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Vielfalt der europäischen Familie

Buchpräsentation anlässlich der Erscheinung der Publikation zum 3. Europäischen Fachkongress für Familienforschung


von Olaf Kapella und Marina Rupp

Gesellschaftliche Veränderungen und Modernisierungsprozesse beeinflussen die Ausgestaltung von Familie sowie deren vielfältige Aufgaben. Im familienwissenschaftlichen Diskurs wird von der sogenannten Pluralisierung der Familie gesprochen. Die Beeinflussung der gesellschaftlichen Prozesse auf die Familie scheint in widersprüchlicher Form zu geschehen. Einerseits bestehen in Europa unterschiedliche Leitbilder und Erscheinungsformen von Familie. Andererseits sind sich aber die meisten Länder in den demographischen Entwicklungen sowie den rechtlichen Regelungen familialen Zusammenlebens recht ähnlich. Der 3. Europäische Fachkongress für Familienforschung im Juni 2008 widmete sich genau dieser Vielfältigkeit. Der nun vorliegende Kongressband liefert einen aktuellen Überblick über den Stand der europäischen Familienforschung und der Vielgestaltigkeit der Familien in Europa.


12 Referenten stellen ihre Beiträge
vom 3. Europäischen Fachkongress
für Familienforschung vor.

Vier zentrale Themen werden durch interdisziplinäre Beiträge und aus unterschiedlichen Perspektiven besprochen:

Unter dem Titel Familienbilder werden sowohl kulturelle, normative Vorgaben, gesellschaftliche Rahmenbedingungen als auch empirische Kriterien für die vielfältig vorhandenen Leitbilder betrachtet. Es zeigt sich, dass Familienbilder oder Familienleitbilder tragfähige Kategorien für eine familienwissenschaftliche Betrachtung sind, die sich gut dazu eignen, einen weitgespannten Zugang zu den Vorstellungen, Einstellungen sowie normativen Vorgaben für die familiale Lebensgestaltung aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven zu eröffnen. Es erscheint sogar als eine Chance des Begriffes und seiner Offenheit, dass er verschiedene Akzentsetzungen erlaubt und es so ermöglicht, die unterschiedlichen bis widersprüchlichen Bilder, die wir von Familie und von den Rollen innerhalb der Familie haben, in der gebotenen Bandbreite zu diskutieren.

Veränderungen und Beharrungstendenzen in den Geschlechterrollen bilden ein zentrales Spannungsfeld für die Familien. Veränderungen vor allem in den weiblichen Rollenkonzepten und Lebensplänen wurden in den europäischen Gesellschaften in unterschiedlichem Maße durch gesellschaftliche und sozialpolitische Entwicklungen unterstützt. Entsprechende Anpassungsprozesse bezüglich der männlichen Rollenerwartungen sind in differenzierter Stärke und Tempo aber generell sehr verhalten eingetreten. Dies zeigen die Befunde der Männer- und Frauenforschung ebenso wie die deutliche Diskrepanz zwischen Vorstellungen und dem konkreten Verhalten. So erwiesen sich z.B. in einem europäischen Ländervergleich die Männer – auch in Nordeuropa – in ihren Einstellungen zur weiblichen bzw. zur mütterlichen Erwerbstätigkeit als wesentlich konservativer als die Frauen selbst.

Ilona Ostner kommt zu folgender Schlussfolgerung: „Das Bild, das die Daten vom Fortschritt in Richtung auf eine Angleichung der Geschlechternormen suggerieren, lässt keine klaren Konturen erkennen. Angleichungsprozessen steht das Beharrungsvermögen ungleicher Beteiligung an der Erwerbsarbeit gegenüber, die durch entsprechende normative Überzeugungen, wie Frauen und Männer zu handeln haben, gestützt werden. „Egalität“ ist, wenn, dann in Ansätzen und jeweils mit Gegentendenzen verwirklicht.“

Während veränderte Geschlechterrollen zu einer spürbaren Umgestaltung der Binnenstruktur der Familien in den letzten Jahrzehnten beigetragen haben, wurden deren Formen und formale Strukturen durch eine zunehmende Dynamik familialer Entwicklungsverläufe einerseits und einer abnehmenden Institutionalisierung andererseits geprägt. Auch hier haben sich unterschiedlich starke Entwicklungen in den europäischen Ländern ergeben, so dass Dynamik und Differenzierung familialen Lebens auf verschiedenen Niveaus vorfindbar sind. Von besonderem Interesse sind hier die neuen Mitgliedsstaaten der EU, über die wir bislang eher wenig wissen. Dynamische Prozesse, Übergänge und Veränderungen haben nicht nur gesellschaftliche Konsequenzen, sondern können auf der individuellen oder Familienebene mit Belastungen einhergehen. In diesem Zusammenhang haben auch die Kompetenzen und Ressourcen der Familienmitglieder, mit diesen Transitionen umzugehen und diese zu meistern, an Relevanz gewonnen.

Dies wird durch die zunehmenden Anforderungen, denen Familien im Zuge der Globalisierungsprozesse ausgesetzt sind, noch unterstrichen. Sie führen auf individueller Ebene zu mehr Unsicherheiten in verschiedensten Bereichen – wie z.B. Arbeit, Einkommen, Planungshorizont und Vertrauen in Institutionen. Die Auswirkungen dieser Trends lassen sich auf verschiedenen Ebenen verorten: der individuellen, der nationalen, der europäischen und der globalen und auf allen stellen sie uns vor spezifische Herausforderungen. Globalisierung bringt für die Individuen zwar sowohl positive als auch negative Veränderungen mit sich, doch die kritischen scheinen zu überwiegen.

Um die durch die Globalisierung und Pluralisierung von Lebensläufen und der demografischen Alterung verbundenen Unsicherheiten in einem bewältigbaren Rahmen zu halten, schlägt Martin Pinquart folgendes vor: „Hier sind Maßnahmen auf gesellschaftlicher Ebene gefragt, welche das Ausmaß von zu bewältigender Unsicherheiten begrenzen. Dies betrifft zum Beispiel die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um die Entscheidung zu erleichtern, Eltern zu werden. Auf der Ebene des Individuums sind bei besonders vulnerablen Personen und Familien psychosoziale Interventionen sinnvoll, welche die Ressourcen und Kompetenz beim Umgang mit Anforderungen sozialen Wandels stärken.“

Viele andere Perspektiven aus denen Familie und ihre Erscheinungsform erklärt und beschrieben werden kann, finden sich in dem interdisziplinären Kongressband, wie z.B. der Einfluss von religiösen und ethischen Faktoren auf die Familie, entwicklungspsychologische Paradigmen oder auch eine kulturwissenschaftliche Analyse des Geschlechterdiskurses.

Norbert Schneider resümiert zum Thema Vielfalt der europäischen Familie: „Vielfalt entsteht nicht im Zentrum der Familie, sondern an ihren Rändern. Es gibt mehr Variationen innerhalb von Familienformen als eine Vielfalt von Formen. Ein Grund ist darin zu suchen, dass Leitbilder zwar an Verbindlichkeit verlieren und gestaltungsoffener werden, im Kern aber in weiten Teilen Europas nach wie vor sehr stabil sind. Eine zweite Ursache liegt in den Veränderungen struktureller Rahmenbedingungen. Das Beispiel der erhöhten beruflichen Mobilitätserfordernisse zeigt, dass die Bemühungen der Akteure, ihr Familienleben damit in Einklang zu bringen, in hohem Maße Oberflächenvielfalt erzeugt.“

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle die finanzielle Unterstützung, ohne die eine solche Veranstaltung und damit auch der nun vorliegende Kongressband nicht möglich gewesen wäre: Die Organisatoren danken dem Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend, dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung der Republik Österreich, dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, der ERSTE Stiftung, der Wirtschaftskammer Österreich und der Industriellenvereinigung
Österreich.

Die englische Version der Publikation wird derzeit mit finanzieller Unterstützung des Doha International Institute for Familiy Studies and Development vorbereitet und erscheint Ende dieses Jahres.

info: Olaf Kapella, Christiane Rille-Pfeiffer, Marina Rupp, und Norbert Schneider (Hrsg.) 2009. Die Vielfalt der Familie. Tagungsband zum 3. Europäischen Fachkongress für Familienforschung. Opladen: Barbara Budrich.
Das Buch ist im Buchhandel oder über den Verlag erhältlich: www.budrich-verlag.de
ISBN: 978-3-86649-252-3

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Juni 2009.