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Kindersegen

6 Thesen zu Religion und Geburtenverhalten

Von: Caroline Berghammer

Die folgenden Thesen haben den Zusammenhang von Religiosität und Kinderzahl zum Inhalt. Sie werden durch Ergebnisse aktueller Studien sowie eigene Berechnungen illustriert und belegt.

1. Religiosität hat in nahezu allen europäischen Ländern einen deutlichen Einfluss auf die Kinderzahl

Die höhere Kinderzahl von religiösen Personen im Vergleich zu nicht-religiösen ist für viele europäische Länder gut dokumentiert. Dieser Zusammenhang ist unabhängig vom Grad der Säkularisierung, der Ausrichtung wohlfahrtsstaatlicher Politiken oder dem ökonomischen Niveau eines Landes festzustellen und zeigt sich für verschiedene Arten der Messung von Religiosität. Ein Einfluss bleibt auch bestehen, wenn individuelle soziodemographische und sozialstrukturelle Merkmale kontrolliert werden (Philipov und Berghammer 2007; Frejka und Westoff 2008). Religiosität zeigt demnach einen eigenständigen Effekt, der nicht dadurch aufgehoben wird, dass religiöse Personen beispielsweise eine geringere Bildung oder ein höheres Alter aufweisen.  

 

Abbildung 1: Durchschnittliche Kinderzahl nach Religiosität, Frauen im Alter von 40 bis 65 Jahren, 22 europäische Länder

Datenquelle: European Social Survey 2006/07
Anmerkungen: Orange Schattierungen kennzeichnen eine geringere mittlere Kinderzahl von religiösen Frauen. Religiosität: religiöse Selbsteinschätzung auf einer 11-stufigen Skala (nicht religiös: 1-4, religiös: 8-11) 

 
Welches Ausmaß hat dieser Effekt? Die Kinderzahl religiöser Frauen liegt in 22 europäischen Ländern im Mittel um 0,2 höher als die nicht-religiöser Frauen (Abbildung 1). Berücksichtigt werden dabei Frauen, die ihre fertile Phase weitgehend abgeschlossen haben. Die Ergebnisse für Männer sind vergleichbar.

In Übereinstimmung damit entscheiden sich religiöse Frauen und Männer – bis auf zwei Länder – weitaus häufiger für drei oder mehr Kinder und überschreiten damit die zumeist prävalente Zwei-Kind-Norm. Demgegenüber sind die Resultate bezüglich Kinderlosigkeit überraschend: In immerhin 40% der Länder bleiben religiöse Frauen häufiger kinderlos als ihre nicht-religiöse Vergleichsgruppe (Männer: 50% der Länder).

Religiöse Personen bekommen aber nicht nur mehr Kinder. Gefragt nach ihrer idealen Familiengröße und ihren Kinderwünschen, nennen sie ebenfalls höhere Zahlen (Adsera 2006; Philipov und Berghammer 2007). Das bedeutet: Ihre höhere Fertilität ist nicht etwa ungeplant, beispielsweise bedingt durch unzuverlässigere Verhütungsmethoden, sondern entspricht ihren Lebensplänen.

2. Die Stärke des Effekts auf die Kinderzahl hängt von der Art der Messung von Religiosität ab

Religiosität wird zumeist als multidimensional verstanden, bestehend aus dem Glauben, der Praxis und dem Wissen. Je nachdem, wie Religiosität gemessen wird, wirkt sich ihr Einfluss auf die Kinderzahl unterschiedlich stark aus.

Abbildung 2:  Durchschnittliche Kinderzahl nach verschiedenen religiösen Indikatoren, Frauen im Alter von 40 bis 45 Jahren, Österreich

Datenquelle: Österreichischer Generations and Gender Survey 2008/09
Anmerkungen: Kein Kirchgang: Kirchgang maximal einige Male pro Jahr. Kirchgang: monatlich oder wöchentlich. Kein religiöses Elternhaus: Religion und Kirche (überhaupt) nicht wichtig. Religiöses Elternhaus: Religion und Kirche (sehr) wichtig. Religiosität: siehe Abbildung 1

Abbildung 2 stellt die mittlere Kinderzahl für verschiedene religiöse Indikatoren sowie Kombinationen derselben dar. Während Katholikinnen im Durchschnitt 1,8 Kinder haben, liegt der Wert für Frauen ohne Bekenntnis mit 1,2 deutlich darunter. Innerhalb der Gruppe der Katholikinnen kommen Frauen, die mindestens einmal monatlich den Gottesdienst besuchen, auf 2,0 Kinder, seltenere Kirchgängerinnen auf 1,6. Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche wirkt sich demnach, sogar bei geringer Messbesuchsfrequenz, auf das Reproduktionsverhalten aus.

Je häufiger der Kirchgang, desto höher ist auch die durchschnittliche Kinderzahl. Sie variiert zwischen 1,5 für Frauen, die nie einen Gottesdienst besuchen, und 2,1 für wöchentliche Kirchgängerinnen. Diese erreichen damit das sogenannte Bestandserhaltungsniveau, d.h. die für eine konstante Bevölkerungsgröße notwendige Anzahl.

Frauen mit religiösem Familienhintergrund, die jedoch selbst kirchenfern sind, differieren in ihrem Geburtenverhalten nicht von ihrer Vergleichsgruppe, die nicht in einer religiösen Familie aufgewachsen ist. Ein in modernen Gesellschaften verbreiteter religiöser Typus lässt sich folgendermaßen charakterisieren: Messbesuch maximal einige Male pro Jahr, doch Selbstbezeichnung als religiös. Unterscheidet sich dieser Typus im Geburtenverhalten von deklariert nicht-religiösen Personen einerseits und Kirchgängerinnen andererseits? In der Tat liegt die mittlere Kinderzahl dieser nicht kirchlich gebundenen religiösen Frauen zwischen jenen der beiden anderen Gruppen.

3. Die höhere Kinderzahl religiöser Personen ist auf die religiöse Lehre, kirchliche Netzwerke und die unterschiedliche Bewältigung von Unsicherheit zurückzuführen

Die Gründe, aus denen religiöse Personen mehr Kinder haben, wurden bisher nur unzureichend empirisch untersucht. Üblicherweise werden aber drei Argumente angeführt.

Religionen vertreten häufig pronatalistische Anschauungen. Die katholische Kirche misst Kindern einen hohen Wert zu und versteht diese als normalen Bestandteil einer Ehe. Sie betont den Wert der Familie und der Mutterrolle für die Frau. Dies wird durch spezifische Handlungsanweisungen, wie etwa das Verbot von künstlicher Verhütung oder Abtreibung, ergänzt. Die katholische Ablehnung von Scheidung erhöht die Beziehungssicherheit und könnte damit die Motivation, Kinder zu bekommen, verstärken. Auch wenn Gläubige nicht sämtliche Anschauungen umsetzen, werden sie doch mit der allgemeinen Lehre übereinstimmen.

Zum Zweiten können Gläubige auf die Unterstützung ihres kirchlichen Netzwerks zählen, etwa bei der Kinderbetreuung. Zusätzlich wirken andere kinderreiche Familien als Vorbilder und können Vorstellungen über die ideale Kinderzahl beeinflussen und einen Nachahmungseffekt hervorrufen. Religiöse Lehren bleiben in Kirchengemeinden eher plausibel, da sie in der Kommunikation mit anderen Mitgliedern und pastoralen Unterweisungen bestätigt werden. Bei der Abweichung von Normen können außerdem Sanktionen wirksam werden.

Drittens: Eine der Funktionen von Religion besteht in der Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen. Auch die Geburt eines Kindes ist ein tiefer Lebenseinschnitt, der potenziell mit Unsicherheit verbunden ist. Sich dieser Aufgabe zu stellen, könnte religiösen Personen leichter fallen, da sie durch ihren Glauben und kirchliche Riten, wie die Taufe, Beistand und Beruhigung erfahren.

4. Musliminnen und Jüdinnen haben eine höhere
Kinderzahl als Christinnen


In Österreich liegt die mittlere Kinderzahl von Musliminnen und Jüdinnen mit 2,7 bzw. 2,2 über jener von Christinnen. Katholische und orthodoxe Frauen kommen auf 1,8, evangelische auf 1,7 (Zahlen beziehen sich auf die Volkszählung 2001, Alter 40 bis 44). Besonders die Fertilität von Musliminnen ist immer wieder Gegenstand öffentlicher Debatten. Ihre mittlere Kinderzahl ist im Zeitraum von 1981 bis 2001 anteilsmäßig stärker gefallen, nämlich um 24%, als die der Gesamtbevölkerung (Goujon et al. 2007). Sie hängt desweiteren stark vom Herkunftsland ab: Während etwa Frauen aus der Türkei im Alter von 40 bis 65 im Durchschnitt 3,5 Kinder geboren haben, erreichen Frauen aus dem früheren Jugoslawien 2,6 und Musliminnen aus dem Iran liegen mit 1,9 Kindern sogar knapp unter den Katholikinnen mit 2,1 in dieser Altersgruppe (IPUMS 2008). Diese Fertilitätsdifferenzen lassen sich neben religiös-kultureller Prägung wohl zu einem wesentlichen Teil auf Unterschiede in der sozialstrukturellen Position – besonders auf das Bildungsniveau und Erwerbsverhalten – zurückführen.
 
5. Religiöse Fertilitätsunterschiede beeinflussen
die Größe religiöser Bevölkerungsanteile

Die Analyse von religionsspezifischer Fertilität erlaubt nicht nur umfassendere Einsichten in die Determinanten des Geburtenverhaltens, sondern kann darüber hinaus Aufschlüsse über die zukünftige religiöse Struktur von Gesellschaften geben. Die zahlenmäßige Entwicklung von religiösen Gruppen innerhalb eines Landes hängt von der Fertilität der Mitglieder (unter der Annahme, dass die Religion der Eltern die des Nachwuchses beeinflusst), von Migration, Konversion oder Austritt und Mortalitätsdifferenzen ab.

Zwei Studien aus den USA demonstrieren, wie religiöse Fertilitätsunterschiede auf die Zusammensetzung von Bevölkerungen wirken können. Während der liberale protestantische Flügel des Landes zwischen den 1950er und den 1990er Jahren einen Rückgang von 60% auf 40% erfahren hat, ist der konservative von 40% auf 60% gewachsen. Dieser Aufschwung lässt sich zu drei Viertel auf höhere Kinderzahlen und ein jüngeres Alter bei den Geburten zurückführen. Konversion und Austritt haben demgegenüber nur einen geringen Einfluss (Hout et al. 2001). Prognosen zufolge werden in den USA die Katholiken bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts die Protestanten zahlenmäßig übertreffen. Dies lässt sich auf die höhere Fertilität, jüngere Altersstruktur und Migration von lateinamerikanisch-stämmigen Katholiken zurückführen (Skirbekk et al. 2010).

Für Österreich konnten Religionsprognosen nachweisen, dass religionsspezifische Fertilität nur geringe Auswirkungen auf die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung in der Zukunft hat (Goujon et al. 2007). Die katholische Kirche verliert ihre Mitglieder hauptsächlich durch den Prozess der Säkularisierung. In einem mittleren Szenario wird ihr Bevölkerungsanteil von 74% (2001) auf knapp unter 50% sinken (2051). Nur bei den Muslimen ist neben der Migration auch die höhere Fertilität für ein Anwachsen dieser Gruppe von 4% (2001) auf rund 15% (2051) ausschlaggebend. Diese Berechnungen lassen allerdings keine Aussagen über den tatsächlichen Grad der Religiosität der Mitglieder zu.

6. Religiöse Länder haben geringe Geburtenraten

Diese These scheint auf den ersten Blick den bisherigen zu widersprechen. Diese bezogen sich jedoch auf Unterschiede zwischen Individuen (Mikroebene) innerhalb von Ländern, während hier Unterschiede zwischen Ländern (Makroebene) betrachtet werden. Abbildung 3 veranschaulicht, dass religiöse Länder niedrigere Fertilitätsraten aufweisen. In diesem Fall ist ein moderater negativer Zusammenhang zwischen der Religiosität eines Landes und der Gesamtfertilitätsrate festzustellen. Österreich zählt zu den überdurchschnittlich religiösen Ländern gepaart mit einer niedrigen Fertilität. Den Gegenpol dazu bilden Frankreich, die nordischen Staaten und Großbritannien, die durch geringe Religiosität, jedoch hohe Kinderzahlen charakterisiert sind.

 

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesamtfertilitätsrate
Datenquellen:
Religiosität: European Social Survey 2006/07 (siehe Abbildung 1)
Gesamtfertilitätsraten 2006: European Demographic Data Sheet 2008

Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Formel „religiöser werden für höhere Geburtenraten“ nicht funktioniert. Die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit sowie die Übernahme von Verantwortung durch Väter wurden in der Forschung als Schlüsselfaktoren für hohe Fertilitätsraten identifiziert. Länder mit größeren religiösen Bevölkerungsanteilen, besonders mit katholischer Tradition, vertreten tendenziell Familienpolitiken, die sich an traditionellen Geschlechterrollen orientieren und damit die Frau als die für die Kinderbetreuung hauptsächlich Zuständige verstehen. In Übereinstimmung mit dem katholischen Subsidiaritätsprinzip bestehen Vorbehalte, Erziehungsaufgaben Institutionen zu überantworten. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade die früh säkularisierten protestantischen Länder des Nordens Politiken entwickelt haben, die vom Individuum anstatt der Familie ausgehen und Frauen umfassend in das Erwerbssystem einbeziehen. Heute  verbinden sie die partnerschaftliche Teilung der Verantwortung für die Kindererziehung und hohe Raten außerhäuslicher Betreuung mit hohen Kinderzahlen.

Literatur:
Adsera, A. (2006). Religion and changes in family-size norms in developed countries. Review of Religious Research, 47(3), S. 271-286.

Frejka, T. und Ch. Westoff (2008). Religion, religiousness and fertility in the US and in Europe. European Journal of Population, 24(1), S. 5-31.

Goujon, A., V. Skirbekk, K. Fliegenschnee und P. Strzelecki (2007). New times, old beliefs: Projecting the future size of religions in Austria. Vienna Yearbook of Population Research, Volume 5, S. 237-270.

Hout, M., A. Greeley und M.  J. Wilde (2001). The demographic imperative in religious change in the United States. American Journal of Sociology 107(2), S. 468-500.

IPUMS Minnesota Population Center (2008). Integrated Public Use Microdata Series – International: Version 4.0. Minneapolis: University of Minnesota.

Philipov, D. und C. Berghammer (2007). Religion and fertility ideals, intentions and behaviour: A comparative study of European countries. Vienna Yearbook of Population Research, Volume  5, S. 271-305.

Skirbekk, V., E. Kaufmann und A. Goujon (2010). Secularism, fundamentalism or Catholicism? The religious composition of the United States to 2043. Journal for the Scientific Study of Religion 49(2), S. 293-310.

Autorin: Caroline Berghammer, Institut für Soziologie, Universität Wien, und Institut für Demographie, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Kontakt: caroline.berghammer@univie.ac.at

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Mai 2011.