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Familie heute

Eine Rezension

Von: Christine Geserick



Wer sich mit familiensoziologischen Fragestellungen beschäftigt, kommt um einen Namen nicht herum: Rosemarie Nave-Herz. Die Soziologie-Professorin aus Deutschland hat in ihrer Laufbahn (seit 1971 hauptsächlich an der Universität Oldenburg tätig; emeritiert 2003) zahlreiche Bücher und Aufsätze verfasst, von denen viele zu Klassikern innerhalb der Familiensoziologie avanciert sind. Dazu gehört auch die Monografie „Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung“. Diese ist kürzlich in einer fünften, überarbeiteten Neuauflage erschienen (Sommer 2012, Primus Verlag).

Die erstmals 1994 publizierte Monografie ist mittlerweile ein Standardwerk, und doch hält die überarbeitete Version Neues bereit, so dass sie auch für Besitzer älterer Ausgaben eine anregende Lektüre sein dürfte: Vor allem sind dank zunehmender empirischer Arbeiten im Bereich der Familiensoziologie aktuelle Daten großer Surveys enthalten (z.B. vom DJI-Familienpanel), welche allerdings weitgehend auf Deutschland beschränkt sind. Dafür aber, auch das ist neu, werden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nachgezeichnet. Gleich geblieben ist jedoch das Ziel des Buches, so Nave-Herz in ihrem Vorwort zur fünften Auflage: „Es will historisch vergleichend aufzeigen, was de facto – häufig entgegengesetzt der öffentlichen Meinung – als neuartig in Bezug auf die heutigen Familienformen, die innerfamilialen Interaktionsprozesse und die familiale Sozialisation identifiziert werden kann (…)“ (S. 7).

Zentral ist die oft zitierte These zur gestiegenen Pluralität von Familienformen, die Nave-Herz sehr kritisch unter die Lupe nimmt und feststellt: Die quantitative Verteilung von Familienformen hat sich entlang der letzten Jahrzehnte nicht grundlegend geändert. Zwar gebe es heute mehr Ein-Eltern-Familien und mehr Scheidungen, aber es gebe z.B. nicht mehr Stieffamilien und auch nicht mehr Adoptions- oder Pflegefamilien. Ebenso sei die Definition von Familie als besonderes „Kooperations- und Solidaritätsverhältnis“ mit ihren einzigartigen Rollen (z.B. Vater, Mutter, Geschwister) weiterhin gültig – und zwar auch kulturübergreifend.

Was sich hingegen verändert habe, seien individuelle Lebensmuster, z.B. im Hinblick auf den Faktor Zeit. Damals wie heute gründet zwar fast jeder eine eigene Familie, aber später im Lebenslauf. Gleichzeitig hat sich die „Familienphase“, d.h. das Zusammenleben von Eltern mit ihren zu versorgenden Kindern verkürzt. Dies liegt einerseits an der heute geringeren Kinderzahl pro Familie. Andererseits wird diese Phase vor dem Hintergrund eines gestiegenen Lebensalters auch im eigenen Lebenslauf „relativ“ kürzer. Mit Blick auf sich nur langsam wandelnde Geschlechterrollen stellt Nave-Herz eine bildhafte Rechnung auf, die zum Nachdenken anregt: „Eine normative Festschreibung der Frauen auf ihre Mutterrolle würde heute bedeuten, dass sie 1/4 ihres Lebens in der Erwartung auf das ‚eigentliche Leben‘ (= Familienphase) und ca. 2/4 ihres Lebens im Bewusstsein, dass das ‚eigentliche Leben‘ vorbei sei, verbringen würde“ (S. 27).

Was den Untertitel des Buches („Folgen für die Erziehung“) angeht, stellt die Autorin dar, wie gesellschaftliche Individualisierungstendenzen in den letzten 30 Jahren dazu geführt haben, dass Eltern einen neuen Leistungsanspruch spüren, ihr Kind „richtig zu erziehen“. Durch ein Nebeneinander widersprüchlicher Wertesysteme, wie es für komplexe Gesellschaften charakteristisch ist, seien Eltern oft unsicher. Und weil sie ihre Kinder weniger mit Geboten und Verboten erziehen, hingegen mehr mit ihnen verhandeln, fordere und fördere dies ein Mehr an Sprachkompetenz. Und so postuliert Nave-Herz neben einer neuen „Kindzentrierung“ auch eine „Versprachlichung der Erziehung“.

Wie erwähnt, ist „Familie heute“ bereits ein Standardwerk und eine lohnenswerte Lektüre, die in ihrer differenzierten Darstellung der Zusammenhänge zwischen dem System Familie, seinen Rollen und gesellschaftlichen Prozessen verdeutlicht, wie komplex – aber eben nicht grundlegend neu – „ Familie heute“ ist. 

Kontakt
christine.geserick@oif.ac.at

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Dezember 2012.