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Verhaltensökonomie in der Familienpolitik

Schubsen – aber in welche Richtung?

Von: CHRISTIANE RILLE-PFEIFFER

Die ÖIF-Veranstaltungsreihe Familie 3.0 vom 5. Oktober 2017 beschäftigte sich mit der Frage, inwieweit das Verhalten von Eltern durch Familienpolitik gesteuert werden kann. Das Impulsreferat hielt der Verhaltensökonom Univ.-Prof. Dr. Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) in Wien. Der folgende Artikel nimmt Bezug auf diese Veranstaltung und beleuchtet die Rolle der Verhaltensökonomie als Instrument (familien-)politischen Handelns.

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Selbstregulation und staatlicher Steuerung ist eine Grundthematik politischen Handelns. Wie Politikwissenschaft und Soziologie seit den 1980-er Jahren konstatieren, „steuert jeder Staat und zu allen Zeiten“ (vgl. Ellwein 1987: 200). Diese Feststellung beruht auf einem Steuerungsverständnis, das sich primär auf die Auswirkungen bezieht, die mit politischen Maßnahmen erzielt werden können. Im Gegensatz dazu steht der auf den griechischen Philosophen Platon1 zurückgehende und in der jüngeren Diskussion stark in Frage gestellte, klassische Steuerungsbegriff: Die Staatsführung als souveräne Lenkerin der Staatsgeschäfte hat die Entscheidungsmacht und führt den Staat mit geeigneten Mitteln in die als am besten angenommene Richtung (Göhler 2010). In modernen Staaten entwickelte sich neben dieser direkten Form hierarchischer Steuerung (nach dem Muster von Befehl und Gehorsam) eine Bandbreite an neuen, „weicheren“ Steuerungsmechanismen, wie sie auch von der Verhaltensökonomie postuliert werden.

Als relativ junger Forschungszweig der Wirtschaftswissenschaften greift die Verhaltensökonomie vor allem zentrale Erkenntnisse über menschliches Handeln und Entscheiden aus der Psychologie auf. Theoretischer Ausgangspunkt ist die Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen, welche Fehler sie dabei machen und inwieweit sie vom Bild des Homo oeconomicus abweichen. Im Gegensatz zu den traditionellen Wirtschaftswissenschaften geht die Verhaltensökonomie nämlich nicht davon aus, dass der Mensch in seinem Entscheidungsverhalten rational handelt und stets seinen eigenen Nutzen maximiert. Vielmehr handeln und entscheiden Menschen im Sinne der Verhaltensökonomie irrational, machen systematisch Fehler, sind altruistisch und folgen Normen. Oder anders ausgedrückt: Menschen entscheiden mit Kopf und Bauch.

Als Beispiel für eine fehlerhafte Einschätzung sehen Verhaltensökonomen die Tendenz, dass Menschen bei langfristigen Entscheidungen häufig die kurzfristigen Kosten überschätzen und beispielsweise zu wenig für die Pension ansparen oder zu wenig in ihre Gesundheit investieren. Die verhaltensorientierte Wirtschaftsforschung setzt hier an und versucht, Anreize zu entwickeln, damit Menschen bessere Entscheidungen für sich, aber auch für die Allgemeinheit treffen.

Diese Anreize erfolgen nicht über eine direkte Bevormundung des Einzelnen durch den Staat, sondern über sanften Druck, mit dem der Staat die Menschen in die richtige Richtung leitet, ihnen jedoch gleichzeitig die Möglichkeit lässt, sich anders zu entscheiden. Dieses Konzept wird in der verhaltensökonomischen Terminologie mit dem Begriff des Nudging („Anschubsen“) gefasst: Durch positive Anregung soll das Verhalten von Menschen auf vorhersagbare Weise gelenkt werden – und zwar ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen zu müssen. Indirekte Anreize könnten etwa helfen, die Steuermoral zu verbessern, achtlos weggeworfenen Müll auf den Straßen zu reduzieren, den Energieverbrauch zu reduzieren oder Anregungen für einen gesünderen Lebensstil zu liefern. Ein weiteres Beispiel für Instrumente, die in der Verhaltensökonomie zum Einsatz kommen, ist die Schaffung von Verbindlichkeiten (commitment devices). Selbst auferlegte Regeln oder ein symbolischer Akt erleichtern Individuen, getroffene Vereinbarungen einzuhalten – oder wie es die Verhaltensökonomie sehr anschaulich beschreibt: Durch Selbstbindung soll das gegenwärtige Ich dem zukünftigen Ich unter die Arme greifen.2

Aber auch Verhaltensökonomen können oftmals nicht präzise vorhersagen, wie sich Personen oder Personengruppen in gewissen Situationen verhalten werden. Systematische Experimente als zentrale methodische Herangehensweise sollen einen diesbezüglichen Erkenntnisgewinn bringen. Vor allem in Bezug auf politisches Handeln wird auf die Wichtigkeit eines sogenannten Impact Assessment – also die Abschätzung möglicher Auswirkungen – hingewiesen, um zu verstehen, wie sich staatliche Eingriffe auf die jeweiligen Adressaten auswirken.

Wenngleich die Verhaltensökonomie noch nicht systematisch auf familienpolitische Fragen angewandt wird, erhofft sich die Wissenschaft gerade in diesem Politikbereich neue Lösungsansätze. In Familien werden in der Regel andere Entscheidungen getroffen, als sie Individuen alleine treffen würden, wobei diese Entscheidungen von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst werden (z.B. Identität, Geschlechtsrollen, soziale Normen etc.). Das Entscheidungsverhalten in Familien ist oftmals nicht im klassischen Sinne rational und daher zum Teil deutlich anders als dies seitens der Politik angenommen wird. Dies kann dazu führen, dass falsche Anreizsysteme entwickelt werden und politische Maßnahmen unerwünschte Effekte zeitigen. Indem die Verhaltensökonomie die Entscheidungsunzulänglichkeiten der Individuen systematisch berücksichtigt und verstärkt auf einen motivierenden statt regulierenden Staat setzt, kann Familienpolitik effektiver und zielgerichteter gestaltet werden.

Versuche, verhaltensökonomische Methoden in der österreichischen Familienpolitik zur Anwendung zu bringen, sind relativ neu und adressieren vor allem die Aspekte der Steigerung der Väterkarenz und der Familienfreundlichkeit in Unternehmen sowie die Förderung eines besseren beruflichen Wiedereinstiegs nach der Karenz. Instrumente, die in diesem Kontext von Verhaltensökonomen vorgeschlagen werden, sind beispielsweise: Anreize für Arbeitgeber und Selbst-Verpflichtung von Unternehmen zu familienfreundlicher Politik; Anreize für Väter (z.B. was vermissen Väter am meisten, wenn sie die Väterkarenz nicht in Anspruch genommen haben?); frühzeitige Information und Kommunikation (z.B. über Möglichkeiten der Kinderbetreuung und Teilung von Betreuungspflichten, Wiedereinstieg ins Berufsleben frühzeitig fixieren).

Verhaltensökonomen sind davon überzeugt, dass sich in der Familienpolitik ein gutes Anwendungsgebiet für die beschriebenen, indirekten Steuerungsmechanismen bietet. Doch gibt es auch kritische Stimmen, die eine verhaltensökonomische Ausrichtung von Familienpolitik für problematisch erachten. Als zentraler Kritikpunkt ist die Einschätzung anzuführen, dass die Verhaltensökonomie eine sanfte Variante des Paternalismus sei – also eine Bevormundung der Individuen im väterlich wohlwollenden Sinne. Die Annahme, dass Menschen irrational handeln und vor den Folgen ihrer eigenen Unvernunft beschützt werden müssen, mache die Verhaltensökonomie für die Politik besonders interessant und legitimiere eine starke Einflussnahme durch den Staat. Vor allem problematisch ist aus Sicht der Skeptiker*innen aber auch, dass durch verhaltensökonomische Instrumente festgelegt wird, was als „richtig“ zu gelten hat. Gerade im Bereich der Familienpolitik gibt es jedoch nur selten vorgefertigte Lösungen für alle Lebenssituationen, sodass die Prämisse der bedingten Wahlfreiheit auch weiterhin als wesentlicher Ankerpunkt familienpolitischen Handelns bestehen sollte.

1 Platon beschreibt seine Vorstellungen, wie ein Staat idealerweise zu steuern ist, in seinem Werk Politeia. Er greift dabei auf das Gleichnis vom Steuermann und seinem Schiff zurück, wonach die Lenkung des Schiffes nicht allen Matrosen überlassen werden sollte, sondern idealerweise in den Händen eines einzigen Mannes zu liegen habe. Dieser müsse über das notwendige Wissen und die nötige Weitsicht verfügen, um das Schiff in die richtige Richtung zu steuern. Platons Haupteinwand gegen die Demokratie ist, dass die Masse der Bevölkerung nicht in der Lage ist, sich das zur Staatsführung notwendige Wissen anzueignen.

2 Dieses Zitat stammt von dem amerikanischen Ökonomen Steven Levitt.

 

Kontakt:
christiane.rille-pfeiffer@oif.ac.at

Die Autorin:
Dr. Christiane Rille-Pfeiffer ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am ÖIF.

Literatur:
Ellwein, Thomas (1987): Politische Praxis: Beiträge zur Gestaltung des politischen und sozialen Wandels. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Göhler, Gerhard (2010): Neue Perspektiven politischer Steuerung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 2010, Nr. 2–3, S. 34 –40.

 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Jänner/Februar 2018