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Zwischen Modewort und Notwendigkeit

Ein neues Buch über Nachhaltigkeit in der Familienpolitik

Von: Sonja Blum

Längst ist der Begriff der Nachhaltigkeit nicht mehr auf den umwelt- und energiepolitischen Bereich beschränkt: Im Jahr 2002 etwa beschloss die deutsche Bundesregierung eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie, mit der Nachhaltigkeit zum Grundprinzip der Politik gemacht und prinzipiell jedes Politikfeld „nachhaltig“ gestaltet werden sollte. So wurde in den vergangenen Jahren auch vom deutschen Familienministerium eine „nachhaltige Familienpolitik“ als Zielmarke ausgewiesen und der familienpolitische Diskurs entscheidend durch diesen Begriff geprägt.

Ausgangspunkt der jetzt erschienenen Dissertation von Regina Ahrens ist jedoch die Beobachtung, dass nicht nur der Forschungsstand zum Thema familienpolitischer Nachhaltigkeit sehr begrenzt ist, sondern auch „das Nachhaltigkeitsverständnis der relevanten familienpolitischen Akteure bereits auf den ersten Blick den Verdacht einer Unterkonzeptionalisierung aufkommen lässt“ (Ahrens 2012: 20). Ziel ihrer Studie ist es daher, ein theoretisch fundiertes, auf Indikatoren gestütztes Nachhaltigkeitskonzept zu entwickeln und damit auch einen Beitrag für die familienpolitische Praxis zu leisten.

Hierfür hat die Politikwissenschaftlerin zentrale Dokumente ausgewertet (z.B. Expertisen, Koalitionsverträge) und 35 Experteninterviews mit familienpolitischen Akteuren auf europäischer, nationaler und kommunaler Ebene geführt (siehe Abbildung). Dieses aus der Praxis gewonnene Wissen verknüpft sie systematisch mit den Erkenntnissen der interdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung, die „Nachhaltigkeit“ an drei verschiedenen Dimensionen – nämlich: ökologisch, ökonomisch und sozial – und darüber hinaus an drei normativen Kriterien festmacht: intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit; Erhalt der Lebensqualität; sowie systemare Integrität, d.h. die Sicherung gesellschaftlicher Funktionen für kommende Generationen. Zudem vertritt die Nachhaltigkeitsforschung einen partizipativen Ansatz, wonach alle relevanten Akteure an den politischen Prozessen zu beteiligen sind.

Vor diesem Hintergrund fragt Ahrens danach, was die verschiedenen familienpolitischen Akteure mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbinden: Inwiefern verfolgen sie einen bestimmten Nachhaltigkeitsbegriff oder orientieren sie sich an den oben genannten Dimensionen und normativen Kriterien? Auf Grundlage der Experteninterviews gelingt es ihr, das heterogene Begriffsverständnis zwischen den Akteuren systematisch aufzuzeigen. Grundsätzlich werde der „Begriff „nachhaltig“ vielfach mit „gut“ oder „neu“ gleichgesetzt“ (ebd.: 107). Konkrete Ziele einer „nachhaltigen Familienpolitik“ werden von den Interviewpartnern benannt (z.B. Erhöhung der Geburtenrate, sinkende Armutsquote, erhöhte Zufriedenheitsrate von Familien). Allerdings werde dabei primär auf die ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit verwiesen und stehe das normative Kriterium der Generationengerechtigkeit im Vordergrund. Auch zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen den Akteursgruppen: So scheint z.B. die Komplexität des familienpolitischen Nachhaltigkeitsverständnisses der Akteure zu sinken, „je weiter unten sie im föderalen System anzutreffen sind“ (ebd.: 115). Bezüglich des partizipativen Aspekts der familienpolitischen Nachhaltigkeitsdebatte leitet Ahrens aus den Interviews drei Hauptfaktoren ab, die Auswirkung auf Kooperationsprozesse haben, nämlich Asymmetrien zwischen den Akteuren, Legitimationsdruck der Politik sowie zeitliche Zwänge.

Wie aber kann ein theoretisch und inhaltlich fundiertes familienpolitisches Nachhaltigkeitskonzept aussehen? Ahrens nähert sich dieser Frage, indem sie zunächst Ziele der deutschen Familienpolitik identifiziert, die sie zu vier übergreifenden Metazielen gruppiert: Humanvermögensbildung und -sicherung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wirtschaftliche Stabilität von Familien sowie Generationensolidarität. Auf Grundlage der bisherigen Forschung formuliert sie daraufhin Kriterien für jedes der Unterziele: So ließe sich beispielsweise das familienpolitische Ziel, die Bildungsmöglichkeiten und -voraussetzungen aller Kinder zu verbessern, daran messen, ob und wenn ja, inwiefern (Ganztags-)Betreuungseinrichtungen für Kinder bedarfsgerecht ausgebaut sind, Kinder mit besonderem Bedarf gefördert werden und die Qualität in der Kinderbetreuung gesichert ist.
Im Folgenden operationalisiert Ahrens diese Kriterien mithilfe von Indikatoren, indem sie etwa dem bedarfsgerechten Ausbau des Betreuungsangebots für abhängige Familienangehörige Indikatoren zuordnet, wie z.B. Betreuungsquoten, Betreuungsschlüssel in der Kinderbetreuung oder Zufriedenheitsrate von Eltern mit der Betreuungssituation. Jedem Indikator werden auf Grundlage der familienpolitischen Ziele erwünschte Entwicklungsrichtungen – und wenn möglich quantifizierbare Zielmarken – zugeordnet. Ahrens präsentiert somit einen sehr konkreten Vorschlag für ein auf Indikatoren gestütztes familienpolitisches Nachhaltigkeitskonzept: Dieser integriert zwar sowohl Forschungsergebnisse als auch die in den Interviews erhobenen Sichtweisen der unterschiedlichen Akteure, ist aber „subjektiv“ und „offen gegenüber Änderungs- und Verbesserungsvorschlägen“ (ebd.: 213) angelegt.

Abschließend schlussfolgert Ahrens, dass zwar die im familienpolitischen Diskurs geführte Nachhaltigkeitsdebatte hinter den konzeptuellen Möglichkeiten zurückbleibe: Eine theoretische Fundierung sei aber möglich, wenn auch in der Umsetzung mit verschiedenen Herausforderungen verbunden. Auf Grundlage der Nachhaltigkeitsforschung und der durchgeführten Experteninterviews plädiert sie u.a. für die Schaffung eines gemeinsamen und mehrdimensionalen Nachhaltigkeitsverständnisses, für eine Verbesserung der Kooperationsbeziehungen zwischen den familienpolitischen Akteuren, für eine höhere Transparenz und stärker inhaltlich orientierte Logik familienpolitischer Prozesse.

Ahrens betritt mit ihrer Studie wissenschaftliches Neuland und leistet wichtige Grundlagenarbeit für eine theoretische Anbindung der Nachhaltigkeitsdebatte in der Familienpolitik. Ihr Buch ist sehr systematisch aufgebaut und angenehm zu lesen. Grundsätzlich sind die Schlussfolgerungen und Empfehlungen auch auf andere Politikfelder übertragbar. Jedoch bleiben offene Fragen in Hinblick auf die Umsetzung der genannten Empfehlungen – z.B. Öffnung von Kommunikationsstrukturen und Informationskanälen, Zusammenarbeit der föderalen Ebenen „auf Augenhöhe“ – und dabei zu erwartenden Schwierigkeiten. Ihre Konzeptualisierung familienpolitischer Nachhaltigkeit schließt nicht nur eine Lücke im Bereich Nachhaltigkeits- und Familienpolitikforschung, sondern bietet auch Handlungswissen für die familienpolitische Praxis, müsste hier allerdings für eine tatsächliche Nutzbarmachung detaillierter bearbeitet werden. Insofern scheinen anschließende Unternehmungen zum Forschungstransfer und zur praktischen Verwertung der Studie von Regina Ahrens fruchtbar: Gerade angesichts regelmäßig aufkommender Debatten um eine „Langfristorientierung“, „Verlässlichkeit“ oder eben „Nachhaltigkeit“ familienpolitischer Maßnahmen kann sie einen Baustein zur begrifflichen, konzeptionellen und inhaltlichen Fundierung dieser Schlagworte liefern. 

Kontakt: sonja.blum@oif.ac.at

Literatur: Ahrens, Regina (2012): Nachhaltigkeit in der deutschen Familienpolitik. Grundlagen – Analysen – Konzeptualisierung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-531-18747-1, www.springer-vs.de

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Juni 2012.