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Der Geschlechterskandal

Der Soziologe Walter Hollstein über die gleichstellungspolitische Gerechtigkeitslücke zwischen Frauen und Männern in der Schweiz


Die Alarmglocken schrillen: Seit drei Jahren tötet in der Schweiz im Durchschnitt alle drei Wochen ein Mann seine Lebensgefährtin oder seine ganze Familie und anschließend sich selbst. Seit ebenfalls drei Jahren mehren sich in dramatischem Ausmaß Vergewaltigungen und Vergewaltigungsversuche von minderjährigen Buben an kleinen Mädchen. Solche schrecklichen Ereignisse bewegen jeweils die Öffentlichkeit für ein paar Tage; dann geraten sie wieder in Vergessenheit. Die zunehmende Häufigkeit der Taten hat bisher in der Schweiz weder zu einer politischen Reflexion noch zu konkreten Maßnahmen geführt. Sehenden Auges wird der nächste Mord, die nächste Vergewaltigung erwartet.   Verschlechterte Lebensbedingungen Dabei sind die genannten Monstrositäten nur die Spitze des Eisbergs. Seit mindestens zwei Jahrzehnten verschlechtern sich die Lebensbedingungen von Männern und Buben signifikant. (…) In Erziehung, Bildung und Gesundheit beispielsweise werden Jungen und Männer eindeutig benachteiligt; inzwischen verlieren auch mehr Männer ihren Arbeitsplatz als Frauen. Wurde einst die höhere Arbeitslosigkeit von Frauen als gesamtgesellschaftliches Skandalon bezeichnet, wird nun die höhere Arbeitslosigkeit von Männern als Selbstverständlichkeit genommen; sie ist jedenfalls für die Geschlechterpolitik in der Schweiz kein Thema. (…) Realitäten und Clichés Eine feministische Kritik an der prinzipiellen Unterprivilegierung der Frauen und der Überprivilegierung der Männer stimmt so nicht mehr. (…) Richtig ist, von einer männlichen Hegemonie im Sinne einer partiellen Vorherrschaft von Männern zu sprechen. Männer besetzen noch immer die meisten Machtpositionen in Wirtschaft, Politik, Kultur, Verwaltung, Kirche und Freizeitindustrie. Obwohl die weibliche Erwerbsquote nach wie vor steigt, liegt sie noch immer unter der der Männer. Auch das weibliche Arbeitsvolumen ist geringer als das männliche. Dementsprechend niedriger fällt gesamtgesellschaftlich das weibliche Einkommen im Vergleich zum männlichen aus. Ein entscheidender Grund dafür ist die ungelöste Problematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Schweiz gilt es noch immer als Aufgabe der Frauen, die unterschiedlichen Lebenswelten von Familie und Erwerbstätigkeit zusammenzubringen. Dass Männer als Väter hier ebenso sehr gefordert wären, kommt nicht in den Blick. Damit sind Frauen doppelt belastet, was ihre berufliche Energie bindet und ihre Aufstiegschancen reduziert. Umgekehrt fördert dieses traditionelle Arrangement nach wie vor die Erwerbskarriere von Männern, die sich auf den emotionalen und reproduktiven Rückhalt ihrer Frauen und Familien verlassen können. Hier wäre endlich ein Perspektivenwechsel gefordert, der die Männer in die Vereinbarkeitsfrage ebenso sehr einbezieht wie die Frauen, und zum zweiten wäre die Familienpolitik aufgerufen, die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter einmal grundsätzlich zu überdenken. Die Probleme von Frauen und Mädchen zu diskutieren, ist seit der Frauenbewegung "Mainstream", die Probleme von Buben und Männern bleiben im gesellschaftlichen Diskurs der Schweiz peripher. (…) So berechtigt die Kritik an männlicher Usurpation von Macht und Status selbstverständlich ist, so verzerrt ist sie auch, wenn nicht zwischen Männern, männlichen Milieus und männlicher Schichtzugehörigkeit differenziert wird. (…) Männlichkeit als soziales Problem Armut, Krankheit, Süchte, Gewalttätigkeit, Vandalismus, sozialer Abstieg und gesellschaftliche Perspektivlosigkeit nehmen bei Buben und Männern dramatisch zu. (…) Trotz dieser drastischen Augenscheinlichkeit werden diese geschlechtsspezifischen Tatbestände bisher praktisch nicht zur Kenntnis genommen. Dementsprechend ignoriert man auch die Notwendigkeit von Prävention. Dabei belasten die genannten Delikte zunehmend die öffentlichen Haushalte. Pionierstudien aus Holland und der Schweiz beziffern allein häusliche Gewalt auf Jahresausgaben von einigen Hundert Millionen der jeweiligen Landeswährung. Bezieht man die anderen Deliktformen ein und versteht man Männergewalt als Fremd- und Selbstschädigung wird man einen Milliardenbetrag in Rechnung stellen müssen; denn die meisten der bezeichneten kriminellen Handlungen bedingen die Leistungen vielfältiger sozialer Dienste wie Polizei, Gerichte, Verwaltungen, Spitäler, Sozialarbeit und Therapie. Im Gegensatz zu einer stark veränderten Sozialisation für Mädchen ist die Sozialisation von Buben weithin traditionell geblieben. Frühzeitig wird der Junge in ein gesellschaftliches Korsett von Männlichkeit gepresst. (…) Identitätsstiftende und tragende Qualitäten wie Introspektion, Empathie und Soziabilität werden in der männlichen Sozialisation nach wie vor vernachlässigt. Umgekehrt erleben Jungen die Erziehungseinrichtungen mit all den Lehrerinnen, Erzieherinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen als Fortsetzung der häuslichen Mutter-Dominanz. In Kindergärten, Horten, Ganztagseinrichtungen, Schulen und Beratungsinstanzen stoßen sie ständig an weibliche Verhaltensmuster und Grenzsetzungen. In ihrer Motorik und Renitenz drücken sie dann häufig ihren Widerstand gegen die Erziehungseinrichtungen als weibliche Bastionen aus. Dieser Widerstand wurde insonderheit auf feministischer Seite nie verstanden und fälschlicherweise als männliches Dominanzverhalten ausgelegt. Gleichstellungspolitik als Frauenförderung Niemand wird den vielfältigen frauenpolitischen Initiativen oder der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen vorwerfen wollen, dass sie sich nicht um die Belange von Buben und Männern kümmern. Allerdings muss kritisiert werden, dass die Politik in der Schweiz hartnäckig die Bedürfnisse von Buben und Männern ignoriert. Das verletzt im tiefsten ebenso die Prinzipien demokratischer Gleichbehandlung wie das die Praxis schweizerischer Gleichstellung tut. Gleichstellungsarbeit und sogar das neue Instrument des "gender mainstreaming" werden als Frauenpolitik verstanden und dementsprechend einseitig umgesetzt. Aktionen, Beratung, Förderprogramme und Publikationen sind exklusiv auf Frauen und Mädchen ausgerichtet. In vielen Dokumenten wird daraus auch kein Hehl gemacht; so postuliert das "Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann", dass es sich auch international "für die Rechte der Frauen" einsetzt. Wird solche Einseitigkeit kritisiert, verweisen die Leiterinnen der Gleichstellungsbüros (allesamt Frauen) auf ihre wenigen Väterbroschüren und -programme. Auch das ist eine eingeschränkte Frauenwahrnehmung. Männer sind zunächst einmal Männer und dann - möglicherweise - irgendwann auch Väter. Sie wollen nicht nur ihre Bedürfnisse als Väter - und das dann nicht einzig in einer Entlastungsperspektive für Frauen - wahrgenommen und verfolgt haben, sondern auch ihre Bedürfnisse als Männer. Selbiges fällt aber gänzlich aus der Arbeit der Gleichstellungsbüros. Das ist letztendlich eine sexistische Sichtweise. Die ungestellte Männerfrage erweist sich mehr und mehr als Bremsklotz der gesellschaftlichen und geschlechterpolitischen Entwicklung. Wenn sich auf Männerseite zu wenig bewegt, können sich auch die Frauen nicht wirklich emanzipieren. Auch diese Verbindung von Frauenfrage und Männerfrage ist bis anhin zu wenig reflektiert worden. Männern müsste auch staatspolitisch der Gewinn einer veränderten Lebenseinstellung zu sich selber, zu Arbeit und Familie konstruktiv verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang merkt die amerikanische Feministin Susan Faludi an, dass man den Männern Wege weisen muss, die sie beschreiten können, so wie der Staat das gegenüber den Frauen seit den siebziger Jahren getan hat. In anderen Ländern - wie zum Beispiel in Skandinavien - ist das seit langem Realität. Erfolge sind, dass in Schweden mehr als zwanzig Prozent der Männer die Erziehungsjahre nehmen und damit ihren Frauen die Berufskarriere ermöglichen; dass in Dänemark die Verteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern praktisch egalitär ist; dass in allen skandinavischen Staaten der Schulerfolg der Geschlechter gleich ist; dass die Quote der Frauen in der Politik der der Männer entspricht. Dementsprechend wird in den skandinavischen Staaten seit mehr als zwanzig Jahren eine Gleichstellungspolitik gemacht, die sich auch so nennen darf, weil sie beide Geschlechter einbezieht, fördert und unterstützt. Diese Praxis soll nun - unter der finnischen Ratspräsidentschaft - für alle Länder der Europäischen Union verbindlich gemacht werden. Zu diesem Behuf findet im kommenden Oktober in Helsinki die EU-Konferenz "Men and Gender Equality" (Männer und Geschlechtergerechtigkeit) statt. Ziel ist, nötige Projekte für Buben und Männer ebenso zu fördern wie für Mädchen und Frauen. Auch unter dieser Prämisse wird sich die Schweiz ihre bisherige Geschlechterpolitik als einseitige Frauenpolitik überlegen müssen. | Walter Hollstein Der in der Neuen Zürcher Zeitung erschienene Artikel wurde für “beziehungsweise” leicht gekürzt.


Informationen: Prof. Dr. Walter Hollstein, Institut für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen, Tel: +49-30-8171914, www.walter-hollstein.de, E-Mail: walter.hollstein@t-online.de

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe 23/2006.