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Geschichten zur Unehelichkeit

Die lebensgeschichtlich fundierte Erforschung sozialer Randgruppen als Lebenshilfe und Orientierung für die Gegenwart


Die Anfänge der Historischen Familienforschung und der Beschäftigung mit dem Thema Unehelichkeit liegen in Österreich in den frühen 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das Interesse der Wissenschaft an diesem Thema kann mit den gesellschaftlichen Umbrüchen dieser Zeit erklärt werden. Stichworte wie „vom Baby-Boom zum Pillenknick“ oder „sexuelle Revolution“ signalisieren Prozesse der Veränderung im Bereich der Familienverhältnisse, die in einen allgemeinen radikalen Wandel des Alltagslebens eingeordnet waren. Es entstanden damals neue historische Teildisziplinen wie die Alltagsgeschichte, die Frauengeschichte, die Geschichte der Kindheit, und eben auch die Historische Familienforschung.
 

 










„Mit Tante Jenny im Prater“ (ca. 1932).
Besuche von den Eltern oder wie hier von
Verwandten waren bei Ziehkindern selten.


Die Historische Familienforschung wurde in Wien zunächst vorwiegend auf quantitativer Basis betrieben. Die Historische Demographie eröffnete dabei auch erste Erkenntnisse zur Geschichte der Unehelichkeit. So wurde damals bewusst, dass die höchsten Illegitimätsraten in Europa in historischen Zeiten gerade im Ostalpenraum zu finden sind – in Kärnten, in der Obersteiermark, im Lungau, im Pongau, im Pinzgau, mit einem Schwerpunkt im Bezirk St. Veit an der Glan mit Werten zwischen 60% und 80%. Warum das so war, wusste man zunächst nicht so richtig zu erklären – genauso wenig, wie die Veränderungen im zeitlichen Ablauf. Mit Bezug auf die Zunahme der Unehelichkeit bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts sprachen manche Forscher von einer „ersten sexuellen Revolution“, die mit einer allgemeinen Emanzipation der Frauen verbunden gewesen sein soll. Man hatte bloß die nackten Zahlen, und die reichten für eine Erklärung nicht aus. So war es wichtig, dass auf diese erste, stark quantifizierend arbeitende Phase der Beschäftigung mit dem Thema Unehelichkeit eine zweite folgte, die sich mehr auf qualitativ auswertbare Quellen stützte, insbesondere auf Lebensgeschichten.
 





„Als lediges Kind geboren ...“
Anhand lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen
unehelich Geborener werden historisch-
gesellschaftliche Voraussetzungen sowie
unterschiedliche Facetten und Folgen eines
sozialen Stereotyps sichtbar, dessen rechtliche
und materielle Grundlagen in Österreich erst in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach
und nach beseitigt wurden.


Die lebensgeschichtlich fundierte Erforschung von Illegitimität setzte mit der Methode der Oral History ein. Die Interviews mit Gesprächspartnerinnen und -partnern vor allem aus dem ländlichen Raum brachten zum Vorschein, wie vielfältig die Faktoren waren, die Unehelichkeit bewirkten, aber auch wie vielfältig die Folgen unehelicher Geburten für den weiteren Lebensweg waren. Viele Beispiele zeigten, dass über den sozialhistorischen Erkenntniswert hinaus durch solche Gespräche Lebenshilfe geleistet werden konnte. Denn bis ins hohe Alter fühlten sich Menschen durch den „Makel“ unehelicher Geburt schwer belastet. Es half ihnen, darüber sprechen zu können und zu erfahren, dass sie mit ihrem Problem nicht allein waren. Gerade die Erkenntnis gesellschaftlicher Bedingungen unehelicher Geburten konnte weiter helfen. In den vielfältigen alltagsgeschichtlichen Rückmeldungen zu Gesprächskreisen, Radiosendungen und Schreibaufrufen spielte das Thema Unehelichkeit immer wieder eine große Rolle. So durchzieht es die Quellenzeugnisse der popularen Autobiographik, die in der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen am Institut für Wirtschaft- und Sozialgeschichte der Universität Wien“ gesammelt wurden, und ebenso die auf dieser Grundlage entstandenen Editionsbände der Reihe „Damit es nicht verloren geht…“. Einige davon werden im Folgenden vorgestellt.
 







Dreizehn Frauen lassen in ihren Erzählungen
weibliche Lebenswelten aus der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts lebendig werden.
Sie erzählen aus ihrer Jugendzeit und davon,
was es damals bedeutete, unverheiratet
schwanger und Mutter zu werden.


Mit großer Offenheit schildert die Autorin des ersten Bandes der Editionsreihe, Maria Gremel, in „Mit neun Jahren im Dienst. Ein Leben im Stübl und am Bauernhof“, wie sie ledig Mutter wurde und was sie während der Schwangerschaft und nach der Geburt mitzumachen hatte. Sie betonte vor allem den Gegensatz zwischen damals und heute: „Und doch war es nur ein Schlussstrich unter die Tage meiner jugendlichen Unschuld. Heute ist es anders. Heute spricht kein Mensch mehr von der Unschuld eines Mädchens, die Zwölfjährigen holen sich heute schon vom Arzt die Pille.“ (S. 245). In Band 4, Maria Horner „Aus dem Leben einer Hebamme“, wird das Thema Unehelichkeit aus einer etwas anderen Perspektive behandelt. Die Autorin ist zwar selbst unehelich geboren. Als Hebamme in der Obersteiermark behandelt sie das Thema Geburt aber aus der Perspektive von außen, wenn auch mit besonderer Empathie gerade für ledige Mütter. Band 5, Therese Weber (Hg.) „Mägde, Lebenserinnerungen an die Dienstbotenzeit bei Bauern“, stellt jene Personengruppe in den Vordergrund, die am stärksten dem Risiko vorehelicher Schwangerschaft ausgesetzt war, nämlich das weibliche Dienstpersonal in bäuerlichen Haushalten. Das Thema ledige Mutterschaft ist ein Leitmotiv dieses Bandes. Auch in Band 19, „Knechte“, herausgegeben von Norbert Ortmayr, wird es angesprochen – allerdings weniger in den lebensgeschichtlichen Erzählungen als in den „Sozialhistorischen Skizzen zur Geschichte des ländlichen Gesindes in Österreich“, die der Bandherausgeber kommentierend hinzufügte. Besonders berührend sind seine Ausführungen über die psychosozialen Folgen unehelicher Geburten: „Taubstummheit und Blindheit sind die deutlichsten Indikatoren dafür, dass ein Mensch sich weigert, mit seiner Umwelt in Beziehung zu treten. War das die Antwort der Ziehkinder auf die häufigen Trennungserfahrungen?“ (S. 345). Ziehkinder waren zumeist uneheliche Kinder. Das veranschaulicht deutlich der Band 28 der Reihe, herausgegeben von Eva Ziss: „Ziehkinder“. Die Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen konnte damals schon auf reiches, autobiographisches Material aus diesem Herkunftsmilieu zurückgreifen, so dass ein umfangreicher Sammelband möglich wurde. Der neu aufgelegte Band von Peter Klammer „Auf fremden Höfen. Anstiftkinder, Dienstboten und Einleger im Gebirge“ griff das Thema Unehelichkeit in besonderer Weise auf, in dem er es in ein gesellschaftliches Gesamtbild seiner Untersuchungsregion, nämlich des Salzburger Lungaus, einordnete. Mit einzelnen Lebensgeschichten sprach er die individuelle Besonderheit einzelner Schicksale von ledigen Müttern und unehelichen Kindern an, in kommentierenden Kapiteln auf der Basis von Statistiken und Archivmaterialien verband er Mikro- und Makroperspektive. So erscheint in diesem Band das Spannungsfeld, in dem die sozialhistorische Beschäftigung mit der Geschichte von Unehelichkeit von ihren Anfängen an stand, in glücklicher Weise gelöst.
 









Auf Basis mündlicher Erzählungen ehemaliger
Dienstboten und anderer historischer Quellen
rekonstruiert der Autor den Arbeitsalltag und
die Lebensverhältnisse dieser Bevölkerungsgruppe
im Salzburger Lungau vor 1938.


Bei aller Vielfalt, der in den Lebensgeschichten lediger Mütter und unehelicher Kinder angesprochenen Themen – einige Leitmotive kehren immer wieder, die gegenüber heutigen Verhältnissen stark kontrastieren: wirtschaftliche Gründe, die es unmöglich machten zu heiraten, enge Grenzen erlaubter Liebesbeziehungen, die nur allzu leicht überschritten werden konnten, mangelnde sexuelle Aufklärung, kaum Möglichkeiten der Verhütung, schwierige Schwangerschaften mit Arbeit bis unmittelbar vor der Geburt, Schande in Familie und Öffentlichkeit, Benachteiligung seitens der Hebammen bei der Geburt, frühe Trennung der unehelichen Kinder von ihren Müttern, fehlende Väter, häufiger Wechsel der Kostplätze, dementsprechend traumatische Trennungserlebnisse, ungeliebtes Aufwachsen, geringes Selbstwertgefühl, frühe und harte Arbeit, wenig Perspektive, dem Milieu der Benachteiligung zu entkommen. Nicht alle Lebensgeschichten von ledigen Müttern und unehelichen Kindern verlaufen in gleicher Weise tragisch. Es gibt auch manche gegenteilige Erfahrungen. Insgesamt betrachtet ist die Charakteristik als unterprivilegierte „soziale Randgruppen“ wohl zutreffend.

Warum sind solche Leidensgeschichten aus der Vergangenheit heute noch von Interesse? Zwei Gründe seien hier besonders hervorgehoben. Zum einen gibt es noch genug Menschen aus dieser untergegangenen Welt, die den Makel, ein „Kind der Schande“ zu sein, mitbekommen haben und darunter leiden. Das Erzählen, Lesen und Schreiben darüber kann für sie Hilfe zur Bewältigung sein. Zum anderen bedeutet die sozialhistorische Beschäftigung mit dieser untergegangenen Welt ein Lernen aus dem Kontrast. Illegitimität zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist etwas völlig anderes als Illegitimität zu Beginn oder um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Nicht dass sich alles zu mehr Glück und besseren Lebensverhältnissen gewandelt hätte. Die „sexuelle Revolution“ hat sicher auch neue Probleme geschaffen. Am Beispiel „alter“ und „neuer“ Unehelichkeit lässt sich aber der gewandelte gesellschaftliche Kontext dieser Phänomene gut erfassen. So erscheint das Thema sehr geeignet, um aus Wissen über die Vergangenheit Orientierung für die Gegenwart zu gewinnen.

Von Michael Mitterauer

Dieser Artikel beruht auf dem Vortrag Michael Mitterauers bei der Buchpräsentation „Uneheliche Kinder - Ledige Mütter. Zwei soziale ‚Randgruppen’ der Vergangenheit und ihre Lebenswelten im Wandel“ am 17. März 2009 am Österreichischen Institut für Familienforschung. Zwei weitere Vorträge von der Buchpräsentation – von Günter Müller und Frédérique Pichler-Boog – können auf der Homepage des ÖIF nachgelesen werden: www.oif.ac.at


Informationen: emer. Univ.-Prof. Dr. Michael Mitterauer für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien, E-Mail: michael.mitterauer@univie.ac.at
Reihe „Damit es nicht verlorengeht...“, begründet von Michael Mitterauer und herausgegeben vom Verein „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Informationsdienst "beziehungsweise", Ausgabe April 2009.