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Mutterliebe auf dem Prüfstand

Annäherung an ein Tabu


Von Sabine Buchebner-Ferstl

„Es gibt nur eine ganz selbstlose, ganz reine, ganz göttliche Liebe, und das ist die der Mutter für das Kind.“, schrieb einst der deutsche Schriftsteller Georg Ebers (1837-1898). Dieses Zitat beschreibt in recht prägnanter Weise ein Phänomen, das von Gaby Gschwend in ihrem Werk „Mütter ohne Liebe“ als Muttermythos entlarvt wird. Auch heute, mehr als 100 Jahre später, stellt die Existenz der uneingeschränkten, selbstlosen Liebe der Mutter zu ihrem Kind ein kaum in Frage gestelltes Ideal dar, das jedoch ein stark verzerrtes Bild der realen und wünschenswerten Beziehung zwischen Mutter und Kind wiedergibt.

In einfühlsamer und kompetenter Weise analysiert die Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin Gabi Gschwend die fatalen Konsequenzen eines überhöhten, romantisierten Mutterideals, illustriert durch eingängige Beispiele aus der Literatur und aus der eigenen psychotherapeutischen Praxis.

Die Autorin kann auf eine Reihe von guten Gründen verweisen, den Muttermythos kritisch zu hinterfragen. So führt die Vorstellung der unerschöpflichen Mutterliebe zu einer Verdrängung und Verleugnung der negativen Seiten der Mutterschaft und ambivalenter oder auch negativer Gefühle. Die dem Muttermythos huldigenden Medien vermitteln – z.B. in Werbesendungen – ein Bild des Mutterseins als Hort reinen Glücks und permanenter Erfüllung, verschweigen jedoch beispielsweise die „Monotonie, die Einsamkeit und die gnadenlose Häuslichkeit, die mit der Kindererziehung einhergehen“. Gefühle der Frustration, Erschöpfung und auch der Wut lösen vielfach Schuldgefühle bei den Müttern aus, werden jedoch verleugnet und verdrängt, da sie nicht dem Bild einer „guten Mutter“ entsprechen. Dadurch verschwinden sie aber nicht, sondern äußern sich häufig in destruktiver Weise. Gemäß Gschwend können Lieblosigkeit und familiäre Gewalt als direkte Folge der Normen des Muttermythos resultieren. „Wenn ich meinen Hass nicht spüren durfte, dann konnte ich meine Liebe auch nicht spüren“, zitiert die Autorin eine Mutter.

Die Ansicht, dass Mutterliebe in der „Geschlechtsnatur“ der Frau verankert und die leibliche Mutter immer für das Kind am besten sei – ein zentraler Bestandteil des Muttermythos – führt nach Gschwend jedoch auch zu einer Verdrängung und Verleugnung der Existenz von tatsächlich lieblosen Müttern.

Die Autorin beschreibt drei Arten von Müttern ohne Liebe, die durch Ablehnung und Distanzierung, seelische Ausbeutung sowie aktive Ausübung von Gewalt gekennzeichnet sind:

Die ablehnend-distanzierte Mutter zeichnet sich durch eine umfassende Interesselosigkeit und mangelnde Anteilnahme am Kind aus, die zumeist auch mit körperlicher Ablehnung einhergeht. Es besteht wenig Bereitschaft, Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu erfüllen und zumindest zeitweilig eigene Interessen zugunsten des Kindes zurückzustecken.

Für die seelisch ausbeuterische Mutter dient das Kind vorwiegend der Befriedigung eigener Bedürfnisse wie jener nach Anerkennung und Bewunderung. Manipulation und Kontrolle werden eingesetzt, um Individuations- und Autonomiebestrebungen des Kindes zu unterbinden. Die Mutter verwirklicht sich durch das Kind und geht gleichsam in ihm auf, was durch das Ideal der selbstlosen, hingebungsvollen Mutter ohne Eigeninteressen, das der Muttermythos vorgibt, gleichzeitig eine zynische Rechtfertigung erfährt.

Körperliche und seelische Misshandlungen, Vernachlässigung und schließlich sexueller Missbrauch gehen auf das Konto der aktiv Gewalt ausübenden Mutter. Häufig spielen hierbei die eigene Lebensgeschichte, aber auch überfordernde und frustrierende Lebensumstände der Mutter eine Rolle.

Die durch den Muttermythos genährte Ansicht, eine Mutter sei in jedem Falle und zu jeder Zeit das Beste für ihr Kind, lässt darüber hinaus andere Betreuungspersonen gerade in den ersten Lebensjahren häufig als zweite und damit schlechtere Wahl erscheinen. Die Belastungen, die aus der daraus resultierenden weitgehenden Alleinzuständigkeit und -verantwortung erwachsen und ein permanentes Hintenanstellen eigener Bedürfnisse und Interessen außerhalb des „Mutter-Kind-Kosmos“ erfordern, sind dabei der Beziehung zum Kind nicht unbedingt zuträglich. Zudem kann die Exklusivität der Mutter-Kind-Beziehung dazu führen, dass das Kind mangels anderer enger Bezugspersonen gleichsam in ein „Fürsorgevakuum“ fällt, wenn sich die Mutter – aus welchen Gründen auch immer – als distanziert, ausbeuterisch oder gewalttätig erweist.

Gaby Gschwend plädiert dafür, eine realistischere Sichtweise der Mutter-Kind-Beziehung einzunehmen und auch die Schattenseiten, die dem gesellschaftlichen Bild der „idealen Mutter“ nicht entsprechen, ins Bewusstsein zu heben und anzunehmen. Dazu gehören etwa negative Gefühle dem Kind gegenüber, die wohl jede Mutter in manchen Situationen verspürt, aber auch die Existenz „liebloser Mütter“, die nicht fähig oder bereit sind, ihr Kind bedingungslos anzunehmen.

Der Verzicht auf den Muttermythos stellt dabei sowohl für die Mutter als auch für das Kind einen Gewinn dar. Durch die Abkehr von der Tabuisierung und Verleugnung negativer Aspekte wird der Mutter eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der eigenen Mütterlichkeit ermöglicht, die gleichzeitig auch das Bild der „schlechten Mutter“ relativiert und somit entlastend wirkt. Auf der anderen Seite kann die Abkehr von der Verklärung der Mutter-Kind-Beziehung auch die Augen dafür öffnen, dass destruktive Mutter-Kind-Beziehungen durchaus weit verbreitet sind. Gschwend erwartet von einer Durchbrechung des Muttermythos auch eine verstärkte soziale Kontrolle für das Wohlergehen der Kinder in Form einer erweiterten Zuständigkeit, da die Fürsorgeverantwortung nicht in so umfassendem Ausmaß an die Mutter delegiert werden würde.

Obgleich es sich um ein gesellschaftlich brisantes Thema handelt, verzichtet Gaby Gschwend in ihrem leicht lesbaren und prägnant formulierten Buch darauf, durch Provokation oder das Stilmittel der Ironie bei der Leserin und dem Leser punkten zu wollen. Sachlich und gut strukturiert geht sie auf Hintergründe, Auswirkungen und Alternativen zum Muttermythos ein. Das Buch regt dazu an, eigene explizite und implizite Einstellungen sowie Ideale und gegebenenfalls das eigene Muttersein zu reflektieren.

Als Fazit bleibt, dass die Mutter-Kind-Beziehung wohl in den allermeisten Fällen zwischen den beiden Polen der allumfassenden Liebe zu jedem Zeitpunkt einerseits und massiver Ablehnung und Destruktivität andererseits angesiedelt ist. Glück, Zärtlichkeit und das Gefühl der Verbundenheit finden darin ebenso Platz wie Enttäuschung, Wut und Frustration, die Vorstellung symbiotischer Verschmelzung ebenso wie ein ausgeprägtes Individuationsbedürfnis – mit einem Wort alle Facetten, die andere Liebesbeziehungen auch aufweisen.
 

Info:
Gschwend Gaby. 2009. Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Bern: Hans Huber Verlag.
ISBN 978-3-456-84740-5

Das Buch ist im Handel oder über den Verlag erhältlich.
www.verlag-hanshuber.com
 

Kontakt: Sabine Buchebner-Ferstl

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe November 2009.