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Glück und Wohlbefinden in Japan

Der Fall junger Eltern

Von: BARBARA HOLTHUS

Happiness ist „in“. Wie in vielen anderen Ländern auch, beobachten wir in Japan seit einigen Jahren ein vermehrtes Streben nach Glück. Erklärungen und Erforschungen von Glück, Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden boomen. Umfragen sind allgegenwärtig wie auch Veröffentlichungen seitens Regierung, Industrie, Wissenschaft und Medien. Glück bzw. Wohlbefinden hat sich mittlerweile neben dem ökonomischen Wohlstand der Gesellschaft als anerkanntes Maß des Erfolgs industrialisierter Länder etabliert.

Wie sich das Wohlbefinden von Eltern junger Kinder im Speziellen darstellt, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Die Frage, ob sich die zusätzlichen finanziellen und körperlichen Belastungen der Elternschaft negativ auf die Lebenszufriedenheit auswirken, oder ob die Freuden der Elternschaft und positive Aspekte wie Sinnstiftung und familiale Einbettung überwiegen, ist nicht abschließend geklärt und von diversen Einflüssen abhängig.

Familien, Arbeit, und Gesellschaft im Wandel
Seit 1950 ist Japans Geburtenrate nahezu durchgehend im freien Fall, auch wenn dieses Phänomen erst seit Beginn der 1990er Jahre als Problem wahrgenommen wird. Politische Maßnahmen, mit denen dem Bevölkerungsrückgang gegengesteuert werden soll, haben nur mäßig Erfolg: Seit 2015 schrumpft die japanische Bevölkerung. Japan ist damit Vorreiter für einen demografischen Trend, dem weitere industrialisierte Länder in der nächsten Zeit folgen werden. Gründe für Japans niedrige Geburtenrate sind unter anderem: (a) der stetige Anstieg des Heiratsalters (in Japan ist Elternschaft nahezu ausschließlich mit Eheschließung verbunden); (b) das steigende Bildungsniveau von Frauen und damit verbunden zunehmende Opportunitätskosten (Elternschaft in Japan bedeutet für die Mehrheit der Frauen immer noch einen zumindest temporären Ausstieg aus dem Berufsleben, dem ein eindeutiger Karriereknick folgt); (c) die Zunahme kinderlos bleibender Paare; (d) eine fortschreitende Nuklearisierung junger Familien und die damit erschwerte Kinderbetreuung durch das familiale Netzwerk.

Ebenfalls von Bedeutung sind die wirtschaftlichen Probleme des Landes der letzten zwei Dekaden, die zu gravierenden Verschiebungen am Arbeitsmarkt geführt haben. Das mittelständische Ideal des lebenslang angestellten Mannes mit einer sich ausschließlich um Haus und Kinder kümmernden Ehefrau kann von immer weniger Menschen realisiert werden und wird auch nicht mehr von allen als ultimatives Ziel angesehen. Die damit notwendig gewordene Neuorientierung bringt Verunsicherungen, aber auch Werteverschiebungen mit sich. Eltern in Japan befinden sich also in einer Übergangsphase, in der veränderte Werte auf sich sehr viel langsamer wandelnde Institutionen, Strukturen und soziale Normen treffen. Die Reibung, die dabei entsteht, hat negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden junger Eltern, wie an unseren Daten abzulesen ist.

Repräsentative Studie 2012
Im Jahr 2012 habe ich in Japan eine repräsentative Umfrage zum elterlichen Wohlbefinden durchgeführt (Japan Parental Well-Being Survey, kurz JPWS). Der Fragebogen lehnt sich an die von der Ravensburger Stiftung geförderte Umfrage über das elterliche Wohlbefinden in Deutschland an (Bertram/Spiess 2011). Die Auswertung erfolgte mit DFG-Finanzierung für das Projekt „Elterliches Wohlbefinden im Vergleich Deutschland - Japan“ (in Kooperation mit emerit. Prof. Dr. Hans Bertram, HU Berlin).

In Japan wurden ca. 2.000 Väter und Mütter aus nicht-identischen Haushalten mit mindestens einem Kind im Alter zwischen 0 und 6 Jahren zu ihrer Lebenszufriedenheit im Allgemeinen und in sieben Teilbereichen befragt: Zufriedenheit mit der ökonomischen Situation, dem sozialen Netzwerk, der eigenen Bildung und den Bildungsaspirationen für die eigenen Kinder, dem partnerschaftlichen Wohlbefinden, dem psychischen und physischen Wohlbefinden, der Zufriedenheit mit der Berufstätigkeit sowie der Zufriedenheit mit der Familienpolitik (Holthus et al. 2015).

The classics: Einkommen, Ehestand, Bildung, Berufstätigkeit
Einkommen, Bildung und Ehestand zeigen einen sehr starken Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden junger Eltern in Japan. Ungeachtet des Geschlechts heben Ehe, Höhe von Bildung und Einkommen das Wohlbefinden signifikant. Das Beschäftigungsverhältnis jedoch ist nur für Väter von Bedeutung. Je höher deren Stellung im Erwerbsleben ist, desto zufriedener sind sie mit ihrem Leben insgesamt. Eine steigende Zahl von Kindern hat einen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden der japanischen Mütter, wohingegen das väterliche Wohlbefinden weniger von der Anzahl ihrer Kinder beeinflusst ist.

Die Dreifachkatastrophe von 2011
16.000 Menschen fielen dem Erdbeben vom 11. März 2011 und dem darauf folgenden Tsunami zum Opfer; eine sehr viel höhere Zahl von Menschen betraf und betrifft jedoch der hohe Ausstoß an Radioaktivität nach der Atomkatastrophe des Kraftwerks Fukushima Daiichi. Japanweit haben sich seitdem viele Elternnetzwerke zusammengeschlossen, um z.B. mit lokalen Petitionen ihre Kinder besser vor Radioaktivität schützen zu können (Holdgrün/Holthus 2015). Auch wenn Ängste um Lebensmittelsicherheit und Umweltbelastungen durch Radioaktivität regional unterschiedlich gewichtet sind, so zeigt sich aber durchgehend ein insgesamt starker Geschlechterunterschied in unserer Studie: Japanweit sind Mütter sehr viel besorgter ob dieser Gefahren als Väter (Holthus 2013). Ihnen obliegt normativ die Umsorgung und die Gesundheit von Kindern und Familie.

Partnerschaftliche Rollenteilung
Der Fortbestand einer „traditionellen“ Aufteilung häuslicher Arbeit in den japanischen Familien belegt die hier vorgestellte Studie. Die meisten Haushaltstätigkeiten werden überwiegend von Müttern allein erledigt, insbesondere Tätigkeiten, die täglich oder mehrmals wöchentlich ausgeführt werden müssen wie Kochen, Einkaufen oder Wäschewaschen. Japanische Väter übernehmen vorwiegend nur Reparaturen im Haushalt. Tätigkeiten, die in den Bereich der Kindererziehung oder Kleinkindbetreuung fallen, sind etwas weniger traditionell verteilt. Dennoch sind es üblicherweise Frauen, die das Gros leisten: ob es darum geht, mit den Kindern den Haushalt zusammen zu machen, ihnen vorzulesen, oder sie beim Lernen und Spielen zu beaufsichtigen. Tätigkeiten, die außerhalb des Hauses stattfinden, werden allerdings tendenziell von beiden Eltern gemeinsam bzw. als Familie durchgeführt, ebenso auch das gemeinsame Fernsehen. Nur Videospiele gemeinsam mit den Kindern übernehmen zu größeren Teilen die japanischen Väter.

Zufriedenheit mit der Partnerschaft
Mütter geben mit 6,27 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 10) an, weitaus weniger zufrieden mit ihrer Partnerschaft zu sein als Väter (7,16 Punkte). In Übereinstimmung mit der internationalen Literatur sehen wir einen Teil der Erklärung in der immer noch stark ausgeprägten Trennung männlicher und weiblicher Lebenswege und der damit verbundenen Rollenteilung. Tatsächlich wirken sich die beschriebenen Ungleichheiten in der Aufteilung von Haushaltsarbeiten und Kinderbetreuung negativ auf die partnerschaftliche Zufriedenheit japanischer Mütter aus. Bei Müttern in Deutschland lässt sich dieser Effekt nicht finden, was die Relevanz dieses Themas für die Beziehung japanischer Eltern unterstreicht.

Eine Besonderheit dieser Studie ist, dass wir Eltern neben dem Status quo in der Hausarbeit auch nach ihrer Meinung zu einer idealen Verteilung gefragt haben. Die Diskrepanz zwischen Realität und Ideal der Haushaltsaufteilung wurde somit als alternative Messgröße für Unzufriedenheiten in der häuslichen Arbeitsteilung herangezogen. Zwar spielt die Haushaltsaufteilung für Väter im Vergleich zu Müttern eine untergeordnete Rolle in ihrer Einschätzung der Beziehung. Dennoch lässt sich unter Verwendung dieses Maßstabes eindeutig feststellen, dass Väter weniger zufrieden mit ihrer Partnerschaft sind, je stärker sie – im Vergleich zu ihrem Idealzustand – in Hausarbeit involviert sind. Demgegenüber steht der Umstand, dass beinahe die Hälfte der japanischen Väter angibt, zu wenig zum Haushalt beizutragen. Knappe 40 Prozent meinen, zu wenig Zeit mit den Kindern zu verbringen. Damit sind japanische Väter strenger mit sich selbst, als es etwa die deutschen Väter sind. Daran ist abzulesen, dass sich Väter in Japan der Ungleichheit im Haushalt bewusst sind und bereit sind, mehr zu tun – dass dieser Mehraufwand aber seine Grenzen hat.

Insgesamt ist die Tatsache, dass Männer in Bezug auf die Rollenteilung tendenziell traditioneller eingestellt sind als Frauen, ein weiterer Teil der Erklärung, warum Mütter weniger glücklich in ihrer Partnerschaft sind. Diese Einstellungsunterschiede werden auch von den persönlichen Werten reflektiert. So ist es für Väter wichtiger als für Mütter, etwas für sich selbst zu erreichen und erfolgreich im Beruf zu sein. Auch in ihrer Einschätzung, welche Bedeutung der Ehe zukommt, sind Väter in Japan traditioneller eingestellt als Mütter, und der Aussage, dass auch Einzelpersonen Kinder ebenso gut erziehen können wie Paare, stimmen weniger Väter als Mütter zu. Befragt nach diversen Erziehungsidealen legen japanische Mütter mehr Bedeutung auf die Qualität der Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen, wohingegen Väter eher in quantitativen Kategorien denken.

(Un-)Zufriedenheit mit der Familienpolitik
Japans familienpolitische Reformen sind vorrangig ökonomisch motiviert und dem Kampf gegen die niedrige Geburtenrate geschuldet. Hinter dem Versuch, Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren und die Work-Life-Balance der Bevölkerung zu verbessern, steht weniger ein allgemein gefasster Gleichstellungsgedanke als vielmehr Japans extrem restriktive Einwanderungspolitik und das Bemühen, den herrschenden Mangel an Arbeitskräften mit weiblicher anstatt mit migrantischer Arbeitskraft zu kompensieren. Da Kindertagesstätten eine essenzielle Voraussetzung sind, um junge Mütter nach der Geburt wieder in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, sind sie deshalb auch einer der bedeutendsten Bestandteile der japanischen Familienpolitik.

In Forschung und Politik wird der Erfolg von Familienpolitik oft mit einem Anstieg der Geburtenrate gemessen. Da Japan trotz diverser Maßnahmen eine sinkende Zahl Neugeborener zu verzeichnen hat, muss man fragen, ob die Bedürfnisse der Eltern tatsächlich mit dieser Familienpolitik erreicht werden. Aus diesem Grund fragen wir in der JPWS-Studie, wie zufrieden japanische Eltern mit der Familienpolitik in ihrem Land sind. Konkret wurde die Zufriedenheit mit der Familienpolitik nicht allgemein abgefragt, sondern unterteilt nach den drei großen Säulen der Familienpolitik: Zeit-, Geld-, und Infrastrukturpolitik. Die Fragen lauteten: „Wie zufrieden sind Sie mit den folgenden Bereichen Ihres Lebens: (a) finanzielle Unterstützung durch den Staat (z.B. Kindergeld), (b) Bereitstellung institutioneller Unterstützung bei der Kindererziehung (Kindertagesstätten), (c) angepasste Arbeitszeiten für Eltern.

Von den insgesamt 14 in dieser Studie abgefragten Teilbereichen gehören diese drei familienpolitischen Aspekte zu denen, mit welchen japanische Eltern am wenigsten zufrieden sind. In der durchschnittlichen Einschätzung der Eltern ist hierbei für den Bereich der monetären wie auch der infrastrukturellen Familienpolitik kaum ein Geschlechterunterschied festzustellen. In Bezug auf den Bereich der Zeitpolitik ist die Zufriedenheit der Mütter (3,78) signifikant niedriger als die der Väter (4,24). Insgesamt ist dies der niedrigste Zufriedenheitswert für Mütter überhaupt und zeugt von ihrer weiterhin schwierigen Situation, Kind und Beruf zufriedenstellend zu vereinbaren. Somit erweist sich die japanische Zeitpolitik als noch stark verbesserungswürdig.

Kindertagesstätten in Japan
In den letzten zehn Jahren haben im japanischen System institutioneller Kinderbetreuung einige Veränderungen stattgefunden: Unter anderem wurden neue „Mischformen“ (kodomo-en) gegründet. Vor allem der Ausbau von privaten, marktorientierten Kitas, teilfinanziert durch staatliche Subventionen, wird von der Regierung vorangetrieben, auch wenn das Ideal für japanische Eltern die öffentlichen Einrichtungen des Staats sind. Während Japans asiatische Nachbarn gerade auf außerinstitutionelle Kinderbetreuungsformen wie Kindermädchen, die oft mit im Haushalt der Familie wohnen, zurückgreifen, gibt es diese so gut wie gar nicht in Japan (Ochiai/Molony 2008). Auch Tagesmütter, Babysitter*innen oder die Mithilfe von Nachbar*innen und Freund*innen sind nicht sehr beliebt und werden verhältnismäßig wenig genutzt.

Die Bedeutung verschiedener familienpolitischer Maßnahmen für Eltern
Die Eltern wurden detailliert nach ihrer Bewertung einzelner familienpolitischer Maßnahmen befragt. So sehen Eltern in Bezug auf die Kosten für die Betreuung des Kindes in Kitas den größten Handlungsbedarf der Familienpolitik. Mit der Qualität der Einrichtungen sind die Eltern vergleichsweise zufrieden, vor allem in öffentlichen Kindertagesstätten. Seit der Umfrage sind allerdings in der Öffentlichkeit von den Betroffenen (in diesem Fall Eltern und Betreuende) Qualitätsbedenken lauter geworden, vor allem, da die Regierung einen ganz deutlichen Fokus auf den quantitativen Ausbau legt und qualitative Richtlinien gelockert hat.

In Bezug auf finanzielle Hilfen im Rahmen der Familienpolitik erachten es Eltern als wichtiger, Kindergeldzahlungen an das Haushaltseinkommen abzustimmen als etwa an Alter oder Anzahl der Kinder. Generell halten Eltern es allerdings für wesentlicher, dass auch Arbeitgeber finanzielle Vorteile für Familien mit Kindern schaffen und dass es für Eltern Steuernachlässe gibt. Im Herbst 2017 wurde in der japanischen Politik und Öffentlichkeit unter dem Label der „Gratisbildung“ auch ein vollständig kostenloser Kitabesuch angedacht anstelle der zurzeit existenten einkommensabhängigen Beitragsskala.

Des Weiteren wünschen sich Eltern eine bessere Anpassung der Arbeitszeiten an die Anforderung des Elternlebens. Diesbezüglich wird es als besonders wichtig erachtet, dass Arbeitgeber es ihren Angestellten ermöglichen, flexibel auf Notfälle (wie Krankheit des Kindes) zu reagieren und dass sich Angestellte spontan freinehmen können. Ähnlich wichtig ist japanischen Eltern die Möglichkeit, frei zwischen Flextime oder verkürzter Arbeitszeit wählen zu können. Die Möglichkeiten für Gleitzeit, Zeitausgleich und verkürzte Arbeitszeitmodelle sind in Japan auch im Jahr 2017 noch immer sehr begrenzt bzw. werden aufgrund sich schwer wandelnder Arbeitsplatznormen wenig genutzt.

Regionale Unterschiede des Wohlbefindens
Das Projekt untersuchte ebenso die regionale Diversität der Gruppe der Eltern junger Kinder über Klassen-, Alters- und Geschlechtsunterschiede hinweg. In einer aktuellen Analyse hierzu unterteilen wir unsere Daten in fünf Urbanisierungsgrade. Es zeigt sich, dass sich demografische und sozioökonomische Attribute von Eltern mit jungen Kindern entlang dieses Stadt-Land-Kontinuums signifikant unterscheiden. Dementsprechend kann ihre Zufriedenheit mit der Familienpolitik oder anderen Bereichen ihres Lebens nicht über einen Kamm geschoren werden. Bildungsgrad, Haushaltseinkommen, und der Anteil der Vollzeitbeschäftigten nehmen linear vom Ländlichen ins Städtische zu. Regionale Unterschiede finden sich aber auch in den Werten der Eltern: Väter auf dem Land haben signifikant weniger traditionelle Familienwerte als in der Stadt.

In eher ländlichen Räumen bewerten Eltern die Familienpolitik günstiger als in eher städtischen Regionen. Gerade im Infrastrukturbereich, wie zum Beispiel die Verfügbarkeit von Kindertagesplätzen, ist die Situation in kleineren Städten und auf dem Land besser als in den Großstädten Japans, wo es durch Engpässe weitaus öfter zu Wartezeiten für einen Platz in einer öffentlichen Einrichtung kommt. Die Zufriedenheit mit der Familienpolitik hat einen hohen positiven Effekt gerade auf das allgemeine Wohlbefinden von Müttern und Vätern im Ländlichen, und hier vor allem in kleineren Ortschaften – trotz der vergleichsweise schlechten wirtschaftlichen Lage.

Wie genau sich aber das Leben von jungen Eltern auf dem japanischen Land gestaltet, welche Bedürfnisse sie haben, wie genau ihre Lebenssituationen und Beschäftigungsverhältnisse, aber auch ihre Wertvorstellungen damit zusammenhängen – all diesen Fragen soll nun in weiteren Forschungsprojekten nachgegangen werden. Die quantitativen Daten bedarf es nun mit qualitativen Feldstudienzu komplementieren. Dies geschieht in Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Schwerpunkt der Abteilung für Japanologie des Instituts für Ostasienwissenschaften der Universität Wien.

Will Japan eine Lösung für den fortschreitenden Mauerbau zwischen Land und Stadt erreichen (wie sie der Deutsche Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017 gefordert hat), so sind regionale und individuellere Lösungen die einzige Möglichkeit. Gerade junge Menschen, die die neue Generation heranziehen, sind für ein gesundes Sozialleben vonnöten und bewahren periphere, eventuell bereits von Strukturschwäche betroffene Ortschaften vor dem potenziellen Aussterben. Es sollte also der Politik stark daran gelegen sein, besser zu verstehen, wie es diesen jungen Eltern geht und wie ihr Wohlbefinden von der Region, in der sie leben, beeinflusst wird. Dann kann man auch dem Wegzug gerade dieser Kohorte entgegenwirken.

Abbildung 1: Holthus, Barbara; Manzenreiter, Wolfram (Hrsg.) (2017): Life course, Happiness and Well-being in Japan. London/New York: Routledge.

 

Kontakt:
barbara.holthus@univie.ac.at

Zur Autorin:
Dr. Dr. Barbara Holthus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ostasienwissenschaften, Abteilung Japanologie an der Universität Wien. Sie promovierte im Fach Japanologie an der Universität Trier sowie im Fach Soziologie an der University of Hawaii at Manoa. Holthus forscht zu japanischen Partner- und Familienbeziehungen und leitet am Institut zusammen mit Prof. Dr. W. Manzenreiter eine Forschergruppe zum subjektiven Wohlbefinden in Japan. Der Text entstand in Zusammenarbeit mit Peter Fankhauser, MA (Projektmitarbeiter).

Literatur:
Bertram, Hans; Spiess, Katharina (Hrsg.) (2011): Fragt die Eltern! Ravensburger Elternsurvey. Elterliches Wohlbefinden in Deutschland. Baden-Baden: Nomos.
Holdgrün, Phoebe; Holthus, Barbara (2015): Mothers against radiation: Issues of gender and advocacy. In: Mullins, Mark/Nakano, Koichi (Hrsg.): Disasters and social crisis in contemporary Japan: Political, religious, and cultural responses. London: Palgrave Macmillan, S. 238-266.
Holthus, Barbara (2013): Kindliches Wohlbefinden in Japan. Elterliche Sorgen und Ängste seit der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011. In: Bertram, Hans (Hrsg.): Reiche, kluge, glückliche Kinder? Der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland. Weinheim: Beltz Juventa, S. 257-276.
Holthus, Barbara; Huber, Matthias; Tanaka, Hiromi (2015): Parental well-being in Japan. München: Iudicium (DIJ Miscellanea Nr. 19).
Holthus, Barbara; Huber, Matthias; Tanaka, Hiromi (2015): Parental well-being in Japan. (Miscellanea 19) Tokyo: Deutsches Institut für Japanstudien. https://uscholar.univie.ac.at/view/o:407520 (Zugriff: 07.12.2017)
Holthus, Barbara; Manzenreiter, Wolfram (Hg.) (2017): Life course, Happiness and Wellbeing in Japan. London/New York. Routledge.
MHLW (Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales, Japan) (2016): ‘Hoikusho nado kanren jokyo torimatome (Heisei 28 nen 4 gatsu 1 tachi)’ o koyo shimasu [Bekanntgabe: Bericht über die Lage der Kinderkrippen]. www.mhlw.go.jp/file/04-Houdouhappyou-11907000-Koyoukintoujidoukateikyoku-Hoikuka/0000098603_2.pdf, (Zugriff: 16.10.2017).
Ochiai, Emiko/Molony, Barbara (Hrsg.) (2008): Asia’s new mothers. Crafting gender roles and childcare networks in East and Southeast Asian societies. Folkestone: Global Oriental.

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Jänner/Februar 2018