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Kultur und Beziehung

„…wegen der verschiedenen Kulturen kommt vieles nicht an…“


Von Susi Zoller-Mathies

Die Bedeutung von Herkunft in der pädagogischen Arbeit ist mittlerweile unbestritten. Erwartungen, Einstellungen und Alltagshandlungen werden von der kulturellen Herkunft massiv beeinflusst. Wie Herkunft auf die professionelle Beziehungsgestaltung wirkt, ist daher gerade für einen Träger wie SOS-Kinderdorf, der Fremdunterbringung und Familienstärkung in unterschiedlichsten Formen anbietet, von besonderem Interesse. Dementsprechend kann in veränderten Konzepten, Betreuungsplanungen und Zielvorstellungen darauf reagiert werden. Trotzdem gibt es nur wenig Forschungsarbeiten, die sich mit dem Einfluss von Herkunft auf professionelle Beziehungen auseinandersetzen. Deshalb wird sich das Sozialpädagogische Institut (SPI), die Forschungsabteilung von SOS-Kinderdorf Österreich, ab Herbst 2009 mit dieser Wechselwirkung zwischen „Kultur und Beziehung“ im Rahmen eines Praxisforschungsprojektes beschäftigen. Im Herbst 2008 wurde in Vorbereitung auf ein österreichweites Projekt in einer Flüchtlingseinrichtung („Biwak“) von SOS-Kinderdorf in Tirol ein Einstiegsprojekt durchgeführt.

Das „Biwak“ ist eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Mädchen und Burschen) im Alter von 14 bis 18 Jahren in Hall in Tirol. Es wurde 2004 als Einrichtung von SOS-Kinderdorf Österreich gegründet. In der Einrichtung sind zur Zeit sechs BetreuerInnen und ein Leiter beschäftigt.

Das „Biwak“-Projekt ist zum einen aus den Anliegen der Einrichtung („Biwak“) entstanden, zum anderen aus dem Interesse der Forschungsabteilung (SPI). Das „Biwak“ beschäftigt sich im Rahmen seines Jahresschwerpunktes mit den Beziehungsstrukturen innerhalb der Einrichtung. Für das SPI hingegen hat die Beschäftigung mit dem Thema kulturelle Herkunft im Fremdunterbringungskontext in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.

Im November 2008 wurden zwei Nachmittagsworkshops unter der Leitung einer klinischen Psychologin und eines Psychologen - beide vom SOS-Kinderdorf - mit sieben männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren, die hauptsächlich aus Afghanistan stammen, im „Biwak“ abgehalten.
Sie wurden in das Thema „Was gefällt mir im und am „Biwak“?“ und „Was würde ich mir wünschen?“ (im „Biwak“, von den Betreuerinnen und Betreuern, von den anderen Jugendlichen) eingeführt. Eine Dolmetscherin hat die Kommunikation mit den Jugendlichen ermöglicht.

Die Jugendlichen wurden gebeten, eine Netzwerkkarte nach genauen Vorgaben zu erstellen. Dies ist im psychosozialen Bereich eine gängige Methode für die Darstellung sozialer Netzwerke (siehe Literatur). Trotz unterschiedlicher Sprachen konnten die Jugendlichen gut mit dieser Methode arbeiten.


Netzwerkkarte, wie sie im vorliegenden
Projekt verwendet wurde Im Mittelpunkt der Netzwerkkarte steht das „Ich“. Nähe oder Distanz zu einer Person kann durch die Kreise um das Ich dargestellt werden: Je weiter weg, desto loser ist die Verbindung. Konflikte können mit Symbolen abgebildet werden. Die Jugendlichen wurden instruiert, alle ihnen wichtigen Personen einzuzeichnen. Die Netzwerkkarte wurde in vier Segmente geteilt: die „Biwak“-BetreuerInnen, die Jugendlichen im „Biwak“, Arbeit/Schule und alle anderen.

In einem nächsten Schritt wurden die Jugendlichen gebeten, das entstandene Bild ihrer Beziehungen aus der Netzwerkkarte mit konkreten Inhalten zu füllen. Sie sollten mit Fotokamera, Tonbandgerät oder mittels selbst gemalter Bilder und Collagen positive Erlebnisse im „Biwak“ dokumentieren (siehe Literatur).

Bereiche, die in den Bildern aufgegriffen wurden, waren:
gemeinsame Aktivitäten im „Biwak“, wie Fußball-, Billardturniere und Urlaube
sie selber und andere Jugendliche im „Biwak“
Alltagsbereiche wie z. B. das eigene Zimmer, die Küche
Zukunftswünsche in Bezug auf Freizeit, Wohnen, Schule/Ausbildung

Die Workshopteilnehmer fühlen sich, nach eigenen Aussagen, wohl im „Biwak“. Das Zusammenleben mit 14 anderen Jugendlichen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Nationalität - durchaus nicht immer einfach - betrachten die Jugendlichen als ihren Bereich, in dem sie, wenn es Probleme gibt, zum Handeln aufgerufen sind. „Wenn ich selbst Probleme habe, dann ist mein Verhalten zu den anderen nicht ok.“ und „Mit den anderen Jugendlichen habe ich eigentlich keine Probleme, manchmal gut und manchmal schlecht, das ist normal.“

In den Bereichen Schule und Arbeit fühlen sie sich durchwegs wohl, sie möchten hier in Österreich etwas erreichen. „Da in der Schule fühle ich mich wohl, weil ich weiß, dass ich einen Hauptschulabschluss machen kann. Ich kann besser Deutsch lernen. Da in der Schule fühle ich mich gut.“

In jenem Bereich, der von uns als alle anderen bezeichnet wurde, erzählen die Jugendlichen von Freundinnen und Freunden außerhalb des „Biwak“ und ihrem Engagement vor allem in diversen Vereinen. In diesem Segment verorten die Jugendlichen auch ihre Familien. Für alle sind diese sehr nah, gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass sie diese Nähe derzeit nicht leben können. „Ich hab Heimweh. Ich hab Sehnsucht nach meiner Familie. Da könnt ihr mir aber nicht helfen.“

Im Bereich BetreuerInnen haben die Jugendlichen am meisten Wünsche - materielle und emotionale. Sie wünschen sich jemanden, der ihnen zuhört, vor allem auch in Notsituationen. „Es gibt keine einzige Person, die mir zuhören kann.“ und sie wünschen sich, dass ihre Betreuerinnen und Betreuer mehr Zeit für sie haben. „Ja, jeder hat einen Bezugsbetreuer. Aber die Sache ist, dass jeder Betreuer drei bis vier Jugendliche hat.“

Die Jugendlichen schreiben unerfüllte Wünsche in Bezug auf ihre Betreuerinnen und Betreuer weniger individuellen Unzulänglichkeiten zu, sondern „die Unterschiede zwischen den Betreuerinnen und Betreuern und uns haben mit den kulturellen Unterschieden zu tun.“

In dieser Diskussion kommt deutlich zutage, dass sie sich als „anders“ wahrgenommen fühlen, als Jugendliche, als aus Afghanistan kommend, als Asylwerberinnen und -werber. „Die Betreuer sind ganz anders aufgewachsen als wir in unseren Ländern, … Jeder nimmt seine eigenen Probleme mit. Der Betreuer kann nicht verstehen, warum dieser Junge in diesem Alter solche Wünsche haben kann bzw. solche Fragen stellen kann, weil die sind ganz anders kulturell….“ Sie sprechen auch von der zu geringen Wertschätzung in unserer Gesellschaft. „Diese Länder, diese europäischen, diese westlichen Länder, die wollen nur die Leute für billige Arbeit und nicht für die Bildung ….“

Fazit und Konsequenzen für ein österreichweites Folgeprojekt:

Missverständnisse in Alltagskommunikation und Information sind vermeidbar, wenn der „trans-/interkulturelle Raum“ noch mehr berücksichtigt wird. Respekt, Rollenerwartungen, Konfliktfähigkeit etc. müssen vermehrt auf kulturelle Unterschiedlichkeiten hin untersucht werden.

Um Enttäuschungen zu vermeiden, müssen die gegenseitigen Rollenerwartungen (Betreuerinnen und Betreuer UND Jugendliche) erfasst und auf Erfüllbarkeit hin geprüft werden.

info: Mag.a Susi Zoller-Mathies
Klinische und Gesundheitspsychologin
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im sozialpädagogischen Institut, Fachbereich Pädagogik
SOS-Kinderdorf Österreich, www.sos-kinderdorf.at/biwak

literatur: Holzwarth, Peter. 2006. Fotografie als visueller Zugang zu Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In: Bildinterpretation und Bildverstehen, Hrsg. Winfried Marotzki und Horst Niesyto, S. 175ff.
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Straus, Florian. 2002. Netzwerkanalysen – Gemeindepsychologische Perspektiven für Forschung und Praxis, S. 266ff. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Juni 2009.