Die "Balkanfamille" -Eine aussterbende Spezies.
Die weltweit einzige konzentrierte Datenbank über die "Balkanfamilie" entsteht in Graz. Die erste Phase des Ausbaus ist nun nach drei Jahren abgeschlossen, erklärte Univ. Doz. Dr. Karl Kaser von der Abteilung für südosteuropäische Geschichte der Karl Franzens Universität in Graz gegenüber beziehungsweise'. Der Typus der ”Balkanfamilie”, auch "Zadruga" genannt, ist im verschwinden. Die Modernisierung der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten, mit dem Ziel, die traditionellen Stammesstrukturen zu zerschlagen, hat diese weltweit einzigartige Familienform bereits fast ausgerottet. ”Dennoch”, so Kaser, "sind die Sitten, Gebräuche und ist das gegenwärtige Verhalten teilweise noch aus der Vergangenheit zu erklären. Die unvorstellbaren Grausamkeiten des Balkankrieges zum Beispiel können nur so verstanden werden - sie reihen sich in eine teilweise jahrtausendealte Kultur. Man kann auch vorhersagen, daß es in Zukunft zu einer Welle von Racheaktionen - Typus "Blutrache" - kommen wird, wenn die jugoslawischen Nachfolgestaaten als übergeordnete Institutionen nicht imstande sind, die Vergeltungsbedürfnisse ihrer Bürger in zivilisierter Form zu befriedigen". Das heißt, daß trotz des jüngsten internationalen Friedensabkommens eine weitere Drehung der Gewaltspirale voraussichtlich nur dann zu vermeiden sein wird, wenn die öffentliche Gerichtsbarkeit die zahlreichen geschehenen Verbrechen in befriedigender Weise zu sühnen imstande ist - wonach es derzeit allerdings nicht den Anschein hat. Es handelt sich hier - so erläutert Univ. Doz. Kaser - um Zusammenhänge, die nur plausibel werden können, wenn man die familiäre Gesellschaftsstruktur versteht, die von Grund auf anders als die traditionelle westeuropäische Familienform ist, die idealtypische Kernfamilie: Vater, Mutter, Kind. Auf dem Balkan sieht der Idealtypus so aus: Vater, Mutter und Söhne bleiben im Haushalt, die Söhne heiraten und bringen Frauen von außen, von anderen Familien. Man nennt das "komplexe Familienform". Je mehr Kernfamilien in diesem Verband organisiert sind, desto mehr Ansehen hat der solcherart entstandene Stamm. "Während in Europa in der Landwirtschaft meist Gesinde arbeitete, also nicht mit der Bauernfamilie Verwandte, wurde die Arbeit am Balkan ausschließlich durch Verwandte geleistet, und zwar traditionellerweise vorwiegend von Männern.", erklärt Kaser. Die Wissenschaftler - an dem Projekt des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung arbeiten Grazer, Wiener und amerikanische Historiker, Soziologen und Ethnologen zusammen - haben sämtliche relevanten Zensus - Materialien gesammelt, also Angaben in Geburts- und Heiratsgeistern sowie in Sterbematrikeln. Damit kann der Typus der Balkanfamilie, heute nur noch in Restbeständen vorhanden, von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis zum zweiten Weltkrieg und den 60 - er Jahren wurden dieser Gesellschaftsform durch zahlreiche politische und wirtschaftliche Maßnahmen, wie etwa eine Bodenreform, die Grundlagen entzogen. 2000 Jahre Geschichte wirken nach Die westlichen Charakteristika der "Zadruga" - übrigens ein wissenschaftlich angefochtener Begriff, der von den österreichischen Forschern nur mit Einschränkungen verwendet wird - sind: Patriachalismus, Patrilokalität und eine männerrechtliche Ordnung, außerdem Dominanz der älteren Generation über die Jüngeren und eine beherrschende Stellung der Männer über die Frauen. Dieses balkanische Patriachat ist Resultat einer mehr als zweitausend Jahre rückverfolgenden Geschichte der Religion. In manchen Gebieten konnten sich seine westlichen Charakteristika freilich bis in die Gegenwart erhalten, so etwa in Albanien. Dieser soziale Rest einer lange vergangenen Geschichte, eine Art sozioarchäologisches Überbleibsel, leitet sich aus drei Trägerschichten ab. Das Volk der Illyrer, auf das sich die Albaner gerne als ihre Stammväter berufen, dient als fast ungebrochene Verbindung zwischen grauer Vergangenheit und Gegenwart. Eine zweite Trägerschicht sind die Vlachen, ein weitgehend untergegangenes Volk, das im 6. -7. Jahrhundert vor den Slawen flüchten mußte sowie die Slawen selbst. Aus historischen Quellen sind die Formen des Patriachts seit dem 13. Jahrhundert bekannt. In Albanien und Montenegro hatten sich Stammesgesellschaften gebildet, die das Prinzip der männlichen Abstammung zum Kern haben: Alle von einem Urahn abstammenden Menschen gelten als miteinander verwandt, und zwar bis in die 15. Generation. Das machte die Suche nach einer nicht verwandten Frau einigermaßen schwierig, weil innerhalb der Stämme nicht geheiratet werden durfte. Die Sitten der heutigen Balkanbewohner - Solidarität zum Beispiel und übergroße Gastfreundschaft - lassen sich aus der heute weitgehend historischen Form der Balkanfamilie erklären.
Informationen: Univ. Doz. Dr. Karl Kaser, Universität Graz, Abteilung für südosteuropäische Geschichte, Mozartgasse 3, A 8010 Graz.
Buchtip: Familie und Verwandtschaft auf dem Balkan”, Böhlau, Wien 1995.
