zum Inhaltsbereich springen.

zur Hauptnavigation springen.

zur Subnavigation springen.

zum Standort springen.

ÖIF. Link zu Universität Wien.

Links für den Wechsel der Webseitenansicht - grafische Ansicht (mit Webdesign), Hochkontrast (gelbe Schrift auf blauem Hintergrund mit Block-Links), ohne Formatierung (Browserstandard)

Um die Schriftgrösse zu ändern, halten Sie bitte die Strg-Taste und drehen das Mausrad oder wählen Sie in Ihrem Browsermenü >> Ansicht >> Schriftgrad..

Webseite nach Text durchsuchen

ihr Standort auf der Webseite

Standort: Service. Zeitschrift 'beziehungsweise'. 

Hauptbereich der Websiteinhalte

<- Zurück

Die Bedeutung von Familie

für fremduntergebrachte Jugendliche mit Migrationsgeschichte bei SOS-Kinderdorf Österreich

Von: Susi Zoller-Mathies und Margret Steixner


„Migration ist ein Familienprojekt, das nicht mit einer Generation abgeschlossen ist, sondern ein Mehrgenerationen-Projekt darstellt“ (Fuhrer et al. 2005). Im Lichte von Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen bekommt diese Aussage eine tiefere Bedeutung. Die Familie hat eine Schlüsselposition für Menschen, die ihre Heimat verlassen, dabei verstärkt auf ihre Familie angewiesen sind und durch Migration zusätzlichen Herausforderungen unterworfen sind. Wenn nun, wie es bei Fremdunterbringung der Fall ist, die (Herkunfts-)Familie in großen Teilen des Alltags nicht präsent ist, kann dies gerade für Jugendliche mitten in ihrer Identitätsentwicklung eine schwer bewältigbare weitere Herausforderung darstellen.

Paul Parin, ein Schweizer Psychoanalytiker, betont, dass „die soziale Wirklichkeit, die Matrix von Familienstrukturen und Traditionen in der Genese von psychischen Konflikten und Konfliktlösungen angemessen zu berücksichtigen“ ist (Kohte-Meyer 2008). Dies weist auf die Bedeutung von Familie für fremduntergebrachte Jugendliche mit Migrationsgeschichte hin: In unterschiedlich wahrgenommenen Familienstrukturen und Traditionen liegen sowohl Konfliktpotenzial als auch viele Ressourcen.

Schlüsselrolle der Mütter
Mütter spielen im „Familienprojekt Migration“ eine zentrale Rolle. Sie sind beim Aufbau einer Familie im fremdkulturellen Umfeld einer Mehrfachbelastung ausgesetzt, insbesondere wenn die Migration mit der Familiengründung zusammenfällt. „So gestalten Frauen und Mütter den Eingliederungsprozess aktiv mit, und von ihren Ressourcen hängt es letztlich ab, in welche Richtung sich die Integration der gesamten Familie entwickelt und wie nachhaltig die Anpassung der Familie in ihre Aufnahmekultur erfolgt“ (Süssmuth 2001, zitiert nach Fuhrer 2005).

Biografische Informationen, die wir im Rahmen der Studie: „Kultur und Beziehung“ mit 144 Jugendlichen aus dem SOS-Kinderdorf erhielten, legen offen, dass ihre leiblichen Mütter oft sehr jung und mit der Situation, sich ein neues Leben in Österreich aufzubauen, überfordert waren.

Ein Jugendlicher von SOS-Kinderdorf beschreibt dies folgendermaßen: „Meine Mutter sagt auch, das tut ihr weh und sie hat uns auch die G‘schicht erzählt mit dem, dass sie nach Österreich gekommen ist mit der Öffnung und dass sie a Wohnung kriegt und Geld und arbeiten kann. Und das ist halt alles ein bisschen in die Hose gegangen.“

Mehrere Jugendliche beschreiben die Überforderung ihrer Mütter als zentralen Grund für die Fremdunterbringung. Das Meistern des Familienalltags im kulturfremden Umfeld stellt eine zusätzliche Herausforderung dar, da beispielsweise der großfamiliäre Kontext, der Unterstützung bietet und in dem viele dieser Frauen sozialisiert wurden, oft gänzlich wegfällt. Es wird deutlich, dass Mütter im Prozess der Migration eine zentrale Rolle spielen und es durch den Wegfall eines stützenden Familiensystems zu massiven Mehrbelastungen kommen kann. In einigen Fällen kommen Trennungen von den Kindesvätern hinzu, was wiederum den Druck auf die Mütter verstärkt.

Mütter in dieser Situation zu stärken und zu entlasten, muss – auch im Sinne der Betreuten – ein Anliegen der Jugendwohlfahrt sein. Im Falle einer Fremdunterbringung erscheint es wichtig, die Herkunftsfamilie im Allgemeinen und die Mütter im Besonderen in die Beziehungsarbeit einzubinden. Wie der Kontakt zur Herkunftsfamilie gestaltet wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich und kann nur anhand individueller Lösungen vereinbart werden. So verbringt beispielsweise ein Jugendlicher einen Teil der Woche in der Einrichtung, den anderen Teil bei der Mutter. So konnte eine Entlastung der Mutter und der Mutter-Sohn-Beziehung herbeigeführt werden. In einem anderen Fall, in dem der Jugendliche bereits als Kleinkind in eine Kinderdorffamilie gekommen ist, hat er selbst als Jugendlicher beschlossen, den Kontakt zur Mutter wieder verstärkt zu pflegen, obwohl dieser viele Jahre nur sehr sporadisch stattgefunden hatte.  Beide Varianten können für den jeweiligen Fall das Richtige sein und zeugen von der großen Flexibilität, die bei der Suche nach Lösungen an den Tag gelegt werden muss. Zentral bleibt das Anliegen, den leiblichen Müttern in der Fremdunterbringung eine Rolle zu geben und sie mitgestalten zu lassen.

(Herkunfts-)Familie als wichtiger Bezugspunkt
Insgesamt hat die Familie für alle Jugendlichen, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, eine für uns überraschend hohe Bedeutung. Dies deckt sich mit Ergebnissen aus anderen Studien wie z.B. der Shell-Studie 2010. Sehr deutlich ist in der Online-Befragung der Unterschied zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bei der Frage: „Wenn mein Bruder oder meine Schwester versagen, fühle ich mich verantwortlich.“ Jugendliche mit Migrationshintergrund stimmen dieser Aussage eher zu als jene ohne Migrationshintergrund. In zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen (z.B. Hofstede 2006; Hui et al. 1986) wird darauf hingewiesen, dass in vielen Kulturen das Wohl der Gruppe bzw. der Familie als sehr bedeutsam eingestuft wird. Diese Verschiedenheit in der Verantwortlichkeit gegenüber den eigenen Geschwistern wirkt sich auch auf die Fremdunterbringung aus. So werden Geschwisterkinder, wenn möglich, gemeinsam untergebracht und Geschwister gemeinsam betreut. Neben dem Schaffen der nötigen Rahmenbedingungen kann es aber auch wichtig sein, beispielsweise ältere Geschwister in ihrem Verantwortungsgefühl zu entlasten, besonders in Krisensituationen.

Ausblick und Fazit
Insgesamt sind wir aufgrund von Daten und Aussagen der Jugendlichen und BetreuerInnen zu dem Schluss gekommen, dass es auch bei diesem Thema keine „Rezepte“ geben kann – auch nicht, oder schon gar nicht, für „alle Jugendlichen mit Migrationsgeschichte“. Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind eine heterogene Gruppe und erleben ihre Migrationsgeschichte ebenso unterschiedlich. Jeder Einzelfall muss genau beleuchtet werden. Die Einbeziehung der Herkunftsfamilie ist ein wichtiger Faktor für das Gelingen der Betreuungen, wobei mit speziellen Methoden, wie beispielsweise der Biografiearbeit, der Fokus auf die Migrationsgeschichte gelegt werden soll. 


Literatur
Fuhrer, Urs; Uslucan, Haci-Halil (Hg.) (2005): Familie, Akkulturation und Erziehung – Migration zwischen Eigen- und Fremdkultur. Stuttgart: Verlag Kohlhammer.
Hofstede, Gert (2006): Globales Denken, lokales Handeln. 3. Auflage. München: DTV-Beck.
Hui, Harry C.; Triandis, Harry C (1986): Individualism – Collectivism. A Study of Cross-Cultural Researchers. In: Journal of Cross-Cultural Psychology, Vol. 17, No. 2, S. 225-248.
Kohte-Meyer, Irmhild (2008): Vernehmen und Erreichen – psychoanalytische Begegnung im transkulturellen Raum. In:  Scheifele, Sigrid (Hg.) (2008): Migration und Psyche – Aufbrüche und Erschütterungen. Edition Psychosozial. Gießen: Psychosozialverlag.
Shell Deutschland (2010): Jugend 2010. 16. Shell Jugendstudie. Frankfurt am Main/Hamburg: Fischer Taschenbuchverlag.
Zoller-Mathies, Susi; Steixner, Margret (2012): Der Einfluss kultureller Faktoren auf die Betreuungsbeziehung. SPI Schriften, SOS-Kinderdorf Österreich: Eigenverlag.


Zur Studie
144 bei SOS-Kinderdorf untergebrachte Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren beantworteten im Sommer 2010 einen Online-Fragebogen: Rund 48 % Mädchen und 52 % Burschen, etwa ein Drittel lebte in Kinderdorffamilien, der Rest in Wohngemeinschaften, 44 % mit Migrationshintergrund. Themen waren deren Migrationshintergrund, Fragen zum Selbstkonzept und zu ihren Wünschen und Plänen. Anschließend wurden 21 Jugendliche mittels Einzel- oder Gruppeninterview vertiefend befragt. Durchgeführt wurde die Studie vom Sozialpädagogischen Institut (SPI) des SOS-Kinderdorfs Österreich. www.spi.sos-kinderdorf.at


Die Autorinnen

Mag.a Susi Zoller-Mathies ist Klinische und Gesundheitspsychologin mit Schwerpunkt Kulturpsychologie, mehrjährige Tätigkeit in verschiedenen Sozialvereinen und psychiatrischen Einrichtungen, Lehr- und Forschungstätigkeit in Österreich und Ghana, seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sozialpädagogischen Institut, SOS-Kinderdorf Österreich
Kontakt: susi.zoller-mathies@sos-kd.org

Dr. Margret Steixner ist Pädagogin und Universitätslektorin. Schwerpunkt: interkulturelle Kompetenz und Methoden der Kompetenzentwicklung, interkulturelle Trainings- und Coachingaktivitäten im Non-Profit und Wirtschaftsbereich internationaler Organisationen. Dissertation: Steixner, Margret (2007): Lernraum-Interkultur. Von interkultureller Erfahrung zu interkultureller Kompetenz. Wien: Südwind Verlag.
Kontakt:
margret.steixner@gmx.net

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Oktober 2012.