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Mehr Bildung – weniger Kinder?

Die Beziehung zwischen Bildung und Fertilität

Von: Rudolf Winter-Ebmer

Nach vorherrschender Meinung – und einer ausgedehnten demografischen Literatur – gibt es keinen Zweifel: Mehr Bildung geht mit sinkenden Geburtenraten einher. Skirbekk (2008) zeigt in seiner Metaanalyse einen Überblick über Studien zu sozialem Status, Vermögen, Schulbildung und Fertilität: Während in früheren Jahrhunderten sozialer Status noch positiv mit der Anzahl an Kindern verknüpft war, hat sich diese Relation im letzten Jahrhundert ins Negative verschoben; insbesondere dann, wenn man einfache Korrelationen zwischen Bildung und Fertilität betrachtet.

Mögliche Änderungen im Fertilitätsverhalten sind eine von vielen Konsequenzen der weltweiten Expansion des Bildungssystems der letzten Jahrzehnte. Arbeitsmarktökonomen haben mit viel Liebe zum Detail die finanziellen Erträge der Ausbildung studiert, andere Auswirkungen sind viel weniger deutlich belegt. Oreopoulos und Salvanes (2011) diskutieren nicht-monetäre Erträge der Schulbildung innerhalb und außerhalb des Arbeitsmarktes: Folgewirkungen für Kriminalität, Gesundheit und Familie, Bildung und Einkommen der Kinder, aber auch für Vertrauen, politische Partizipation, etc. werden dabei festgestellt. Davon sind Effekte der Bildung auf Fertilität und generell auf das Verhalten sowie die Ressourcenausstattung des Nachwuchses von besonderem Interesse, werden solche Effekte doch künftige Generationen für lange Zeit maßgeblich mitgestalten.

 
Keine kausale Beziehung zwischen Bildung und Fertilität

Diese in vielen Studien gemessenen negativen Korrelationen zwischen Bildung und Fertilität bedingen jedoch keineswegs eine kausale Beziehung in dem Sinne, dass mehr Bildung quasi automatisch zu geringerer Fertilität führen würde. Diese negativen Korrelationen können durch unbeobachtete dritte Faktoren oder einfach durch umgekehrte Kausalität hervorgerufen worden sein: Frühe Schulabgängerinnen könnten generell größere Familien bevorzugen, andererseits ist es naheliegend, zu vermuten, dass die Geburt eines Kindes die weitere schulische Karriere einer jungen Mutter negativ beeinflussen wird; die Kausalkette also umgekehrt von mehr Fertilität zu geringerer Schulbildung führt.

Dieses statistische „Henne und Ei-Problem“ zu lösen, ist nicht einfach. Im Idealfall braucht man dazu eine historische oder experimentelle Situation, bei der Frauen zufälligerweise unterschiedliches Schulbildungsniveau zugewiesen bekommen. Der kausale Effekt lässt sich dann einfach durch einen Vergleich der Fertilitätsraten der beiden Gruppen nachweisen. Jüngste Studien haben genau das getan: Sie verwenden Reformen der allgemeinen Schulpflicht in verschiedenen Ländern. Fort, Schneeweis und Winter-Ebmer (2011) verwenden Daten für mehr als 6.000 ältere Frauen aus acht europäischen Ländern und benutzen Änderungen der gesetzlichen Schulpflicht, die sich zwischen 1942 und 1967 ereignet haben.

Die Resultate dieser Studie sind sehr eindeutig und widersprechen der vorherrschenden Meinung: Wenn man verpflichtende zusätzliche Schulbildung betrachtet, also jene Frauen, die ihre Schulbildung aufgrund der Verlängerung der gesetzlichen Schulpflicht ausweiten mussten, dann bewirkt eine Verlängerung der Ausbildung nicht weniger, sondern mehr Kinder. Der quantitative Effekt ist relativ groß: Ein zusätzliches Jahr an Schulbildung reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau kinderlos bleibt, um ungefähr zehn Prozentpunkte; jede fünfte Frau bekommt aufgrund der höheren Bildung ein zusätzliches Kind.


Die illustrative Grafik zeigt durchschnittliche Fertilitätsraten von Geburtskohorten, wobei die Kohorten über alle Länder hinweg so geordnet wurden, dass die Verlängerung der Schulpflicht in der Periode null passiert (Pivot-Kohorte); Fertilitätsraten sind als Abweichungen vom langjährigen Durchschnitt gezeichnet. In der Grafik sieht man einen deutlichen, langfristig fallenden Fertilitätstrend, der durch die Verlängerung der Schulpflicht in der Pivot-Kohorte null durchbrochen wird.


Was sind die Gründe für dieses überraschende Ergebnis?

Eine Verlängerung der Schulpflicht sollte generell nur Frauen mit geringer Schulbesuchsneigung beeinflussen. Für diese Frauen bedeutet das durch die höhere Bildung erzielbare höhere Einkommenspotenzial, dass sie sich mehr Kinder leisten können; gegenläufige Effekte – weniger Fertilität durch stärkere Erwerbsbeteiligung – sind offenbar nicht so stark ausgeprägt. Darüber hinaus können wir zeigen, dass zusätzliche Schulbildung auch zu

  • einer höheren Heiratswahrscheinlichkeit führt,
  • zu einer niedrigeren Scheidungs- und Trennungsrate sowie
  • zu einem potenziellen Partner, der selber besser ausgebildet ist.


Man könnte daher sagen, dass ein Teil des Resultates durch den Einkommenseffekt auf dem Arbeitsmarkt und ein weiterer Teil durch den Heiratsmarkt zustande kommen.

Natürlich kann man aufgrund dieser Studie (noch) nicht behaupten, dass jede Expansion des Bildungssystems auch die Anzahl der Kinder erhöhen wird, aber die Studie zeigt doch klar, dass die vorherrschende Meinung – mehr Bildung, weniger Kinder – stark in Zweifel zu ziehen ist. 

Literatur:
Fort, Margherita, Schneeweis, Nicole und Rudolf Winter-Ebmer (2011), “More schooling, more children: compulsory schooling reforms and fertility in Europe”, Johannes-Kepler-Universität Linz Working Paper 1105.
Oreopoulos, Philip und Kjell G. Salvanes (2011), “Priceless: the non-pecuniary benefits of schooling”, Journal of Economic Perspectives 25(1), 159-184.
Skirbekk, Vegard (2008), “Fertility trends by social status”, Demographic Research 18(5), 145-180.

Der Autor: Rudolf Winter-Ebmer ist Professor für Arbeitsökonomie an der Johannes-Kepler-Universität Linz und Mitbegründer der Internetplattform „Ökonomenstimme“.

Kontakt: www.econ.jku.at/winter

Quelle: Dieser Beitrag wird mit Genehmigung der Redaktion der Internetplattform „Ökonomenstimme“ veröffentlicht. www.oekonomenstimme.org

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Mai 2012.