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Wenn Betroffene sprechen

Eindrücke aus Gruppengesprächen zur Situation und öffentlichen Diskussion über sexuellen Missbrauch

Von: Peter Mosser und Elisabeth Helming

 

In der öffentlichen Diskussion über sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen in Institutionen müssen auch die Stimmen der Betroffenen hörbar werden – nicht über sie sollte verhandelt werden, nur mit ihnen kann eine Aufarbeitung gelingen.

Aus diesem Grund wurde im Projekt »Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen« am Deutschen Jugendinstitut (DJI) auch ihre Perspektive einbezogen. In vier Gruppendiskussione sprachen Betroffene über das erfahrene Leid und über ihren Umgang mit den Auswirkungen sowie darüber, wie sie sich selbst in sozialen Kontexten wahrnehmen und welcher Unterstützung es ihrer Meinung nach bedarf. Allerdings gilt es darauf zu achten, Betroffenheit von sexueller Gewalt nicht als soziale Festlegung zu betrachten, die den Anschein von Homogenität erzeugt. »Die Betroffenen«, mit denen im Rahmen des DJI-Projekts gesprochen wurde, sind daher nicht als typische Repräsentanten oder Sprecher der Gesamtheit jener Menschen (im deutschen Bundesgebiet) zu verstehen, die sexuelle Gewalt erleben mussten. Es gibt zwar Bemühungen, ihrer Perspektive durch verschiedene Formen der Organisation und Vernetzung im öffentlichen Diskurs Gehör zu verschaffen, etwa durch die Bundesinitiative der Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Kindesalter (siehe die Link-Hinweise). Doch unter den Betroffenen existieren vielfältige und differente Wahrnehmungen, Umgangsweisen und Artikulationsformen, die nicht ohne weiteres in eine kohärente „Außendarstellung“ überführbar sind. Dennoch kristallisierten sich in den Interviews exemplarische Aspekte heraus. Einige sollen nachfolgend angesprochen werden.

Der Prozess der öffentlichen Diskussion
Die zahlreichen Aufdeckungen sexueller Misshandlungen vor allem in kirchlichen und (reform)pädagogischen Einrichtungen haben Anfang des Jahres 2010 ein erstaunliches Echo in der bundesdeutschen Medienlandschaft ausgelöst. Frühere Versuche, institutionalisierte sexuelle Gewalt öffentlich zu machen, fanden in den Medien hingegen keine nennenswerte Resonanz (etwa Dehmers 2011). Für Menschen, die – vor allem in institutionellen Kontexten – von sexueller Gewalt betroffen waren, bedeutete dies zunächst zweierlei: einerseits eine – durchaus auch als belastend empfundene – Konfrontation mit vergangenen Gewalterlebnissen und andererseits eine Erleichterung darüber, dass nach Jahren (und Jahrzehnten) der Geheimhaltung in einer breiten Öffentlichkeit über sexuelle Gewalt gesprochen wurde.

Der öffentliche Diskurs stellt ein wichtiges Element im Prozess der persönlichen Bewältigung dar, weil er sich – stellvertretend für den individuell erlebten Zwang zur Geheimhaltung – über das Schweigegebot der Täter hinwegsetzt. Dies geschieht sowohl auf eine konkrete Weise, indem Täter und Täterinnen als solche benannt werden, als auch symbolisch, indem ein deutliches Signal gesetzt wird, dass über sexuelle Gewalt gesprochen werden kann. Doch sehen Betroffene auch Risiken in der medialen Thematisierung sexuellen Missbrauchs. Vor allem bei emotionalisierten (voyeuristischen) Darstellungen von Einzelschicksalen wird befürchtet, dass sie zu einer Reduzierung und Verzerrung der Problematik im öffentlichen Bewusstsein beitragen. Die Betroffenen appellieren an die Verantwortung der Medien, sexuellen Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Problem sichtbar zu machen.

Die Herstellung von Öffentlichkeit ist aber nicht nur ein medial vermittelter Prozess. Sie stellt für Betroffene eine ganz konkrete Lebenspraxis dar – und zwar in Form sich immer wieder aufdrängender Entscheidungen darüber, ob man sich als Betroffene und Betroffener „outen“ soll oder eben nicht. Die mit solchen Entscheidungen verbundenen Konsequenzen werden von den Interview-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern eindrucksvoll geschildert. Tatsächliche und angenommene Reaktionen der sozialen Umwelt modulieren dabei die Bereitschaft, sich zu öffnen. In diesen Reaktionen, die von Mitleidsbekundungen bis hin zu Schuldzuweisungen, übereilten Lösungsvorschlägen und Vermeidungen reichen, spiegelt sich eine gesellschaftliche Unsicherheit im Umgang mit sexueller Gewalt und mit betroffenen Menschen wider. Nicht zuletzt die Einberufung des Runden Tisches „Kindesmissbrauch“ (siehe www.rundertisch-kindesmissbrauch.de) hat die Frage aufgeworfen, inwieweit die Behandlung dieses Themas auf der Ebene „ausgewiesener Expertinnen und Experten“ auch des expliziten Einbezugs der Perspektive Betroffener bedarf. Die „Entwicklungsgeschichte“ des Runden Tisches hat gezeigt, dass es bei etablierten Formen des (medizinischen, juristischen, psychosozialen) Expertentums schwierig ist, Wissen und Erfahrungen Betroffener in die notwendigen Meinungsfindungs- und Erkenntnisprozesse mit einzubeziehen, auch wenn dies schließlich – zunächst sehr zögerlich – in einem gewissen Ausmaß realisiert wurde. Betroffene haben unter anderem durch den Kongress „Aus unserer Sicht“ deutlich gemacht, dass ihre Beiträge zur fachlichen Auseinandersetzung um das Thema sexuelle Gewalt unverzichtbar sind (siehe Link-Hinweise). Es stellt eine Form der Anerkennung dar, diese Beiträge angemessen zu berücksichtigen. Die Teilhabe von Betroffenen an (fach)politischen Prozessen ist mithin sowohl aus fachlichen als auch aus ethischen Gründen geboten.

Zugang zu therapeutischen Hilfen
Als zentrales Thema wurde in den Gesprächen immer wieder der (schwierige) Zugang zu wirksamen (therapeutischen) Hilfen benannt. Verschiedene Formen der Selbsthilfe (zum Beispiel Tauwetter e.V., Wildwasser e.V.) leisten einen enorm wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Folgen sexueller Gewalt: „Und wenn es diese Selbsthilfegruppe nicht gäbe, wäre ich nicht am Leben. Es kann einen keiner so auffangen oder so gut verstehen, und es ist tatsächlich so, dass man eine eigene Sprache hat (…)“ (Originalzitat – dieses sowie alle folgenden wörtlichen Zitate sind den Interviews mit Betroffenen entnommen). Dabei geht es auch darum, dass Hilfesuchende eine Orientierung dahingehend erhalten, was eine gelingende Therapie ausmacht, und wo sie diese erhalten können. Betroffene fühlen sich innerhalb institutionalisierter Hilfesysteme oft unzureichend informiert – sowohl in Bezug auf verschiedene Therapieformen als auch hinsichtlich entsprechender Finanzierungsmöglichkeiten. Dazu kommen Schwierigkeiten, in der unübersichtlichen Therapieszene eine Therapeutin, einen Therapeuten oder eine Reha-Klinik zu finden, die fachlich qualifiziert sind im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Als zentrale Kriterien für die Inanspruchnahme therapeutischer Hilfen werden Freiwilligkeit und Selbstbestimmung im therapeutischen Verhältnis genannt. Möglichkeiten zum Therapeutenwechsel und zur Nutzung von Probestunden spielen hier eine wichtige Rolle. Zudem besteht den Gesprächen zufolge eine bedarfsgerechte Unterstützung in einer guten Vernetzung zwischen therapeutischen und sozialarbeiterischen Angeboten. In vielen Regionen stehen aber die notwendigen qualitativ hochwertigen Hilfen gar nicht – oder nur nach langen Wartezeiten – zur Verfügung.

Rehabilitation und materielle Unterstützung
Insbesondere Frauen und Männer, die in Heimen sexuelle Gewalt erfahren haben, zeigen eine gesteigerte Sensibilität gegenüber repressiven Atmosphären und Strukturen. Viele Betroffene fühlen sich beim Versuch, Entschädigungsleistungen (zum Beispiel im Rahmen des Opferentschädigungsgesetzes) oder Rehabilitationsansprüche geltend zu machen, einer behördlichen Willkür ausgesetzt, die Gefühle von Abwertung, Hilflosigkeit und Ausgesetztsein erneut zu mobilisieren vermag. „So viele von Ihrer Sorte haben wir ja noch nicht“, sagte eine Sachbearbeiterin eines Versorgungsamts im Gespräch mit einer Betroffenen. Auch Glaubwürdigkeitsbegutachtungen können dazu beitragen, dass die Verletzung der von sexueller Gewalt Betroffenen möglicherweise erneut vertieft wird: „Aber du Opfer musst deine Glaubwürdigkeit beweisen. Und das ist jetzt das größte Verbrechen, was geschieht bei der ganzen Sache: Ich als Opfer muss beweisen, dass ich Opfer bin“. Die Praxis des Begutachtet- und Bewertet-Werdens setzt die Angst frei, wieder einmal mächtigeren Instanzen ausgeliefert zu sein und nicht ernst genommen zu werden. Aus diesen Gründen werden von den Betroffenen immer wieder Anlauf- und Beratungsstellen gefordert, die dabei unterstützen, Ansprüche durchzusetzen und geeignete Hilfen zu finden.

Von der Ausgrenzung zur gesellschaftlichen Anerkennung erfahrenen Leids
Die Berichte von Betroffenen machen deutlich, dass sich die Folgen sexuellen Missbrauchs auch in Form gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozesse manifestieren. Das bedeutet, dass sie sich dem Risiko ausgesetzt sehen, aus der Gesellschaft herausgedrängt und sozial marginalisiert zu werden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn sich Belastungen durch Traumatisierungen in Schulversagen und entsprechend eingeschränkten Berufsperspektiven niederschlagen und keine Berücksichtigung finden in spezifischer schulischer Förderung, sei sie fachlicher oder finanzieller Art. „Und ich leide heute, ich konnte durch Therapien einiges für mich einordnen, ich spreche noch nicht mal von Aufarbeitung, ich kann einiges heute aus Sicht eines Erwachsenen anders einordnen, sage ich mal so. Und was mir aber wirklich, ja, was mir immer wieder auch weh tut, das ist das, dass man mir die Schulbildung vorenthalten hat. Ich werde nie erfahren, was hätte ich für Möglichkeiten gehabt, wenn man mich hätte zur Schule gehen lassen oder so. Und das kann man mir mit Geld auch nicht bezahlen. Das tut weh“. Notwendig ist eine nachhaltige und ernsthafte gesellschaftliche Anerkennung des Leids der Betroffenen. Diese ist unter anderem realisierbar in verbesserten Zugängen zu Therapien, in der Unterstützung von Selbsthilfeorganisationen und in verstärkten Anstrengungen der Prävention, insbesondere auch im Bereich von Institutionen. Diesbezügliche Bemühungen erfordern das aktive Miteinbeziehen von Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten. Eine Diskussionsteilnehmerin prägte den plakativen Begriff von den „kompetenten Hochleistungsüberlebenden“, um auf die Unverzichtbarkeit fachlicher Beiträge Betroffener in der Diskussion über sexuelle Gewalt in Institutionen hinzuweisen.  

Quelle: DJI Impulse 3/2011. Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts. www. dji.de/impulse

Literatur:
Dehmers, Jürgen (2011): Die Täter reiben sich die Hände. Im Internet verfügbar unter: www.fr-online.de/panorama/-die-taeterreiben-sich-die-haende-/-/1472782/7742072/-/index.html (Zugriff:15.04.2011)
Helming, Elisabeth/Kindler, Heinz/Langmeyer, Alexandra/Mayer, Marina/Entleitner, Christine/Mosser, Peter/Wolff, Mechtild (2011): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen. Rohdatenbericht. Deutsches Jugendinstitut: München.

Link-Hinweise in Deutschland:
www.rundertisch-kindesmissbrauch.de
www.aus-unserer-sicht-kongress.de
http://die-bundesinitiative.de/
www.tauwetter.de
www.wildwasser.de

Link-Hinweise in Österreich:
www.kija.at
www.die-moewe.at/index.php?id=kinderschutzzentren
Informationen vom BMWFJ zum Kinderschutz in Österreich: www.bmwfj.gv.at/Familie/Gewalt/Documents/KSO-Hilfseinrichtungen.pdf
www.familienberatung.gv.at/
www.kinderrechte.gv.at/home/service/kinderschutzeinrichtungen/content.html

Die Autorin, der Autor:
Elisabeth Helming arbeitet seit 1991 am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Sie koordiniert das Projekt »Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen«. E-Mail: helming@dji.de
Dr. Peter Mosser arbeitet als Psychologe in der Beratungsstelle kibs in München und ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Projekt »Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen« am DJI beteiligt. E-Mail: p.mosser@kibs.de

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe Oktober 2011.