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Glückliche Feiertage!

Zum Sammelband von Wulf et al. (2011): „Das Glück der Familie“

Von: Christine Geserick

„Frohe Weihnachten“ und „viel Glück im neuen Jahr“ – die Zeit der guten Wünsche ist wieder da. Man möge besinnliche Feiertage im Kreise der Familie oder – neudeutsch – „mit den Lieben“ verbringen. Man wünscht es anderen, und man wünscht es auch sich selbst: Zum „Fest der Liebe“ sollen und wollen alle glücklich sein. Was aber heißt das? Was ist Feiertags-Familienglück? Und wie tritt es in verschiedenen Kulturen in Erscheinung? Dazu hat sich ein deutsch-japanisches Forscherteam aufgemacht, um an Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten teilzunehmen, sie ethnografisch unter die Lupe zu nehmen und darüber einen Sammelband zu schreiben. Dieser ist im Sommer 2011 erschienen und soll an dieser Stelle vorgestellt werden – pünktlich zu den Festtagen.

Glück – ein universelles Gefühl
Die Glücksforschung erfreut sich momentan großer Beliebtheit. Dies hängt nach Ansicht des Autorenteams mit der „Zunahme der Bedeutung der Emotionen und dem Anspruch auf ein glückliches Leben“ zusammen. Etwa in der eigenen Partnerschaft, aber auch in der öffentlich-medialen Inszenierung (Stichwort Reality TV) zeige sich ein Streben nach intensiven Emotionen, wozu auch das Glückserleben zählt. Was nun aber genau „das Glück“ oder „glücklich sein“ heißt, ist komplex und schwer fassbar. Bereits die Semantik kennt verschiedene Formen des Glücks, wie die Autoren in einer kulturell-etymologisch orientierten Einleitung erläutern: Man unterscheidet das mittelhochdeutsche gelücke (guter Ausgang einer Handlung) von dem lateinischen fortuna (dem Menschen fällt schicksalhaft etwas Gutes zu) und beatitudo (das Glücklichsein). Trotz dieser Vielschichtigkeit des Begriffes und der Schwierigkeit, „Glück“ mit sozialwissenschaftlichen Methoden zu messen, suggeriert der derzeitige Stand der Forschung, dass es doch eine Art des „subjektiven Wohlfühlens“ gebe, das alle Kulturen kennen und das durch „annähernd universelle Merkmale“ beschrieben ist. Das heißt: Glücksempfindungen sind nicht unbedingt kulturell gebunden.

Forschung unterm Weihnachtsbaum
Inwieweit die Hervorbringung von Glück nun universell oder kulturgebunden ist, hat ein Team von ethnografischen Forscherinnen und Forschern für einen spezifischen Bereich untersucht: für Familienfeste. Sie folgen damit einer kulturanthropologischen Tradition, welche das Familienritual als „Fenster in die eigene und fremde Kultur“ begreift. Ausgewählt wurden zwei kulturelle Kontexte und ihr jeweils „höchstes“ Familienfest: das Weihnachtsfest in Deutschland und das Neujahrsfest Shogatsu in Japan. Es ging um die Frage, wie familiäres Glück und Wohlbefinden in diesen Fest-Ritualen hervorgebracht wird, wobei in diesem internationalen Setting ebenfalls nach „kulturvergleichenden Konstanten und Differenzen der jeweiligen Glückskonstellation“ gesucht wurde, so der Anspruch der ethnografischen Fallvergleichs-Studie.

Insgesamt sechs deutsch-japanische Forschungs-teams machten sich im Winter 2008/2009 auf nach Berlin und Kyoto. Als teilnehmende Beobachter durften sie bei den Familien-Feierlichkeiten unmittelbar dabei sein, durften filmen, führten informelle Gespräche und Gruppendiskussionen. Entstanden sind daraus sechs Beiträge (einer pro Familie), sowie ein abschließendes Kapitel, das die Ergebnisse miteinander vergleicht und kulturübergreifende Elemente des Familienglücks beschreibt. Bevor diese Ergebnisse vorgestellt werden, soll an dieser Stelle erst einmal Einblick in das japanische Neujahrsfest Shogatsu gewährt werden, dürfte es doch hierzulande weitgehend unbekannt sein.
 
Das japanische Neujahrsfest Shogatsu
Shogatsu ist also das zentrale Familienfest in Japan. Es ist ein religiöses Fest, das mit Landwirtschaft und Ernte in Verbindung gebracht wird. Die ländliche Bevölkerung bittet den Gott Shogatsu-sama um eine gute Reisernte im neuen Jahr, denn dieser besucht traditionell am 1. Januar die irdische Welt. Ein zentrales Ritual noch vor den Haupt-Feierlichkeiten ist die Reinigung von Haus, Schreinen und Tempeln am Jahresende, um „mit gereinigtem Geist und Körper das neue Jahr zu empfangen“. Die eigentlichen Festivitäten beginnen am Silvesterabend (Omisoka) mit dem Entzünden der Kerzen am Hausschrein und mit einem Familienessen, zu dem meist mehrere Generationen anwesend sind. Oft isst man Soba (Buchweizennudeln), welche ein langes Leben bescheren sollen. In der Nacht zum Neujahrstag werden in allen Tempeln 108 mal die Glocken geschlagen, ein buddhistisches Ritual zum Beseitigen negativer Begierden. Am Neujahrsmorgen wird (oft noch vor Morgengrauen) der buddhistische Tempel oder der Shinto-Schrein besucht. Man bittet um den Segen für das neue Jahr. Zu Hause haben die Frauen das erste Mahl im neuen Jahr vorbereitet, traditionell eine spezielle Misosuppe mit Reiskuchen (Zoni), dazu gibt es Sake mit Kräutern (Toso). Diesem Neujahrsfrühstück folgt die Bescherung. Die Kinder erhalten in weißes Papier eingepackte Geldmünzen und andere Geschenke. Zu Mittag begibt sich die ganze Familie zur Neujahrszeremonie in den Haupttempel, bevor gegen Nachmittag das Fest ausklingt. Viele Familien besuchen an diesem Tag ihre verstorbenen Familienmitglieder auf dem Friedhof.

Transkulturelle Elemente des Familienglücks
Insgesamt fünf Elemente können die Forscher und Forscherinnen für das deutsche Weihnachtsfest und das japanische Shogatsu benennen, „denen für die Erzeugung familiären Glücks besondere Bedeutung zukommt“. Diese sind: Essen, Schenken, Glauben, Erinnern und Beisammensein. Sie könnten als so genannte transkulturelle Elemente des Familienglücks gelten, welche das Autorenteam im abschließenden Kapitel des Sammelbandes beschreiben und die an dieser Stelle zusammenfassend referiert werden sollen.

Essen
Da ist zunächst das Festessen, in dem die Forscher eine „augenfällige Gemeinsamkeit“ zwischen dem deutschen Weihnachtsfest und dem japanischen Neujahrsfest erkennen. In beiden Kulturen und auf mehreren Ebenen würde das gemeinsame Speisen Glück hervorbringen, vor allem über die Vergemeinschaftung: Bereits bei der Vorbereitung des Festessens wirkt man zusammen, wobei übrigens in allen deutsch-japanischen Beobachtungen ausschließlich die Frauen aktiv wurden: Sie kaufen ein, kochen, schmücken den Tisch. In Japan gehört zum Tischschmuck der gefaltete Kranich, zum Weihnachtsfest das „gute Geschirr“. Auch die Zeit, die man sich füreinander zum gemeinsamen Festessen nimmt, erzeugt gemeinschaftliches Glück, ebenso wie der gemeinschaftliche Geschmack, der sich über die Jahre hinweg etabliert hat. Die Geschmackspräferenzen, sei es, dass man zu Weihnachten traditionell eine Ente, eine Gans oder auch Kartoffelsalat mit Würstchen isst, schreibe sich in die „Intimität des Körpers ein“ und stifte ein als Glück erlebtes Gefühl von Zusammengehörigkeit; es gehe um „leibliche Vergemeinschaftung“ und „kollektive Sinnlichkeit“.

Die Feldbeobachtungen zeigten jedoch auch kulturelle Unterschiede: In Deutschland sei die „Essgemeinschaft vor allem auch eine Sprach- und Geschenkegemeinschaft“, das Essen würde zum Beispiel für das Geschenkeauspacken unterbrochen. In den japanischen Familien hingegen lag der Fokus stärker auf dem Beisammensein, bei dem auch das „Sich-Berauschen durch Bier und Sake eine gewisse Rolle spielt“.

Auch gibt es zum japanischen Neujahrsfest mehrere Speisesymboliken, die Glück bringen und Unglück verhindern sollen. Schon erwähnt wurden die langen Buchweizennudeln (Soba), deren Verzehr ein ebenso langes Leben verheißen soll. Reiskuchen (mochi) stehen ganz allgemein für Glück, und der Verzehr von Bohnen (mame) soll der wörtlichen Übersetzung nach Gesundheit bescheren. Auch gibt es die in Scheiben geschnittene Lotuswurzel (renkon), deren Löcher einen „klaren und hellen Ausblick in die Zukunft symbolisieren“ . All diese (und noch weitere) Speisen gehören zu den traditionellen Neujahrsgerichten, den so genannten Osechi, die noch vor Neujahr zubereitet und in kleinen Holzschachteln aufbewahrt werden. Entlang der Festlichkeiten werden sie über drei Tage verteilt gegessen. Mit ihnen „wird auch das Glück, das sie symbolisieren und verheißen, einverleibt“ – wer Reste übrig lässt, riskiert Unglück.

Schenken
In Deutschland wie in Japan hat das Schenken zu den Festtagen eine religiöse Komponente: Zum Weihnachtsfest erinnert es an das Geschenk Gottes, dass er seinen Sohn Jesus hat Mensch werden lassen. Und in Japan erhalten die Kinder am Neujahrstag in weißes Papier eingewickelte Geldmünzen. Man hofft, dass Shogatsu-sama ein glückliches, fruchtbares neues Jahr beschert.

Auf der Ebene sozialer Interaktion bedeutet das gegenseitige Schenken eine „auf Wechselseitigkeit angelegte Form des Tauschs“, der letztlich die Familienbeziehungen intensiviert und damit (auch) Glück hervorbringt. Schon der Ethnologe Marcel Mauss hat in seiner berühmten Arbeit „Die Gabe“ (1923) postuliert, dass die Praxis des Geschenkaustausches universal sei. Sie sichere den Fortbestand der Gruppe. Denn mit dem Annehmen einer Gabe erwachsen soziale Verpflichtungen, man macht ein (materielles oder symbolisches) Gegengeschenk, und so finden sich die Menschen in kontinuierlichem Wechsel von Geben und Nehmen. Dabei zählt nicht nur der materielle Wert eines Geschenkes, sondern zum Beispiel die Zeit, die man dafür aufwendet: Durch die „Suche nach dem ‚richtigen‘ Geschenk und seine Mühe, es zu finden und zu besorgen, wird das Geschenk zum ‚Träger‘ bzw. Medium von Zuneigung und Fürsorge für den Beschenkten“, so die Autoren. Auch das Gegengeschenk könne immaterieller Art sein, etwa in Form ehrlicher Freude, die man zurückgibt. Und so entstehen schließlich Gefühle von Dankbarkeit, emotionaler Nähe und Glück zwischen den Mitgliedern der Festgemeinschaft. Mit Blick auf kulturelle Unterschiede stellen die Autoren dabei fest, dass das Schenken zum Weihnachtsfest in Deutschland eine größere Rolle „für die Herstellung der familiären Gemeinsamkeit“ spiele als dies für das Neujahrsfest in Japan der Fall sei.

Glauben
Das Glück stiftende Element eines gemeinsamen Glaubens sei ebenfalls in japanischen wie deutschen Familien zu finden, so die Studie. Der gemeinsame Gang zur Kirche oder zum Schrein/Tempel, ein gemeinsames Beten und Singen an diesem Festtag, all das trage zu einer als Familienglück empfundenen Vergemeinschaftung bei. Dabei zeigte sich, dass sich auch in den eher säkularen Familien religiöse Elemente finden, eben weil sie gleichfalls eine soziale Funktion innehaben: Zum Beispiel erfülle der kindliche Glaube an den Weihnachtsmann heute vor allem „atmosphärische, kommunikative oder pädagogische, jedoch keine religiösen Funktionen mehr“. Und noch etwas halten die Forscher fest: Der Glaube „an das Heilige“ müsse sich nicht notwendigerweise auf religiöse Inhalte beziehen, sondern lasse sich auch im Glauben „an die Idee von einer glücklichen Familie“ finden. Also wird die Familie selbst zum Heiligen, und der Glaube an die Weihnachts- wie Neujahrsrituale, die man beibehält, sei letztlich ein Glaube an die Familie selbst, deren Gemeinschaft man schützen möchte und darin Glück erfährt.

Erinnern

Für die Generierung innerfamilialen Glücks sei zudem wichtig, dass jede Familie ganz spezifische Rituale und Erinnerungen hätte, und zwar auch in den Details der Festbegehung. In Japan ist das zum Beispiel die charakteristische Würzung der Speisen, welche die Kinder traditionell von der Großmutter erlernen, wenn man gemeinsam Reiskuchen (mochi) und Neujahrssuppe zubereitet. Dabei gilt besonders für Japan, dass die älteren Generationen wie auch die Ahnen traditionell eine wichtige Rolle innerhalb der Festlichkeiten einnehmen.

Durch die „jährliche Wieder-Holung des Erinnerungswürdigen“ wird also die ganze Familie (inklusive der älteren Generationen) zur „Erinnerungsgemeinschaft“, familiäre Identität wird geprägt. Manches Mal würden jedoch gerade die familienspezifischen Erinnerungen bewusst ausgeblendet, berichtet ein Forschungsteam aus der Beobachtung einer deutschen Patchwork-Familie: Hier feierte man in diesem Jahr das erste gemeinsame Weihnachtsfest. Aus „Rücksichtnahme auf die neuen Partner“ wurden jedoch familieneigene Muster des Feierns bewusst nicht reaktiviert, sondern man griff stattdessen auf „konsensfähige Erinnerungsmuster“ zurück, die wohl in jeder Familie eine Rolle spielen, hier etwa auf die Figur des Weihnachtsmannes, die bei dieser Feier an Bedeutung gewann und eine neue Familienerinnerung generierte.

Zusammensein
Zu guter Letzt wird das Beisammensein thematisiert, das ebenfalls konstituierend für familiales Glücksempfinden ist, und das sich bereits in obigen Kategorien fand: Man geht gemeinsam zum Tempel oder in die Kirche, isst gemeinsam („Familiengeschmack“) und teilt im Beisammensein familiäre Erinnerungen, indem man spezifische Traditionen des familieneigenen Festrituals fortführt. Hier schließt der Sammelband mit der zusammenfassenden Feststellung: „Sich sinnlich in der familiären Gemeinschaft zu erfahren, schafft das Wohlbefinden des Einzelnen und zugleich das Glück der Familie.“

Stimmungsvolle Ethnografie

Dem japanisch-deutschen Autorenteam ist ein Sammelband gelungen, der ihre Forschungsergebnisse als harmonisches Miteinander von wissenschaftlicher Beobachtung, kulturanthropologischer Einordnung und nicht zuletzt als „stimmungsvolle“ und außergewöhnliche Dokumentation von Familienfesten präsentiert. Denn ihr sensibler Blick fing intime Momente ein, die ansonsten nur der Familie selbst gehören. So bieten die Texte, Interviews und Fotos nicht nur neue Erkenntnisse der kulturvergleichenden Anthropologie, sondern dürften auch jene Leser und Leserinnen ansprechen, die sich für eine besondere Art der Dokumentation von Familienfesten interessieren. 

E-Mail: christine.geserick@oif.ac.at

Zu den Autorinnen und Autoren:

Die Einzelbeiträge zu den sechs ethnografischen Fallstudien sind jeweils in deutsch-japanischer Zusammenarbeit verfasst, teils unter Mitwirkung weiterer Personen. Hauptverantwortlich zeichnen sieben Autorinnen und Autoren, die hauptsächlich in den Bereichen der Erziehungswissenschaften und der Anthropologie an den Universitäten FU Berlin und Kyto arbeiten:

  • Prof. Dr. Christoph Wulf ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Erziehungswissenschaft, Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie, des Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Performativen“ und des Graduiertenkollegs „InterArts“ an der Freien Universität Berlin.
  • Prof. Dr. Shoko Suzuki ist Professorin für Allgemeine Pädagogik der Universität Kyoto.
  • Prof. Dr. Jörg Zirfas ist Professor am Institut für Pädagogik, Mitglied des Interdisziplinären Zentrums Ästhetische Bildung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender der Gesellschaft für Historische Anthropologie an der Freien Universität Berlin.
  • Dr. Ingrid Kellermann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Erziehung und Anthropologie, FB Erziehungswissenschaft und Psychologie, Freie Universität Berlin.
  • Yoshitaka Inoue ist Assistant Professor in der Division of Clinical Studies of Psychology in der Graduate School of Edcuation an der Universität Kyoto.
  • Fumio Ono ist Assistant Professor für das Global COE Programm Revitalizing Education for Dynamic Hearts and Minds an der Universität Kyoto.Dr. Nanae Takenaka ist Ausbildungskandidatin am C.G. Jung Institut in Zürich.
  • Dr. Nanae Takenaka ist Ausbildungskandidatin am C.G. Jung Institut in Zürich.

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Dezember 2011.