Wieso wird Kindern vorgerechnet, wieviel sie kosten?
Die neue und politisch wichtige Evidenz zur Lage der Familie wird insbesondere in den Kapiteln vier und fünf spezifisch dargestellt. Die Diskussion darüber könnte jedoch von einem Streit über die Abgrenzung bezüglich der Familienrelevanz der in den Kapitel zwei und drei abgehandelten öffentlicher Ausgaben übertönt werden. Als möglicher Streitpunkt bietet sich die Frage der Zuordnung von Bildungsausgaben an. Das kann zu einer spannenden Diskussion u. a. der Finanzierungsform des Schul- und Bildungswesen führen, so z. B. über die Effizienz von Formen der Objektförderung bzw. der Subjektförderung, letzteres eventuell durch einen Bildungsscheck. Wenig Impulse für Problemlösungen können erwartet werden, wenn die aufgezeigten Aufwendungen für das Bildungswesen als Argumente genutzt werden sollten, daß der Staat ohnehin schon genug für die Kinder bzw. Familien tut. Jedenfalls wäre es ein grobes Mißverständnis, die hier vorgelegten Ergebnisse dafür als Zeugen ansehen zu wollen.
Um seitens des ÖIF als Projektnehmer das Problem der Fehlinterpretationen möglichst zu minimieren, wird bereits an dieser Stelle die Frage der Abgrenzung konkret aufgegriffen: Als Grundlage für familienrelevante Aufwendungen der öffentlichrechtlichen Budgets wurden die Bestimmungen des ABGB bezüglich Unterhaltsverpflichtungen gegenüber Kindern und zwischen Ehepartnern herangezogen. Die Familienrelevanz der dargestellten Daten ergibt sich demnach aus dem normativen Bezugspunkt ABGB und nicht als Ergebnis wissenschaftlicher Herleitung. Es bleibt letztlich der politischen Entscheidung vorbehalten, was an dargestellten Daten grundsätzlich oder aktuell als familienpolitisch relevant bewertet wird. In diesem Sinne stellen die Daten des Familienbarometers eine grundlegende Voraussetzung für diese politischen Entscheidungen dar aber nicht schon die Entscheidungen selbst. In der Studie kommt diese Qualität in der Form einer "Bandbreitendarstellung" zum Ausdruck.
Es mag auch die Frage gestellt werden, warum gerade bei Kindern nachgerechnet wird, was die Gesellschaft, der Staat für diese aufwendet. Auf diese zweifellos wichtige Frage gibt es mehrere Antworten. Auf eine wurde oben schon eingegangen: Vielleicht soll nachgewiesen werden, daß der Staat ohnehin schon zu viel oder zu wenig aufwendet. Für das ÖIF war das kein Beweggrund. Ein solcher lag vielmehr darin, zu einer rationalen Diskussion von Maßnahmen der Familienpolitik durch verbesserte Qualität und Transparenz der Datenlage beizutragen. Damit sollte die Beliebigkeit von Standpunkten und Argumentationen überwunden werden können. Ein anderer, grundsätzlicher ist darin zu sehen, daß Kinder Gefahr laufen, im Verteilungskampf unter die Räder der "strukturellen Rücksichtslosigkeit" (F. X. Kaufmann) zu geraten. Dies geschieht dann, wenn die gesellschaftlichen Teilsystem ihre Entwicklung ausschließlich in einer egoistischen Rationalität betreiben. Um dem vorbeugend oder reparierend begegnen zu können, benötigt die Politik brauchbare Instrumente zur sachlichen Beurteilung der Situation. Im Familienbarometer steht eines dafür zur Verfügung.
Informationen: Prof. Dr. Helmuth Schattovits, Österreichisches Institut für Familienforschung, Gonzagagasse 19/8, A 1010 Wien., E-Mail: team@oif.ac.at
