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Kinder brauchen Brücken

Auf der Fachtagung des Vereins Pflege- und Adoptiveltern OÖ. wurden Aspekte der Fremdunterbringung diskutiert


Am 5. Juni 2008 feierte der Verein Pflege- und Adoptiveltern OÖ. sein 25-jähriges Jubiläum und verknüpfte es mit einem Fachsymposium zum Thema „Kinder brauchen Brücken! Übergänge in der Fremdunterbringung“. Die ReferentInnen, die Psychotherapeutin Irmela Wiemann, der Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder-Jugendneuropsychiatrie Werner Gerstl, und die Psychologin Margit Seidl sowie ein Film des Vereins beleuchteten verschiedene Aspekte. Inhaltlich abgerundet und abgeschlossen wurde das Symposium mit einer Podiumsdiskussion. Irmela Wiemann unterstrich in ihrem Vortrag die Notwendigkeit des Brückenbauens. Hier einige wesentliche Aussagen:

Der Mensch braucht für seine Entwicklung von Urvertrauen und Identität sichere Bindungserfahrungen, insbesondere in den ersten 18 Monaten. Kommt es zu frühen Trennungserfahrungen, werden diese in tiefen Schichten des Gehirns und des Nervensystems unbewusst gespeichert und beeinträchtigen das Kind in der Entwicklung seiner Beziehungskontinuität und Ich-Konstanz. Der Zugang zu eigenen Gefühlen kann blockiert werden und die Entwicklung des Selbstwertes wird gehemmt. Im Bindungsverhalten können sich abrupte Beziehungsabbrüche und schnelle „Neustarts“ in späteren Beziehungsmustern wiederholen. Weiters entsteht ein unbewusstes Programm, sich künftig vor allzu tiefen Bindungen schützen zu müssen.


Die Psychotherapeutin Irmela Wiemann hat sich auf die Beratung und Therapie von Pflegefamilien, Adoptivfamilien und Herkunftsfamilien spezialisiert.

Wie die Folgen seelischer Verletzung verarbeitet werden können, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

Aspekte der Resilienz („Widerstandskraft“)
Von Seiten des Kindes gibt es nach Erkenntnissen der Resilienzforschung angeborene Charaktereigenschaften, die bei der Bewältigung und Verarbeitung von Stressfaktoren eine große Rolle spielen. Je nach Persönlichkeitsausstattung verarbeiten Kinder seelische Verletzungen und Beziehungsabbrüche unterschiedlich. Man bezeichnet jene stärkenden Eigenschaften als die sogenannten Big Five: Zuverlässigkeit, Neugier, Extroversion, emotionale Stabilität und Freundlichkeit (Matejcek). Zeitpunkt der Fremdunterbringung
Je früher traumatisierte und seelisch verletzte Kinder in konstanten Familiensystemen Geborgenheit und Sicherheit finden können, desto größer ist die Chance, Entwicklungsbeeinträchtigungen und Persönlichkeitsstörungen entgegenzuwirken.

Die „neue“ Familie - Gestaltung der Anbahnung und Übergänge
Wie Trennungserfahrungen verarbeitet werden können, hängt auch ganz wesentlich davon ab, wie die neue Familie mit Symptomen verletzter Kinder umgehen kann und vor allem wie Übergänge von der „alten“ in die „neue“ Familie gestaltet werden.

Aspekte des Kindes
Kommt ein Kind in die neue Familie, wird es mit einer Reihe von mitunter widersprüchlichen Gefühlen konfrontiert. Einerseits möchte es der neuen Familie gefallen, fürchtet sich vor Ablehnung und blendet eigene Antipathien aus. Andererseits hat es Zweifel, ob es die neuen Eltern tatsächlich anerkennen und lieb haben können, weil es ja nicht deren eigenes Kind ist. Möglicherweise fühlt es sich schuldig den eigenen Eltern gegenüber und ist verunsichert durch Loyalitätskonflikte und Identitätsfragen. Zudem kann es geprägt sein durch desorganisierte Bindungsmuster und trägt diese in die neue Familie hinein. Anfängliche Sonnenscheinphasen mit hoher Anpassungsbereitschaft können übergehen in Phasen der Provokation und Inszenierung zahlreicher Konflikte innerhalb der neuen Familie.

Fähigkeiten der Pflege- und Adoptiveltern
Pflege- und Adoptiveltern sind gefordert, eine Bindung zum Pflegekind aufzubauen, mit der Bereitschaft das Kind anzunehmen, es in seiner Entwicklung zu fördern und zu begleiten. Darüber hinaus müssen sie über sozialpädagogische Fähigkeiten verfügen. Sie müssen lernen, Problemverhalten des Pflegekindes nicht gegen sich gerichtet zu sehen, Unverbindlichkeiten des Pflegekindes zu respektieren und durch eigene Verbindlichkeiten zu ersetzen. Sie brauchen stärkende Bündnispartner in der Umwelt, den Zugang zu eigenen Ressourcen und Energiequellen, Kreativität und Flexibilität in der Definition von Lebenszielen. Sie sollen das Kind ermutigen, sowohl über Trauer und Schmerz als auch über schöne Erfahrungen der Vergangenheit zu reden, die Herkunft des Kindes und seiner Eltern wertschätzen und noch vieles mehr. Vor allem sollen Pflege- und Adoptiveltern bereit sein, ihr Bindungsangebot auszuhalten, auch wenn das Kind schwierig ist und quasi den Pflegeeltern „aufgekündigt“ hat.

Gestaltungsmöglichkeiten von Übergängen und Brücken in die neue Familie
Sanfte Übergänge für bereits verletzte Kinder sind ganz entscheidend für deren weitere Entwicklung und können zusätzliche Traumatisierungen durch zu abrupte Übergänge verhindern. Im Idealfall sollte das Kind die alte Familie erst verlassen, wenn die neue Familie schon vertraut ist. Der Beziehungsaufbau sollte allmählich passieren, sodass das Kind das Wachsen von Beziehungen lernt. Ideal ist auch, wenn die bisherigen Bezugspersonen das Kind auf die neuen Eltern vorbereiten können und dem Kind vermitteln, dass die Beziehung zur neuen Familie erst wachsen muss und darf, es weiters ermutigt, über eigene Empfindungen und die Anbahnungsbesuche zu sprechen. Auch die neuen Eltern, seien es Pflegeeltern oder Adoptiveltern, müssen reflektieren, ob ihr Interesse für dieses Kind wächst, oder ob Vorbehalte überwiegen.

Nach der Anbahnungsphase
Nach der Anbahnungsphase soll das Kind Vertrautes (zum Beispiel die eigene Bettwäsche) in die neue Familie mitnehmen können. In weiterer Folge ist es hilfreich und stützend für das Kind, seine Geschichte und Vergangenheit zu dokumentieren, beispielsweise in Form eines Erinnerungsbuches, durch das Anlegen von Fotoalben und Aufbewahren von Postkarten von früheren Bezugspersonen. Um Loyalitätskonflikten vorzubeugen, sollte das Kind die Erlaubnis der neuen und alten Familie haben, beide lieben zu dürfen. Förderlich dabei sind, wenn möglich, weitere Besuchskontakte zu den Herkunftseltern und eventuellen Geschwistern sowie eine wertschätzende Grundhaltung der Pflege- und Adoptiveltern gegenüber der Herkunft des Kindes.

Irmela Wiemann appelliert durch ihre Klarheit direkt und indirekt an sozialpolitische Entscheidungsträger, an die öffentliche Jugendwohlfahrt, an private Institutionen und letztlich an alle Pflege- und Adoptiveltern, sich dessen bewusst zu sein und ermutigt sie, entsprechende Brücken zu bauen.
 

 


der verein

Der Verein Pflege- und Adoptiveltern OÖ versteht sich „Brückenbauer“ und möchte dazu beitragen, dass Kinder, die in Pflege- oder Adoptivfamilien aufwachsen, bestmögliche Bedingungen für ihre Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung vorfinden.

Der Dokumentarfilm des Vereins zum Thema „Sanfte Übergänge“, der Vortrag von Margit Seidl und die anschließende Podiumsdiskussion verdeutlichten einerseits die bewährte Praxis des „Brückenbauens“ für fremd untergebrachte Kinder und zeigten andererseits auch Hindernisse und Verbesserungsmöglichkeiten auf. Referate, Statements und Fotos zum Fach-Symposium sind auf der Homepage des Vereins unter www.pflegeeltern.at veröffentlicht.
 


Von Eva Maria Ginal


Informationen: Die Dipl. Sozialarbeiterin Eva Maria Ginal ist Mitarbeiterin beim Verein Pflege- und Adoptiveltern OÖ., E-Mail: e.ginal@peae-ooe.at

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe September 2008.