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'frauen leben'

Familienplanung und Migration im Lebenslauf

Tabelle 1, Angaben in %, Beschreibung siehe unten

Tabelle 2, Angaben in %, Beschreibung siehe unten

Von: Cornelia Helfferich

18 % der weiblichen Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Mehr als zwei Fünftel dieser Frauen sind zwischen 20 und 44 Jahre alt and somit in einem Alter, in dem Familienplanung und Familienbildungsprozesse aktuell sind. Da es für diese heterogene Bevölkerungsgruppe bislang wenig nach Herkunftsgruppe differenzierendes Grundlagenwissen im Bereich Familienbildung, Verhütung and Schwangerschaftsabbrüche gibt, gab die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Studie „frauen leben: Familienplanung and Migration im Lebenslauf“ in Auftrag. Die Untersuchung konzentriert sich auf die beiden größten Migrantinnengruppen (siehe Tabelle 1) – Frauen mit türkischem und mit osteuropäischem Migrationshintergrund (hier vor allem: aus den europäischen und asiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion; inkl. Aussiedlerinnen). Die Vergleichsgruppe sind westdeutsche Frauen ohne Migrationshintergrund.

Die osteuropäischen Frauen der ersten Generation sind überwiegend im Familienverbund oder ledig und kinderlos zugewandert (jeweils ca. 40 %). Die türkischen Frauen kamen meistens als verheiratete, aber (noch) kinderlose Frauen nach Deutschland (61 %). Für viele von ihnen fand die Migration in zeitlicher Nähe zur Heirat statt, auf die wiederum bald die Geburt des ersten Kindes folgte. Die besondere Lebenssituation, in der sich Heiratsmigrantinnen nach der Migration befinden, verlangt besondere Anpassungsleistungen und Unterstützung.

Die türkischen Frauen verfügen insgesamt über sehr niedrige (Aus-)Bildungsqualifikationen. Insbesondere die Heiratsmigrantinnen kamen häufig ohne Ausbildungsabschluss und mit geringen Deutschkenntnissen nach Deutschland. In der zweiten Generation fällt die Bildungssituation günstiger aus, aber auch hier sind immer noch 27 % der Frauen ohne Berufsausbildung. Die osteuropäische Gruppe zeigt insgesamt ein hohes (Aus-)Bildungsprofil, allerdings werden die „mitgebrachten“ ausländischen Abschlüsse in Deutschland oft nicht anerkannt.

Die mit dem Bildungshintergrund zusammenhängende Erwerbs- and Einkommenssituation der Migrantinnen ist meist schwierig. In der türkischen Gruppe findet man eine insgesamt geringe Erwerbsbeteiligung, niedrige Berufspositionen and ungünstige Einkommensverhältnisse. In der osteuropäischen Gruppe fällt die Erwerbsbeteiligung etwas höher aus, und die Frauen arbeiten seltener als an- oder ungelernte Kraft. Dennoch ist – wie in der türkischen Gruppe – fast ein Drittel der Frauen auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen.

Jüngere Migrantinnen leben deutlich häufiger in „traditionell-familiengebundenen“ Lebensformen als jüngere westdeutsche Frauen. Während fast zwei Drittel der 20- bis 34-jährigen türkischen and knapp die Hälfte der gleichaltrigen osteuropäischen Frauen bereits verheiratet sind und Kinder haben, trifft dies nur für ein Fünftel der jüngeren westdeutschen Frauen zu. Andere partnerschaftliche Lebensformen als die Ehe kommen bei den jüngeren türkischen Frauen so gut wie überhaupt nicht vor (7 %), bei den osteuropäischen Frauen sind es immerhin 24 %. Ehe and Mutterschaft sind vor allem in der türkischen Gruppe eng aneinander gekoppelt.

Der (Ehe-)Partner gehört meist derselben Herkunftsgruppe an. Türkische Frauen haben ihren aktuellen Partner fast ausschließlich aus der eigenen ethnischen Gruppe gewählt, ein Viertel von ihnen ist mit dem (Ehe-)Partner verwandt. Auch bei den osteuropäischen Frauen überwiegen intraethnische Partnerschaften. Sie verlieren in der zweiten Generation aber deutlich an Bedeutung.

Migrantinnen haben nicht nur häufiger, sondern auch mehr Kinder als westdeutsche Frauen. Die über 34-jährigen türkischen Migrantinnen haben im Durchschnitt 2,4 Kinder, die gleichaltrigen osteuropäischen Befragten 1,8 Kinder (westdeutsche Frauen: 1,5). Lediglich 6 % bzw. 8 % von ihnen sind kinderlos (westdeutsche Frauen: 17 %). Während die insgesamt vorstellbare Kinderzahl in beiden Migrantinnengruppen mit steigender Schulbildung sinkt, können sich westdeutsche Frauen mit hohen Bildungsqualifikationen häufiger drei und mehr Kinder vorstellen als Frauen mit niedriger Bildung.

Die drei Herkunftsgruppen unterscheiden sich deutlich, was die zeitliche Lagerung und das Tempo der Familienbildung angeht. Die türkischen Frauen heirateten früh und bekamen früh ihr erstes Kind. Die Ausbildungsbiografie trat hinter die priorisierte frühe Familiengründung zurück. Nach der rasch folgenden Geburt weiterer Kinder wurde die Familienplanung früh abgeschlossen. Bei den osteuropäischen Frauen fanden die erste Eheschließung und die Geburt des ersten Kindes ebenfalls in einem vergleichsweise jungen Alter statt, dennoch hatten die meisten Frauen zum Zeitpunkt der Familiengründung eine Ausbildung abgeschlossen. Die Familienbildung erstreckte sich infolge längerer Geburtenabstände über einen längeren Zeitraum und wurde in einem höheren Alter beendet als bei den türkischen Frauen. Die westdeutschen Frauen begannen vergleichsweise spät mit der Familienphase. Diese verlief etwas gedrängter, wurde aber insgesamt später abgeschlossen als bei den Migrantinnen (siehe Tabelle 2).

Bildung und Migration „verschieben“ die Familienphase nach hinten. Für alle drei Herkunftsgruppen gilt: Je höher die Bildungsqualifikationen, um so später wurde mit der Familienphase gestartet und um so häufiger wurde vor der Familiengründung eine Ausbildung abgeschlossen. Die spätere Familiengründung in der zweiten Generation türkischer Frauen geht einher mit einem höheren Bildungsniveau. Eigene Migrationserfahrungen haben ebenfalls eine aufschiebende Wirkung.

Türkische Frauen der ersten Generation begannen vergleichsweise spät, häufig erst nach der Familiengründung, mit der Verhütung (66 %). Hintergrund ist, dass in dieser Gruppe Sexualität eng an die Ehe gekoppelt und eine rasche Familienbildung nach der Heirat meist selbstverständlich ist. Verhütung ist häufig erst nötig, wenn die Kinderzahl beschränkt bzw. eine weitere Geburt aufgeschoben werden soll. Im Vergleich dazu begannen die Angehörigen der zweiten Generation wesentlich häufiger zu verhüten, bevor sie ihr erstes Kind bekamen. Die Pille ist in allen drei Herkunftsgruppen das am weitesten verbreitete Verhütungsmittel. Sie wird von den osteuropäischen Frauen jedoch in einem etwas geringeren Umfang genutzt, auch weil es grundlegende Vorbehalte gegenüber der hormonellen Verhütung gibt. Migrantinnen verhüten relativ häufig mit der Spirale, die generell bei höherer Kinderzahl bzw. abgeschlossener Familienplanung an Bedeutung gewinnt. Aufgrund des frühen Einstiegs in die Familienphase trifft dies für die Migrantinnen häufiger zu als für die westdeutschen Frauen.

Schwangerschaftsabbrüche kommen in beiden Migrationsgruppen häufiger vor als bei westdeutschen Frauen. Dies gilt insbesondere für die Angehörigen der ersten Generation. Die wichtigsten Abbruchgründe bei türkischen Frauen waren gesundheitliche Gründe, bei den osteuropäischen und westdeutschen Frauen standen hingegen berufs- und ausbildungsbezogene Argumente an erster Stelle. In allen drei Herkunftsgruppen hatten Frauen mit niedriger Schulbildung häufiger eine Schwangerschaft abgebrochen als Frauen mit höheren Bildungsqualifikationen. Es gibt deutliche Gruppenunterschiede, was die zeitliche Lagerung des ersten Schwangerschaftsabbruches angeht. In der türkischen Gruppe fand der erste Abbruch überwiegend im Verlauf oder am Ende der Familienbildung statt (63 %). Die osteuropäischen und insbesondere die westdeutschen Frauen hatten die erste Schwangerschaft hingegen häufiger vor der Geburt des ersten Kindes abgebrochen (42 % bzw. 65 %).

Der Informations- und Beratungsbedarf der Migrantinnen im Bereich Familie(nplanung) ist hoch. Dies gilt insbesondere für die türkische Gruppe und generell für Frauen mit niedrigen Bildungsqualifikationen. Frauenärzte und -ärztinnen gehören zu den bevorzugten Informationsquellen. Bei Fragen zum Bereich Familienplanung werden sie von der Hälfte der türkischen Frauen eindeutig präferiert. Fast ebenso viele Frauen würden sich aber auch an Familien- und Frauenberatungsstellen wenden. Die osteuropäischen Frauen informieren sich – ähnlich wie die westdeutsche Gruppe – am liebsten über das Internet und über Printmedien. An dritter Stelle stehen aber auch hier Frauenärzte und -ärztinnen. Für alle drei Gruppen gilt: Je höher die Schulbildung, um so häufiger wird das Internet als Informationsquelle genutzt.

Sprachprobleme und eine unzureichende Kultursensibilität können wesentliche Barrieren für die Inanspruchnahme von Informations- und Beratungsangeboten darstellen. Insbesondere den türkischen Frauen ist es wichtig, dass solche Angebote zu familienplanungsbezogenen Themen auch in ihrer Muttersprache angeboten werden und die beratende Person mit ihrer Herkunftskultur und -religion vertraut ist.  

Veröffentlichungen zum Projekt:

Zwischenergebnisse:
Bundeszentrale fur gesundheitliche Aufklärung (Hg.) (2008): frauen leben – Familienplanung and Migration im Lebenslauf. Zwischenergebnisse einer Städtestudie zu Frauen mit türkischem, ost- oder südosteuropäischem Migrationshintergrund, Köln.
Klindworth, H. (2009): Informationsbedarf, Informationsquellen and Beratungserfordernisse bei Frauen mit türkischem and ost- bzw. südosteuropäischem Migrationshintergrund. Ausgewählte Ergebnisse der BZgAStudie Familienplanung and Migration im Lebenslauf“, in: BZgA (Hg.), Migration and Gesundheitsförderung (Gesundheitsförderung konkret, Band 12), Köln.
Helfferich, C., Klindworth, H., Kruse, J., Wunderlich, H. (2008): Migrantinnen in Oberhausen. Familie, berufliche Integration and soziale Lage. 20- bis 44-jährige Frauen mit türkischem and ost- bzw. südosteuropäischem Migrationshintergrund in Oberhausen. Auswertungsbericht der BZgA-Oberhausen-Kooperationsstudie „frauen leben – Familienplanung and Migration im Lebenslauf“, PDF, Onlinedokument unter http://www.oberhausen.de/downloads/Studie_Frauenleben.pdf

Tagungsdokumente:
Helfferich, C., Klindworth, H. (2010): Fertilitätsverhalten von zugewanderten Frauen mit türkischem and osteuropäischem Migrationshintergrund: das Zusammenwirken von Bildung and Migration, Ergebnisse der BZgA-Studie „frauen leben 2“, PDF (369 KB). Onlinedokument unter http://www.demographie-online.de/downl/jt2OlO/Helfferich.pdf

Helfferich, C., Klindworth, H. (2010): Die Soziale Lage von Migrationsfamilien in Westdeutschland — (auch) ein Produkt heterogener Migrationswege. Ergebnisse der BZgA-Städte-Studie „frauen leben: Familienplanung and Migration im Lebenslauf“, PDF (304 KB). Onlinedokument unter http://soffi-f.de/files/u2/Vortrag_Basel_10-06-2010.pdf  
Helfferich, C., Hessling, A., Klindworth, H., Kruse, J. (2010): Cross border migration and family development: the role of education and migration policy in the biographic perspective, PDF (128 KB). Onlinedokument unter http://soffi-f.de/files/u2/Wiesbaden_09-10_Helfferich.pdf

Infos: www.forschung.sexualaufklaerung.de

Zur Studie:
Laufzeit: Dezember 2006 bis Februar 2010

Methode:
a) quantitative Erhebung: 2.513 Frauen, 20 bis 44 Jahre

  • N=842 Frauen mit türkischem, N=832 Frauen mit osteuropäischem Migrationshintergrund, N=839 Frauen ohne Migrationshintergrund
  • Zufallsstichprobe aus den Einwohnermeldeamtsregistern, Telefonbefragung, standardisierter Fragebogen, Einsatz von türkischsprachigen, in Nürnberg und Berlin auch russischsprachigen Interviewerinnen

b) qualitative Erhebung: 45 Einzelinterviews, 18 Gruppendiskussionen mit Frauen v. a. mit türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund, 10 Interviews mit Expertinnen und Experten

Projektleitung
Prof. Dr. Cornelia Helfferich, Sozialwissenschaftliches FrauenForschungslnstitut (SoFFI F.), Evangelische Fachhochschule Freiburg
E-Mail: helfferich@t-online.de

Prof. Dr. Wolfgang Essbach, Universität Freiburg, Institut für Soziologie

Tabelle 1:
Angaben in Prozent, Befragte, die selbst zugewandert sind; in den Klammern sind die entsprechenden Werte für die Angehörigen der ersten Generation, also für diejenigen, die mit mindestens 12 Jahren nach Deutschland gekommen sind, angegeben: bezogen auf 1. oder 2. Staatsangehörigkeit
Quelle: BZgA, Datensatz “frauen leben II” 2009, 20- bis 44-jährige Frauen mit und ohne Migrationshintergrund

Tabelle 2:
Angaben in Prozent, Höchster Berufsabschluss, unabhängig davon, ob er im Herkunftsland oder in Deutschland erworben wurde
Datenbasis: BZgA, Datensatz “frauen leben II” 2009, 20- bis 44-jährige Frauen mit und ohne Migrationshintergrund.

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Jänner-Februar 2011.