Ist mein Kind gefährdet?
Wenn Kinder mit Suchtmitteln in Berührung kommen, wissen sich besorgte Eltern
oft nur mit Strafen und Verboten zu helfen. Aber gerade diese Haltung kann zum
Weg in die Abhängigkeit beitragen. Wie Eltern in solchen oder ähnlichen
Situationen reagieren sollten, wie sie Suchtgefahr erkennen und ihre Kinder
dagegen stärken können, beschreibt der in der Suchtprävention tätige Pädagoge
Heinz Kaufmann in seinem Ratgeber "Glotze, Pommes, Drogen - und dann?".
Die Möglichkeiten, in Berührung mit Drogen und anderen Suchtmitteln zu kommen,
sind vielfältig und lauern überall. Die Gefahr ist auch nicht an ein bestimmtes
Alter gebunden, tritt in der Zeit der Pubertät aber verstärkt auf. Die Sorge von
Eltern um ihr Kind und der Wunsch, es vor dem Weg in die Abhängigkeit zu
beschützen, sind berechtigt. Aber es ist nicht immer leicht, den richtigen
Mittelweg zwischen dem Unabhängigkeitsstreben der Kinder und Jugendlichen und
der elterlichen Fürsorge zu finden. Denn mit Strenge und Verboten allein besteht
die Gefahr, die Situation zu verschärfen und das Kind erst recht in Richtung
Sucht zu treiben. Gut informierten Eltern fällt es leichter, eine Gefährdung zu
erkennen und das Kind dementsprechend zu unterstützen.
Gefährdung kennt kein Alter
Nicht nur Zigaretten, Alkohol oder andere Drogen können abhängig machen, sondern
auch übermäßiges Essen oder Naschen, Fernsehen und Computerspiele bergen ein
gewisses Suchtpotenzial. Daher ist es ratsam, mit der Vorbeugung von Süchten
bereits früh zu beginnen - ohne direkt von Suchtmitteln zu sprechen, weiß der
Autor. Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein sollten bei Kindern möglichst früh
aufgebaut werden. Dazu zählt auch zu lernen, mit Gefühlen umzugehen, Konflikte
zu lösen und sich Anforderungen zu stellen. Auf diese Weise kann der Weg in die
Abhängigkeit zumindest erschwert werden. Heinz Kaufmann empfiehlt, die Neugierde
der Kinder im frühen Alter zu nützen, und das Gespräch mit ihnen suchen. Mit
beginnender Pubertät werden die Jugendlichen schwerer zugänglich, der
Freundeskreis löst die Eltern zunehmend als Gesprächspartner ab.
Ausprobieren macht noch nicht süchtig
Ausprobieren allein macht nicht süchtig. Ernsthafte Gefahr besteht dann, wenn
mehrere Risikofaktoren hinzukommen. Ausschlaggebend dafür, ob eine Droge
gefährlich ist oder nicht, ist das Konsummuster. Besondere Gefahr besteht bei
frühem Konsumeinstieg, regelmäßigem Konsum oder Mischkonsum (z. B.
Rauchen/Trinken und Cannabis) und bei Konsum als Lösungsversuch für Probleme.
Kaufmann rät, mit dem Kind über seine Neugier, Ängste und Einstellung gegenüber
Suchtmitteln zu sprechen und zu versuchen, ein ernst zu nehmender
Gesprächpartner zu bleiben.
Risikofaktoren:
- psychische Schwierigkeiten und Defizite wie niedriges Selbstwertgefühl,
Beziehungsstörungen oder mangelnde Fähigkeit, Stress zu bewältigen
- äußere Bedingungen wie Druck und Stress in Schule und Elternhaus, Tod,
Trennungs- und Scheidungsprobleme, Armut oder sozialer Abstieg oder
Gewalterfahrungen
- sehr früher Kontakt mit Suchtmitteln, z. B. Kinder, die ausschließlich mit Süßigkeiten getröstet und ruhig gestellt werden oder die schon im Volksschulalter regelmäßig Medikamente einnehmen sowie Kinder, deren Eltern süchtig sind.
Sackgasse Strafe
"Die elfjährige Claudia ist häufiger missgelaunt als früher. Auf Ansprache
und Anforderungen der Eltern reagiert sie schnell gereizt. Das bisher recht
angepasste Mädchen beginnt, den Eltern zu widersprechen. Ein Brief der Schule,
in dem Claudias Rauchen in einer Ecke des Schulhofs gerügt wird, bringt die
Eltern aus der Fassung. Sie reagieren mit Taschengeldentzug und größerer Strenge
bei kleinen "Ausrutschern" wie Türknallen oder Nörgeln. Claudia hat ihren Eltern
deren Verhaltenswandel ein halbes Jahr später immer noch nicht verziehen. Sie
muckt auf." (Buchauszug, S.18)
Die Bestrafung wird gerne als eine schnelle, effektive Maßnahme gesehen. Sie
bringt aber oft nicht die erwartete Wirkung, sondern führt gegenteilig zu: - Abwendung statt Nähe
- Trotz statt Einsicht
- Angst/Verunsicherung statt Klarheit
- Traurigkeit statt Zuversicht
- geringes statt hohes Selbstwertgefühl.
Wirkungsvoller als eine Strafe oder Strafandrohung sind Sanktionen, die zuvor
gemeinsam vereinbart worden sind. Weiters eignen sich alternativ zur Strafe
Gesprächs- und Gefühlsbegleitung, gemeinsames Suchen nach Alternativen und die
Aussicht auf Belohnung.
In seinem Ratgeber geht Heinz Kaufmann aber auch darauf ein, was zu tun ist,
wenn das Kind bereits Suchtmittel konsumiert oder Zeichen von Abhängigkeit
aufweist. Er verweist auf professionelle Hilfe wie z. B. FachärztInnen,
PsychologInnen oder Beratungsstellen. | red Heinz Kaufmann: Glotze, Pommes, Drogen - und dann? Kinder gegen Süchte stärken. Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin 2004. ISBN 3-589-22029-5
