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Sexueller Missbrauch im Fokus

Mediendarstellung und Medienwirkung am Beispiel deutscher Zeitungen


 

Nicht nur die öffentliche Meinung über das Thema sexueller Missbrauch, auch die Berichte in den Medien selbst sind in der Regel emotional und ideologisch gefärbt. Dies ist zwar wenig verwunderlich, führt aber oft zu unzulässigen Verallgemeinerungen, stellt der Kommunikationswissenschaftler Bertram Scheufele von der Universität München fest. Anhand einer Zeitungsanalyse hat Scheufele untersucht, wie sich die Berichterstattung über sexuellen Missbrauch in deutschen Zeitungen auf die Leserschaft auswirkt. Zu diesem Zweck wurden die in den Jahren 2002 und 2003 erschienenen Qualitätszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung sowie das Boulevardblatt BILD analysiert. Es sollte herausgefunden werden, inwiefern Zeitungsberichte die Vorstellungen, Einstellungen oder die Handlungsbereitschaft von Personen beeinflussen. Zusätzlich stellte Scheufele mittels eines Experiments die tatsächliche Wirkung der Berichterstattung mit der möglichen Wirkung einer angemesseneren Berichterstattung gegenüber. Die Ergebnisse sollen zur Sensibilisierung der Berichterstattung über das Thema sexueller Missbrauch beitragen.

Die untersuchten Zeitungen berichten zwar immer wieder über sexuellen Missbrauch, dafür aber auf “mäßigem Niveau”, stellt der Kommunikationswissenschaftler Bertram Scheufele in seiner Medienanalyse fest. Insgesamt werden in den drei ausgewählten deutschen Zeitungen in den Jahren 2002 und 2003 1.005 Missbrauchsfälle thematisiert. Erklärungen bzw. Ursachen oder Folgen für die Missbrauchsopfer werden in den Beiträgen selten erwähnt. In erster Linie wird über schweren Kindesmissbrauch berichtet, sexuelle Gewalt im Erwachsenenalter oder andere Formen des Missbrauchs gehen in der Berichterstattung unter. In nahezu jedem untersuchten Artikel finden sich Angaben über das Geschlecht und Alter der Opfer sowie Täter (und Täterinnen), allerdings wird der Mythos des Fremdtäters bedient. Damit werden relevante Missbrauchsformen wie familialer oder ehelicher Missbrauch tabuisiert. Auch fällt auf, dass in den Beiträgen einseitig, nämlich bezogen auf tätergebundene Ursachen, argumentiert wird. Es wird der Eindruck vermittelt, dass die strafrechtliche Verfolgung der Täter die wichtigste Maßnahme sei. Die Folgen für die Opfer werden nur in jedem dritten Beitrag erwähnt und betreffen selten langfristige psychische Probleme.

 

Sexueller Missbrauch

Der Begriff "sexueller Missbrauch" ist missverständlich, da er auch einen maßvollen sexuellen Gebrauch von Menschen mit einschließt, kritisiert auch Bertram Scheufele in seinem Buch. Auch geht es weniger um Sexualität als um sexualisierte Gewalt. Der Begriff des "sexuellen Missbrauchs" hat sich aber juristisch eingebürgert und wird daher auch an dieser Stelle verwendet.

Berichterstattung wirkt unterschiedlich

Die Darstellung in den Medien und die Vorstellungen der Befragten über sexuellen Missbrauch weisen bei folgenden Inhalten Parallelen auf: schwerer Missbrauch, tätergebundene Ursachen, Täter-Opfer-Gefüge. Beinahe jeder Artikel handelt von einem konkreten Missbrauchsfall und erwähnt die Art des Missbrauchs sowie Täter und Opfer. Dies scheint die Vorstellungen der befragten Zeitungsleser über Missbrauchsarten und Täter-Opfer-Gefüge zu beeinflussen. Bei den Folgen für Missbrauchsopfer gehen die Mediendarstellung und die Vorstellungen der Befragten deutlich auseinander. Auch bei der Zeitungsnutzung werden Unterschiede sichtbar: Die Vorstellungen von Viellesern über Opfer und ihre Widerstandsunfähigkeit folgen stärker den jeweiligen Zeitungsberichten als jene der Wenigleser. Bei den Vorstellungen über Arten, Täter und Ursachen des sexuellen Missbrauchs sind keine Unterschiede bei der Zeitungsnutzung feststellbar. Weibliche Befragte legen mehr Augenmerk auf das Alter des Opfers, Männer mehr auf das Geschlecht. Die Medienanalyse macht deutlich, dass die Medieneinflüsse mehr auf die Vor- und Einstellungen der Befragten einzuwirken scheinen, als auf die Bereitschaft, bei sexuellen Übergriffen einzugreifen.

Mithilfe eines Experiments wollte Scheufele herausfinden, ob eine angemessenere Berichterstattung über sexuellen Missbrauch andere Ergebnisse liefert. Auch eine sachliche Darstellung der Opfer-Täter-Konstellation oder der Opferfolgen würde die Vorstellungen über Ursachen und Folgen des Missbrauchs nicht beeinflussen, ist ein Ergebnis des Experiments. Bezogen auf die Handlungsbereitschaft gibt die befragte Leserschaft generell an, im Fall familialen Missbrauchs dem Opfer Unterstützung anzubieten. Es zeigt sich, dass Leserinnen und Leser eher zu helfen bereit sind, wenn im Artikel Langzeitfolgen für das Missbrauchsopfer beschrieben sind, als wenn über Kurzzeitfolgen berichtet wird.

Sachlich, kritisch und sensibel

Die Aufgabe von Medien sollte sein, sachlich angemessen über Missbrauch zu informieren und verschiedenen Sichtweisen Raum bieten, ohne dabei unkritisch zu sein. Dem sind die untersuchten Medien oft nicht nachgekommen, weiß der Autor. So berichten die Zeitungen überwiegend über schwere sexuelle Gewalt und bedienen damit den Nachrichtenfaktor "Negativismus". Generell sollte vermieden werden, sexuellen Missbrauch zu verharmlosen, indem z. B. langfristige Traumatisierungen der Opfer oder bestimmte Formen von Missbrauch verschwiegen werden. Aber auch das andere Extrem, das "Schüren von ‚Missbrauchspanik' oder eine ‚Hypersensibilisierung'", könnte falsche Anschuldigungen nach sich ziehen. | red


Informationen: Dr. Bertram Scheufele, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München, E-Mail: bertram_scheufele@web.de
Bertram Scheufele: Sexueller Missbrauch - Mediendarstellung und Medienwirkung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2005.
ISBN 3-531-14870-2

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe 4/2006.