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Die matriarchale Familie

Am Beispiel der Khasi-Stämme


Von Mariam Irene Tazi-Preve

Erstaunlich wenig verbreitet ist im Allgemeinen das Wissen um matriarchale Gesellschaften. Es wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass die uns bekannte Form der Groß- oder Kleinfamilie historisch und weltweit Allgemeingültigkeit besitzt. Außerdem existiert eine irreführende Vorstellung davon, was Matriarchat bedeuten soll, nämlich angeblich die Herrschaft der Frauen. Von all dem muss sich der Leser und die Leserin nun gedanklich verabschieden. Beginnen wir bei der Begriffsklärung. Etymologisch setzt sich der Begriff „Matriarchat“ aus dem Lateinischen „Mater“, die Mutter, und dem Griechischen Wort für „Arche“ zusammen. „Arche“ besitzt mehrere Bedeutungen, eine ältere – Anfang, Beginn – und eine jüngere – Herrschaft, Regierung. Matriarchat im Sinne der älteren Bedeutung heißt: am Anfang die Mutter – eine Definition, die keinerlei Bezug zu Herrschaft oder Hierarchie enthält.

Familienhaus der Minangkabau

Im Gegensatz dazu bedeutet „Patriarchat“ tatsächlich einen Dominanzanspruch und ist ein Begriff, der gesellschaftliche bzw. familiale Unterordnung impliziert. Wenn in weiterer Folge von der patriarchalen Familie die Rede ist, dann ist die Herkunft des Familienverständnisses aus der Antike gemeint: Die eheliche Gemeinschaft im Haushalt des Mannes oder der väterlichen Sippe (Patrilokalität) und bis in die 1970er Jahre die rechtliche Patronanz des Ehemannes oder Vaters über Frau und Kinder. Die Matriarchatsforschung reicht rund 140 Jahre zurück und begann mit den Pionieren Johann Jakob Bachofen und dessen Werk „Das Mutterrecht“ sowie dem Begründer der modernen Ethnologie, Lewis Henry Morgan, der hauptsächlich indigene Völker untersuchte. Deren Erkenntnisse zeigten zum ersten Mal, dass historisch weltweit matriarchale Gesellschaften die ersten Formen von Sozietäten überhaupt waren und patriarchalen Herrschaftssystemen vorausgingen. Für Europa ist nachweislich die minoische Kultur (auf Kreta) jene, die historisch am längsten währte und erst rund 1400 v. u. Z. gewaltsam zerstört wurde. Es gibt zahlreiche Theorien, warum Matriarchate vielfach – in Europa gänzlich – ausgelöscht und durch Patriarchate ersetzt wurden. Heide Göttner-Abendroth (1991) geht davon aus, dass dies nur mit Gewalt, Krieg und Vergewaltigung vor sich gehen konnte.

Kaum bekannt ist aber, dass es bis heute zahlreiche matriarchal lebende Völker gibt, die vor allem in Amerika und Asien angesiedelt sind. Sie sind zuweilen bevölkerungsmäßig klein, können aber auch bis zu mehreren Millionen Menschen umfassen. Sie leben zumeist in entlegenen Gebieten, aber auch oft in unmittelbarer Nachbarschaft zu patriarchal organisierten Gesellschaften, deren Einflüssen sie häufig ausgesetzt sind.

Auf dem zweiten Weltkongress für Matriarchatsforschung stellte Dr. Barbara Alice Mann, vom Bären-Clan der Ohio Seneca Irokesen (USA) fest: „Für indigene Völker aus matriarchalen Kulturen ist es zutiefst demoralisierend, ihre Jahrtausende alte Geschichte ignoriert, unterschlagen oder von akademischen Stellungnahmen heruntergespielt zu sehen.“

Nach den Schätzungen Robert Briffaults war um 1800 noch ungefähr die Hälfte der damals bekannten „Naturvolksgruppen“ matrilinear organisiert. Neue anthropologische Studien gibt es etwa zu den Mosuo in China (Bubenik-Bauer 1998), den Kabylen – gemeinhin Berber genannt – in Algerien (Grasshoff 2007), den Minangkabau auf Sumatra, Indonesien (Göttner-Abendroth 1991) oder den Gesellschaften auf Yuchitan, Mexiko (Bennhold-Thomsen 1994).

Matriarchale Gesellschaften implizieren alle Dimensionen des Lebens: die familiale, die gesellschaftliche, die ökonomische, die politische und die spirituelle. Im Rahmen dieses kurzen Beitrages beschränke ich mich auf die Darstellung der familialen Ebene.

Heide Göttner-Abendroth erfasste matriarchale Gesellschaften in Indien, Nepal, China, Tibet, Indonesien und Melanesien und analysierte deren matriarchale Grundstrukturen. Allen matriarchalen Gesellschaften eigen und auch heute noch an mutterrechtlich organisierten Gesellschaften zu beobachten, ist der Vorzug der Sippenbildung gegenüber der ehelichen Beziehung – die emotionale Basis war und ist die uterine Sippe, an erste Stelle tritt die Mutter, als die, von der man abstammt.

Eine Sippenälteste der Minangkabau

Am Beispiel der Khasi-Stämme in Assam (Ostindien) soll die Familienstruktur näher veranschaulicht werden (Göttner-Abendroth. 1991. 17ff). „Kha-si“ bedeutet „von einer Mutter geboren“. Das „geheimnisvolle Reich, in dem Frauen regieren,“ wie es bereits 1956 die Französin Gabriele Bertrand genannt hat, konnte sich seine matriarchalen Eigenheiten bis in die Gegenwart nur bewahren, weil die von den Khasi bewohnte Berglandschaft bis ins 19. Jahrhundert von äußeren Einflüssen weitgehend verschont geblieben war. Die verschiedenen Khasi-Stämme bestehen aus großen Familiengemeinschaften oder Clans, deren wichtigste Person die Sippenmutter ist. Sie ist die Verwalterin des gesamten Sippenbesitzes, des gemeinschaftlichen Hauses und des Landes. All dies erbt sie als Amtsnachfolgerin von ihrer Mutter, allerdings nicht als „Privatbesitz“, sondern als Verwalterin dieser Güter im Sinne des Wohlergehens der Sippe.

Die Khasi haben vollkommene Matrilinearität: Die Familienmitglieder erhalten den Namen der mütterlichen Familie und gehören nur zu dieser. Beim Tod der Mutter erbt die jüngste Tochter die Würde, Rechte und Pflichten des Sippenoberhauptes (Prinzip der Ultimogenitur). Hinzu tritt die Matrilokalität, die besagt, dass alle direkten Verwandten, männliche wie weibliche, auch wenn sie erwachsen sind, im Sippenhaus der Mutter wohnen bleiben. Frauen verlassen das mütterliche Clanhaus und damit ihre wirtschaftliche und soziale Sicherheit niemals. Die matriarchale Familie besteht zumindest aus drei Generationen und wird deswegen häufig als Clan bezeichnet. Entsprechend groß sind die sogenannten „Langhäuser“, die eine Länge von 100 m erreichen können, weil Sippenmitglieder kontinuierlich Anbauten errichten.

Die Männer sind als Söhne, Brüder oder Onkel mütterlicherseits im Haus der Sippenmutter daheim. Typisch ist die sogenannte Besuchsehe – die Männer leben weiterhin im Mutterhaus und besuchen ihre Ehefrauen lediglich nachts in deren Sippenhaus. Sie haben dort kein Wohnrecht. Ehegatten bilden also niemals eine ökonomische Einheit, daher gibt es keine wechselseitige finanzielle Abhängigkeit. So wie die eheliche Verbindung ohne großes Zeremoniell beginnt, so kann sie auch mit einer formlosen Scheidung enden. Es genügt eine einfache Geste des Nicht-mehr-Mögens auf beiden Seiten und die Partner trennen sich. Serielle eheliche Partnerschaften sind üblich, aber auch lebenslang andauernde Liebesbeziehungen sind möglich. So wie der Ehemann nicht dem hiesigen Verständnis eines Ehepartners entspricht, so wenig tut es die Vaterschaft, die als nachrangig gilt. Jeder Mann fühlt sich vielmehr als Mutterbruder mit den Kindern seiner Schwestern, also den Nichten und Neffen, eng verbunden, für die er als sozialer Vater Verantwortung trägt (Avunculat).

Wie in allen Matriarchaten besitzt der Mann repräsentative Funktionen nach außen, ist aber immer seiner Mutter oder Schwester und damit dem Sippenhaus verantwortlich. Der älteste Bruder der Sippenmutter ist ihr Helfer, Schützer und Delegierter nach außen. So ist auch die Funktion des Königs in historischen Matriarchaten zu verstehen, z.B. König Minos in der minoischen Kultur auf Kreta. Der König stellt dabei den Vertreter nach außen dar, der aber niemals autokratisch auftritt, sondern als Repräsentant der im Inneren der Sozietät hergestellten Entscheidungen.

Matriarchale Gesellschaften sind auch heute nicht so sehr „urdemokratisch“ (Engels 1946), sondern vielmehr „familiale Konsensgemeinschaften“. Die Entscheidungsfindung liegt bei allen Sippenmitgliedern. Sie wird von der Sippenmutter als Oberhaupt zusammengefasst und zum Abschluss gebracht und danach vom Mutterbruder im Rat des Dorfes oder der Stadt vertreten.

Literatur:

Bachofen Johann Jakob. 1975. Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Frankfurt am Main.

Engels Friedrich. 1946. Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen. Berlin.

Göttner-Abendroth Heide. 1991. Das Matriarchat II, 1. Stammesgesellschaften in Ostasien, Ozeanien, Amerika. Stuttgart-Berlin.

Malinowski Bronislaw. 1929. Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Milanesien. Frankfurt am Main.

Meier-Seethaler Carola. 1988. Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie. Zürich. Kontakt: Mariam Irene Tazi-Preve
 

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe November 2009.