemeinsame Betreuung wünschen, beispielsweise, dass Kinder bei beiden Elternteilen ihren Erstwohnsitz haben können.

Kontakt
whaudmann@ifd-allensbach.de

Der Autor
Wilhelm Haumann ist promovierter Germanist und seit 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Die Studie
Der Untersuchungsbericht steht unter der folgenden Adresse zum Download bereit:
www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_studies/Abach_Trennungseltern_Bericht.pdf

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe November 2017