zum Inhaltsbereich springen.

zur Hauptnavigation springen.

zur Subnavigation springen.

zum Standort springen.

ÖIF. Link zu Universität Wien.

Links für den Wechsel der Webseitenansicht - grafische Ansicht (mit Webdesign), Hochkontrast (gelbe Schrift auf blauem Hintergrund mit Block-Links), ohne Formatierung (Browserstandard)

Um die Schriftgrösse zu ändern, halten Sie bitte die Strg-Taste und drehen das Mausrad oder wählen Sie in Ihrem Browsermenü >> Ansicht >> Schriftgrad..

Webseite nach Text durchsuchen

ihr Standort auf der Webseite

Standort: Service. Zeitschrift 'beziehungsweise'. 

Hauptbereich der Websiteinhalte

<- Zurück

Kinder als Gewinner

Bindungserfahrungen in der öffentlichen Kinderbetreuung als Unterstützung für das familiale System


Von Olaf Kapella

Entwicklungs- und Verhaltensstörungen des Kindes haben in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Vor allem sind es die Lern-, Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen sowie die emotionale Dysregulation und die Gewaltbereitschaft von Kinder und Jugendlichen, die vermehrt wahrgenommen werden. Die Ursachen dieser „neuen Kinderkrankheiten“ werden in der veränderten Sozialisation von Kindern in den ersten Lebensjahren gesehen. Lieselotte Ahnert geht der Frage nach, ob die heutige Familie mit ihrem veränderten Beziehungsgefüge dem Erziehungsauftrag noch gerecht werden kann. Und ob sie eine „natürliche“ Sozialisation noch gewährleistet und inwieweit eine öffentliche Kinderbetreuung die Familie dabei unterstützen kann. Auf der Basis einer modernen Entwicklungspsychologie und der Bindungsforschung formuliert Lieselotte Ahnert vor dem Hintergrund relevanter Forschungsliteratur und eigener Studien vier Thesen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen:
 










Das Zusammenspiel von Familie und
öffentlicher Betreuung kann sich positiv
auf die Entwicklung des Kindes auswirken.

These 1: Das Aufwachsen von Kindern ist historisch und menschheitsgeschichtlich nur in Einzelfällen auf die Fürsorge der Kernfamilie, der Eltern oder gar der Mutter beschränkt.

Bei der wichtigen Frage nach den möglichen Entwicklungskonsequenzen der unterschiedlichen Betreuungsformen für die Kinder wird in Bewertungen immer wieder eine Annäherung an unsere Vorfahren gefordert. Oft wird dabei die „natürliche“ Nachwuchsbetreuung mit einer exklusiven Betreuung durch die Mutter gleichgesetzt. Anthropologische Untersuchungen zeigen allerdings, dass eine exklusive Betreuung durch die Mutter eher die Ausnahme war. Die Sozialisation eines Kindes sollte in ein breites Unterstützungssystem eingebettet sein, in dem die Mutter allerdings eine herausragende Bedeutung für das Kind inne hat.

These 2: Komplexe Betreuungssysteme wirken sich auf die Sozialisationsfunktion der Kernfamilie in der Regel eher verstärkend als abschwächend aus.

Unterstützungssysteme zur Kinderbetreuung veranlassen die Familie nicht, diese zentrale Funktion nach außen zu verlagern und nicht soviel in die Betreuung der Kinder zu investieren. Im Gegenteil: erweiterte Beziehungsnetze helfen der Mutter, die eigene Betreuung und Beziehung zum Kind sensitiv zu gestalten und tragen somit zu einer guten Mutter-Kind Beziehung bei.
 












Die ErzieherInnen-Kind-
Beziehung ist mehr an der
Gruppe orientiert und
bildungsbetont in ihrer
Beziehungsausgestaltung.

These 3: Komplexe Betreuungssysteme zeichnen sich durch Beziehungsstrukturen aus, die sich different ausweisen und deshalb partnerschaftlich gestaltet werden müssen.

In der Bindungsforschung ist der Prototyp der Beziehungen die Mutter-Kind-Bindung. Sie gibt dem Kind Sicherheit, reduziert Stress, hilft dem Kind negative Emotionen zu regulieren, Irritationen und Ängste abzubauen und zeichnet sich durch den Austausch von positiven Emotionen aus. Die Mutter-Kind-Beziehung unterstützt das Kind auch bei seinen Aktivitäten und Erkundungen. Andere Personen, zum Beispiel ErzieherInnen, können auch sicherheitsgebende Personen für Kinder werden. Allerdings ist die ErzieherInnen-Kind-Bindung nicht nur schwächer im Vergleich zur Mutter-Kind-Bindungen, sondern sie ist in ihrer Funktion auch anders und begrenzter gestaltet. Ist die Mutter-Kind-Bindung eine individuelle und gefühlsbetonte Beziehung, so ist die ErzieherInnen-Kind-Beziehung mehr an der Gruppe orientiert und bildungsbetont in ihrer Beziehungsausgestaltung. Im Sinne des Wohles des Kindes und dessen Entwicklung sollte die Erziehungsverantwortung von Familie und öffentlicher Betreuung gemeinsam gestaltet werden und die unterschiedlichen Funktionen der Beziehungsgestaltung und Entwicklungsbegleitung berücksichtigt werden. Ein intensiver Austausch zwischen Eltern und ErzieherInnen ist dabei ein zentrales Element.

These 4: Komplexe Betreuungssysteme qualifizieren sich durch die Kultur und Gesellschaften, in die sie eingebettet sind.

Die Formen und die Ausgestaltung der Kinderbetreuung sind geprägt durch den jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund. In unserem Kulturkreis hat sich eine Form der Nachwuchsbetreuung herausgebildet, die von bezahlten ErzieherInnen gestaltet wird und deutlich vom Familienalltag abweichen. In diesem Kontrast liegt eine Spannung, die sich positiv und negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken kann. Auf der einen Seite kann die Vielfalt positiver Bindungsbeziehungen die Identitätsentwicklung des Kindes fördern. Andererseits können aber auch die Bindungsbedürfnisse des Kindes missachtet werden und der Umgang mit verschiedenen Bindungsbeziehungen nicht gelingen. Bei einer Entideologisierung kann das Zusammenspiel von Familie und öffentlicher Betreuung zu einer anerkannten Lebensform, auch im Sinne der kindlichen Entwicklung, werden. Pädagogische Konzepte müssen sich frei machen von Erziehungszielen, die nicht der kindlichen Entwicklung entsprechen.

Literatur: Lieselotte Ahnert: Familie heute. Perspektive des Kindes. In: Olaf Kapella, Christiane Rille-Pfeiffer, Marina Rupp, Norbert Schneider (Hrsg.): Die Vielfalt der Familie: Tagungsband zum 3. Europäischen Fachkongress Familienforschung. Barbara Budrich Verlag: Opladen & Framington Hills 2009.
Der Kongressband erscheint Ende Mai 2009.
 


startvoraussetzungen für unter dreijährige im kindergarten

Damit sich Ein- und Zweijährige im Kindergarten wohl fühlen, sich integrieren, von den Angeboten profitieren, sich Kompetenzen aneignen und sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden können, müssen folgende, nicht zur Disposition stehende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Jedes Kind muss elternbegleitet und bezugspersonenorientiert eingewöhnt werden.
  • Das Kind braucht emotionale Zuwendung, geteilte Aufmerksamkeit und hohe Antwortbereitschaft,
  • sprachliche Stimulation und Unterstützung seiner Kommunikationsversuche,
  • altersgemäße Entwicklungsanregung basierend auf adäquatem Entwicklungswissen,
  • Freiraum, um selbst agieren zu können,
  • Experimentierfläche für Kopf, Hand und Fuß,
  • Respektierung der kindlichen Zeitvorstellungen
  • Herausforderungen zum begleiteten Überschreiten bisheriger Grenzen,
  • anregende Lernumgebungen und aktive Entwicklungsbegleitung,
  • Spielpartner und Freunde sowie
  • Kinder verschiedenen Alters, die als Nachahmungsmodelle das selbst initiierte Lernen vielfältig verstärken.

Quelle: Gabriele Haug-Schnabel & Joachim Bensel: Kinder unter 3 - Bildung, Erziehung und Betreuung von Kleinstkindern. Kindergarten heute spezial. Herder: Freiburg 2006. S. 14. Dr. Gabriele Haug-Schnabel, Referentin bei der Enquête am 25. Mai 2009, leitet die Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM): www.verhaltensbiologie.com
 

 
Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Mai 2009.