Wen der Pfeil des Amor trifft
Wer mit wem eine Partnerschaft eingeht, ist nicht vom Zufall bestimmt.
Auch wenn die Liebe als entscheidendes Kriterium der Partnerwahl theoretisch
keine Grenzen kennt, sie fällt nicht überall hin. Die Möglichkeiten
der Kontaktaufnahme sind sozial vorstrukturiert und besonders in Bildungs-
und Ausbildungsinstitutionen gegeben. Auch finden eher Personen zueinander,
die hinsichtlich sozialem Status, Religionszugehörigkeit oder Altersabstand
gleichartig (homogam) sind.
Zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien zu Partnerwahl und Heiratsmuster
belegen auch, dass die Partnerwahl keine eindimensionale ist, sondern von
einer Vielzahl von Entscheidungen bestimmt wird. Die Soziologen Hill und
Kopp haben dazu Überlegungen aus psychologischer, ökonomischer
und soziologischer Sicht an- und vorgestellt.
Der Liebe Weg
Die romantische, leidenschaftliche Liebe ist bei der Partnerwahl ausschlaggebend. Sie äußert sich gefühlsstark in Form körperlicher Erregung, sexueller Anziehung und Idealisierung der anderen Person. Diesem Zustand der Verliebtheit folgt mit zunehmender Dauer der Beziehung eine partnerschaftliche, kameradschaftliche oder freundschaftliche Liebe. Das Gefühlsleben verläuft nun wieder in normalen Bahnen, die Partnerschaft ist durch Vertrauen, Zuneigung und Verständnis geprägt. Die Partner lernen sich besser kennen, das Verhalten des anderen wird vorhersehbarer und routinehafter. Partnerschaftliche Liebe gründet auf wechselseitigem Geben und Nehmen. Dass diese Versachlichung der Liebesbeziehung aber keine gefühlsmäßige Entleerung bedeutet, wird etwa bei einer schmerzvollen Trennung deutlich.
Die Entscheidungen und Handlungen, die den Prozess der Paarbildung mitprägen, legen die Vermutung eines bestimmten Grundmusters nahe. Ein darauf aufbauendes Entwicklungsmodell, das Stimulus-Value-Role-Modell von Murstein, beschreibt drei Phasen der Paarbildung.
Zuerst wird der Kontakt zu einer Person hergestellt und intensiviert. Die körperliche Attraktivität und das Verliebt Sein nehmen in diesem Abschnitt der Paarbildung einen zentralen Stellenwert ein. Attraktive Personen gelten hierbei als begehrter, ausschlaggebend für die Entscheidung für einen bestimmten Partner oder eine bestimmte Partnerin ist aber die eigene Attraktivität und der persönliche Erfahrungshintergrund. Dies alles spielt sich vor einem sozial vorstrukturierten Hintergrund ab. In der zweiten Phase werden Attraktivität und romantische Liebe unbedeutender. Im Blickfeld des Interesses stehen Einstellungen, Meinungen, Lebensorientierungen und -planungen sowie das soziale Umfeld des Partners bzw. der Partnerin. Wechselseitiges Akzeptieren und Belohnen führen dazu, dass mehr von der eigenen Person preis gegeben wird. Die letzte Phase der Paarbildung zeigt, ob die Beziehung alltagstauglich ist oder nicht. Das alltägliche Verhalten muss aufeinander abgestimmt werden und sich für beide Teile als gewinnbringend herausstellen. Dieser Lern- und Anpassungsprozess ist für den Fortbestand oder den Abbruch der Beziehung entscheidend.
Der Weg zum Gewinn
Die Entscheidung für eine Partnerschaft wird auch von wirtschaftlichen Überlegungen mitgetragen. Becker spricht in seiner ökonomischen Theorie der Eheschließung und Familie von Ressourcenpooling. Darunter versteht er die Zusammenlegung von Ressourcen, die Arbeitsteilung und die Produktion bestimmter Güter. Auch Kinder zählen in dieser wirtschaftlichen Rechnung zu den Produktionsgütern, die in einer Gemeinschaft (Ehe) besser produziert werden können. Vor diesem ökonomischen Hintergrund bilden sich Paare, die hinsichtlich ihrer persönlichen Eigenschaften und auch Ressourcen besonders gut zusammenpassen.
Gelegenheit macht Liebe
Die Soziologie fragt weniger danach, warum Zuneigung und romantische
Liebe entstehen, als vielmehr nach den strukturellen Motiven hinter der
Partnerwahl. Nach Blau sind die Kontaktchancen durch das Ausmaß der
Geschlossenheit oder der Kreuzung der sozialen Kreise bestimmt. Je größer
der Abstand des sozialen Status, desto unterschiedlicher sind die jeweiligen
Lebensstile. Die Wahrscheinlichkeit eines Kontaktes sinken und damit die
Eheschließungschancen. Die Autoren bemerken dazu kritisch, dass Personen
gezwungen sind, auf Grund der wachsenden Differenzierung der Gesellschaft
auch PartnerInnen in anderen sozialen Kreisen zu suchen. Unbestritten ist,
dass die Partnerwahl von den strukturellen Vorgaben des Heirats- und Partnermarktes
abhängig ist. Das zeigt auch die Fokustheorie von Feld, laut der sich
die sozialen Kontaktchancen vorwiegend auf diverse Foki wie Familie, Arbeitsplatz,
Vereine oder Organisationen beschränken.
Informationen: Dr. sc.pol. P. B. Hill, Institut für Soziologie, RWTH Aachen, 52056 Aachen, Deutschland. PD Dr. phil. J. Kopp, Lenaustraße 10, 68167 Mannheim, Deutschland., E-Mail: paul.hill@soziologie.rwth-aachen.de
P. B. Hill, J. Kopp: Strukturelle Zwänge, partnerschaftliche Anpassung oder Liebe - einige Überlegungen zur Entstehung enger affektiver Beziehungen. In: Th. Klein (Hrsg.): Partnerwahl und Heiratsmuster. Opladen 2001.
