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Alle wandeln sich, nur einer nicht?!

Vaterschaft und Soziale Arbeit mit Familien


Von Kim-Patrick Sabla

Wer sich mit dem Thema Vaterschaft auseinandersetzen möchte, kommt seit einigen Jahren um Diskurse über verschiedene Arten des „Wandels“ nicht herum. Fast alles, was mit Vaterschaft in Verbindung gebracht werden kann, befindet sich demnach im Wandel: Familienformen, Geschlechterverhältnisse, Vorstellungen von Männlichkeit, der Arbeitsmarkt und vieles mehr. Das hat allein im deutschsprachigen Raum zu einer fast unübersichtlichen Themenbreite innerhalb der Väterforschung geführt, die dennoch einen entscheidenden Aspekt von Vaterschaft nur wenig behandelt: den Vater als Erzieher. Gerade im Feld der Sozialen Arbeit mit Familien scheint sich diese Perspektive zu erübrigen, denn gerade dort gelten Väter häufig als (noch?) abwesend. In einer lebenswelt-orientierten Studie mit insgesamt 16 Vätern, die mit ihren Familien Adressaten der so genannten Erziehungshilfen sind, wurden Erziehungsvorstellungen und die Einbindung der Väter in Angebote der Sozialen Arbeit untersucht.


Vielfältige Veränderungen
im Kontext Vaterschaft

Der Vater als Erzieher – eine Trendwende?

In den Diskursen der letzten Jahre um „neue Väter“ und „traditionelle Väter“ spielen unterschiedliche Gewichtungen der Funktionen des Ernährers und des Erziehers eine Rolle. Die traditionelle Rolle des häufig abwesenden Vaters als Familienoberhaupt und Autoritätsperson hat ihre Bedeutung demnach eingebüßt. Die Argumentationslinien für die aktive, neue Vaterschaft verlaufen häufig ähnlich: Einer bereits „aktiven Teilnahme“ an der Geburt folgt eine aktivere, quantitativ höhere Beteiligung der Väter an der Kleinkindpflege, was wiederum auf lange Sicht als Folge des zunehmenden familialen Engagements die Beziehung von Vätern zu ihren Kindern verbessert (vgl. Fthenakis 1999).

Während die Funktion des Vaters als Ernährer der Familie in zahlreichen sozialwissenschaftlichen Studien vor dem Hintergrund der Vereinbarkeit von Familie und Beruf differenziert untersucht worden ist, bleibt seine Rolle als Erzieher aktuell eher blass. Es kann festgestellt werden, dass das Feld der familialen Erziehung in der Forschung in den letzten Jahren generell nur in Ansätzen bearbeitet worden ist, so dass es Forschungslücken dazu gibt, wie Mütter und Väter Erziehung und familiale Interaktionen tatsächlich gestalten:

Welche Ziele verfolgen die Väter in ihrer Erziehung und mit welchen Mitteln, denken sie, lassen sich diese Ziele erreichen? Und wie gehen Väter damit um, wenn sie ihre gesteckten erzieherischen Ziele nicht ohne Weiteres umsetzen können?

Erziehung und eigene Erziehungserfahrungen

In Anbetracht vielfältiger Veränderungen im Kontext von Vaterschaft wird von einer tiefen Verunsicherung der Väter bezüglich zeitgemäßer Vaterrollen und Vateridentitäten ausgegangen. In den Interviews mit den Vätern drückt sich diese weniger in einer „Rollen-Irritation“ aus, die durch den Wandel gesellschaftlicher Erwartungen hinsichtlich familialer Arbeitsteilung ausgelöst wird. In den Analysen manifestieren sich die Anzeichen einer Verunsicherung am stärksten im Zusammenhang von Erziehungsfragen, insbesondere im Kontext von Strafen. Vor dem Hintergrund eigener Erziehungserfahrungen, bei der autoritäre Strenge das Hauptmerkmal der Erziehung gewesen ist, erleben einige Väter, dass diese Art der Strenge aktuell nicht zeitgemäß ist. Damit erfahren sie einen Konflikt zwischen eigens erlebten und normativ-erlaubten Erziehungsvorstellungen. Nicht allen gelingt es, diesen Konflikt produktiv zu lösen. Es häufen sich Anzeichen, dass Jugendhilfe diesen Konflikt schürt, indem sie eher aufzeigt, was „nicht geht“, als zu zeigen, wie Kindererziehung möglicherweise zum Erfolg führen kann.

Eine zentrale Erkenntnis hinsichtlich des Selbstverständnisses der Väter ist die Tatsache, dass die Interviewten sich stark über ihre Rolle als Erzieher und als Vorbild für ihre Kinder definieren. Vor dem Hintergrund des Diskurses um die Vereinbarung von „aktiver“ Vaterschaft und Beruf und der ökonomischen Bedeutung des Vaters für die Familie ist es auffallend, welchen geringen Stellenwert diese Perspektive in den Vater-Interviews bei der Thematisierung des Selbstbildes und den Beschreibungen der väterlichen Kompetenzen eingenommen hat.

Störenfried oder Ressource?

Es steht die These im Raum, dass einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtungen für Erziehungshilfe Väter sowohl bei der Hilfeplanung als auch bei der Durchführung der Hilfen nur bedingt als kompetente Ansprech- und Kooperationspartner betrachten. Es ist zu vermuten, dass in einigen Fällen Väter eher als Verursacher von Problemen innerhalb der Familien gesehen werden und weniger als Teil einer Lösung von Erziehungsschwierigkeiten. Im gleichen Atemzug werden Väter von einigen Autorinnen und Autoren als Potenziale beschrieben, die im Kontext einer Hilfe einfach nur aktiviert und genutzt werden müssen (vgl. Matzner 2005).

Weder die skizzierte Perspektive, den Vater kategorisch als „Ressource“ zu betrachten, noch die Perspektive des „Störenfrieds“ eines Hilfeprozesses können dem Phänomen des Vaters als Adressat der Kinder- und Jugendhilfe gerecht werden. In beiden Fällen handelt es sich um Zuschreibungen und (Vor)Urteile, die auf den einen oder anderen Fall in der Praxis zutreffen mögen. Die vorliegenden Ergebnisse fordern jedoch dazu auf, Väter auch in ihrer Rolle als Adressaten differenzierter zu betrachten. Hinsichtlich ihrer Selbstdiagnosen, der Beschreibungen von Belastungsmustern und von erzieherischen Schwierigkeiten können sie sich zweifelsohne als kompetente Partner in einem Hilfeprozess ausweisen. Die meisten von ihnen betrachten die Situation ihrer Kinder aus verschiedenen Blickwinkeln, auch wenn sie sich in ihren Beschreibungen von Belastungsmustern stark an ihren Erziehungszielen orientieren.

Paarkonflikte

Einigkeit und Geschlossenheit im Elternsystem gegenüber dem Kindersystem spielen für einen Großteil der Interviewten eine wichtige Rolle in den Erziehungsvorstellungen. Sie stellen die Basis für die elterliche Erziehung dar, die dazu beitragen soll, eine erzieherisch günstige Situation herzustellen. Einigkeit in den Erziehungsfragen als angestrebte Norm wird in einem Großteil der Interviews thematisiert. Ein wichtiger Streitpunkt hingegen und Anlass für Konflikte sind die unterschiedlichen Vorstellungen von Erziehung. Gerade bei Vätern, die einen medizinisierenden Erklärungsansatz erzieherischer Schwierigkeiten verfolgen und eher dazu neigen, Erziehung kontrollieren zu wollen, ist zu beobachten, dass es zwischen ihnen und ihren Partnerinnen aufgrund unterschiedlicher Erziehungsvorstellungen häufiger Konflikte gibt. Möglicherweise gelten die Partnerinnen, die aus der Sicht der Väter strenger erziehen müssten, als eine Art Unsicherheitsfaktor bei dem Bestreben, Erziehung kontrollierbar zu machen.

Väter und Hilfe

In Bezug auf das Verhältnis von Erwartungshaltungen und der subjektiven Einbindung in die familienbezogenen Hilfen lassen sich vier Typen unterscheiden: Die zufriedenen und die unzufriedenen Kunden, die Opfer und die Resignierten. Die beiden erstgenannten Typen verkörpern am stärksten eine Dienstleistungsorientierung und hohes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Systems Sozialer Arbeit. Als Ergebnis des Vergleichs der gebildeten Typen untereinander lässt sich festhalten, dass hinsichtlich der Zufriedenheit und der Einbindung in den Hilfeprozess das Passungsverhältnis von Problemwahrnehmung auf der einen und geleisteter Hilfe auf der anderen Seite eine zentrale Rolle spielt. Ein offenbar ideales Passungsverhältnis findet sich in den Fällen, die dem Typen „zufriedene Kunden“ zugeordnet worden sind: Hier teilen die Väter und die jeweiligen Professionellen die Problemwahrnehmung, so dass sich die Hilfe auf das subjektiv passende Teilsystem der Familie bezieht. Anders sieht das in den Fällen aus, die sich den Typen „Opfer“ bzw. „unzufriedene Kunden“ zuordnen lassen. Hier erscheint die professionelle Hilfe stärker als Angriff, da Väter und Helfende hinsichtlich der Problemwahrnehmung andere Prioritäten setzen. In diesem Kontext hat sich gezeigt, dass eine lohnende Aufgabe Sozialer Arbeit sein kann, zusammen mit allen Erziehenden – Vätern und Müttern – eine gemeinsame Definition von Problemstellungen und möglichen Hilfen zu entwickeln.

Literatur:

Fthenakis, W. E., et al. 1999. Engagierte Vaterschaft. Die sanfte Revolution in der Familie. Hrsg. LBS-Initiative Junge Familie. Opladen.

Matzner, Michael. 2005. Väter – eine noch unerschlossene Ressource und Zielgruppe in der Sozialen Arbeit mit Kindern und ihren Familien. Hrsg. H.-U. Otto und H. Thiersch. Neue Praxis, Heft 6, 585-608

Zur Studie:

Die Studie wurde 2005 - 2008 im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Jugendhilfe im Wandel“ vom Autor erstellt. Im Rahmen der qualitativ orientierten Studie wurden 16 leitfadengestützte Interviews mit Vätern, deren Familien Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe erhalten, durchgeführt.

Der Autor:

Dr. Kim-Patrick Sabla
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaft und Soziologie der Technischen Universität Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Geschlechterverhältnisse in der Sozialen Arbeit u. sozialpädagogische Familienforschung
ksabla@fk12.tu-dortmund.de
Telefon: 0049.231.7557846

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe September 2009.