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Stahlhart oder butterweich

Erektionsstörungen bei Männern rütteln am männlichen Ego


"Männer haben ihre Selbstachtung fest mit der Aufwärtsbewegung des Penis verknüpft und fühlen sich nicht mehr als Mann, wenn er sich der Situation nicht gewachsen zeigt." (Zilbergeld 1983, S. 2001)

Mythos männliche Sexualität

Leistung, beruflicher Erfolg, Macht und Herrschaft, Kontrolle und Rationalität und natürlich Männlichkeit - das sind die Aspekte, die einen "richtigen" Mann auszeichnen. Das traditionelle Männerbild herrscht immer noch in den Köpfen vor und sorgt für zahlreiche Konflikte mit der Umwelt und mit sich selbst. James M. O'Neil teilt dem Mann sechs Konfliktfelder zu:

1. die Einschränkung des Gefühlslebens
2. die Homophobie (Angst vor eigenem homosexuellen Anteil)
3. die Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwänge
4. das gehemmte sexuelle und affektive Verhalten
5. die Sucht nach Leistung und Erfolg
6. die wenig sorgsame Gesundheitspflege

Diese Konfliktbereiche spielen auch bei der männlichen Sexualität eine große Rolle. Besonders das Streben nach Leistung und Erfolg hängt mit der Erektionsfähigkeit des Mannes zusammen. Allein der Anspruch, leistungsfähig und potent zu sein, kann schon zu Problemen bei der Erektion führen. Der schwierige gefühlsmäßige Zugang zu sich selbst und zum eigenen Körper verstärken diese zusätzlich, genauso das zunehmende Alter.

Penis und Potenz werden als zentrale Punkte von Männlichkeit gesehen, in Wirklichkeit geht es aber um die "Konstruktion von Männlichkeit". Der Mann definiert über die Erektionsfähigkeit gerne seine Männlichkeit. Der Verlust der Potenz ist für das männliche Ego das wohl schlimmste Problem, bei dem das Selbstbewusstsein ziemlich angeschlagen wird und sogar die gesamte Identität als Mann in Frage gestellt wird. Impotenz bedeutet, dass Macht, Kraft und Energie fehlen. Es entstehen Gefühle der Scham, Angst und Ohnmacht und der Glaube, der einzige mit dem Problem zu sein. 
Der Impotenz steht das Phantasiemodell "Penis" gegenüber, der riesig und gigantisch ist, stein- oder stahlhart, pulsierend, pochend und immer bereit, zu befriedigen. Neben diesem Mythos beschreibt Zilbergeld bereits in den 1980er-Jahren Mythen über die männliche Sexualität, die noch heute ihre Gültigkeit haben.

Wenn er seinen Mann nicht steht

Sexuelle Funktionsstörungen sind äußerst vielschichtig. Die körperliche Funktion kann nicht ohne die psychische Befindlichkeit gesehen werden. Erektion und Orgasmus sind keine "biologischen Grundprinzipien", sondern hängen auch mit der Persönlichkeit, der sexuellen Beziehung, bestimmten Erwartungen und Gewohnheiten sowie Erfahrungen zusammen. Diese Komplexität macht die Stellung der Diagnose sexueller Funktionsstörungen äußerst schwierig, wie die Vielzahl an Diagnoseschemen zeigen, die von SexualmedizinerInnen und -therapeutInnen aufgestellt worden sind. 

Die erektile Dysfunktion ist das Unvermögen des Mannes, eine adäquate Erektion zu bekommen (oder zu halten). Erektile Probleme müssen nicht gleich eine klinische Störung sein, sondern können als natürliche, vorübergehende Störung auftreten, z. B. bei Ermüdung, Krankheit, Stress oder übermäßigem Alkoholkonsum. Neben diesen Erscheinungen gibt es auch die erektile Dysfunktion im klinischen Sinne wie z. B. bei Durchblutungsstörungen.

Nach wie vor herrschen über die Art der Ursache verschiedene Meinungen vor. Bei der Bestimmung der Ursache einer Erektionsstörung wurde in den 1970er-Jahren noch großteils von einer seelisch bedingten Funktionsstörung ausgegangen. 20 Jahre später wurde vorwiegend von einer somatischen bzw. körperlichen Ursache gesprochen. Besonders die neuen Behandlungsmöglichkeiten in Form von einfachen oralen Therapien und Pharmaunternehmen fördern diese Denkrichtung der körperlichen Ursachen erektiler Dysfunktion. Im Gegensatz dazu weisen SexualwissenschaftlerInnen auf die psychogenen und partnerschaftlichen Faktoren als Verursacher hin. Neuerdings macht sich auch ein neuer, ganzheitlicher Ansatz breit, der eine Integration beider Ansätze anstrebt - der körperlichen und der seelischen Ursachen.

Viagra®, Levitra® und Co.

Bei der Frage nach der richtigen Behandlung erektiler Dysfunktion setzt sich die Auseinandersetzung über die Ursache fort. Bei den körperlichen Behandlungsformen wird die orale Therapie bevorzugt, allen voran der Einsatz des Wirkstoffes Sildenafil in Pillenform (PDES-Hemmer). 

Zu den psychologischen Therapiemöglichkeiten zählen Psychotherapie, Verhaltens- und Paartherapie oder die übende Sexualtherapie. Bei der psychotherapeutischen Sexualtherapie geht es darum, dass der betroffene Mann sich selbst besser verstehen lernt. Voraussetzung dafür ist, dass ihn erst einmal der Therapeut bzw. die Therapeutin versteht. Durch die Innenwahrnehmung soll ein Zugang zur eigenen erotischen Welt gefunden werden. 

Ob nun die schnelle Problemlösung mit Hilfe eines oralen Präparates die bessere ist, oder nicht doch die psychotherapeutische Richtung, die auch die Beziehungswelt des Patienten mit einbezieht, bleibt offen. Wie auch bei der Ursache erektiler Dysfunktion zeichnet sich bei der Behandlung ein Trend in Richtung Kombination körperlicher und psychologischer Behandlungsmöglichkeiten ab.
Zu bedenken ist bei dieser Diskussion auch, dass fast alle behandelnden ÄrztInnen und TherapeutInnen Männer sind, die ebenso vom gängigen Männerbild geprägt sind und sich oft als "Mitstreiter" oder "Retter" der männlichen Potenz sehen. Offen bleibt daher auch die Frage, was passieren würde, wenn vermehrt Frauen die Behandlung von Erektionsstörungen durchführen würden.


Informationen: Kontakt: Dipl. Sozpäd. (FH) Olaf Kapella, ÖIF, Tel: +43-1-5351454-10, E-Mail: olaf.kapella@oif.ac.at
Literatur: Olaf Kapella: Stahlhart - Männer und erektile Dysfunktion. ÖIF-Working Paper Nr. 34 / 2003.