beziehungsweise 1/2026–Artikel 2
"Daheim ist das Kind einfach am besten betreut"
ÖIF-Studie zur (Nicht-)Nutzung elementarpädagogischer Angebote in Vorarlberg
Von Christine Geserick
In den letzten Jahren wurden der Ausbau und die Qualitätssicherung elementarpädagogischer Angebote in Vorarlberg stark vorangetrieben. Die Besuchsquote ist deutlich gestiegen, die Öffnungszeiten sind vereinbarkeitsfreundlicher geworden, und nach dem Vorarlberger Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz steht ab dem Betreuungsjahr 2025/26 jedem zweijährigen Kind ein Platz zu. Trotzdem gibt es Lücken in der Inanspruchnahme, vor allem, was jüngere Kinder und die Anwesenheitsdauer betrifft. Wie sind diese zu erklären? Im Auftrag der Arbeiterkammer Vorarlberg untersucht die Studie (Geserick und Buchebner-Ferstl 2025), warum Eltern das Angebot der Frühen Bildung nicht nutzen wollen oder können.
Hohe Besuchsquote, aber meist nur vormittags
Wie viele Kinder im Alter zwischen null und fünf Jahren außerfamilial betreut werden, misst die so genannte Besuchsquote. In Vorarlberg rangiert diese etwas über dem Bundesdurchschnitt. Sie liegt für Kinder im Alter von null bis zwei Jahren bei 36,3 % (Österreich: 32,8 %) und für Drei- bis Fünfjährige bei 95,5 % (Österreich: 94 %) (Statistik Austria 2024: 99; vgl. Abbildung). Was die Anwesenheitsdauer der Kinder betrifft, weist Vorarlberg jedoch die Besonderheit auf, dass sie kürzer ist als in anderen Bundesländern. In den Kleinkindgruppen sind nur 17,9 % der Vorarlberger Kinder ganztags anwesend, im Österreichschnitt ist es immerhin mehr als jedes zweite Kind (57,7 %). Deutlich ausgeprägter ist der ausschließliche Vormittagsbesuch, sowohl bei den jüngeren Kindergruppen-Kindern (74,1 %) als auch bei den älteren Kindergarten-Kindern (82,1 %). So zeigt sich, dass Vorarlberger Kinder zwar eine hohe Besuchsquote aufweisen, sie verbringen aber nicht so viel Zeit dort. Woran liegt das? Und was sind Vorbehalte von Eltern, die ihre Kinder gar nicht oder kaum außerfamilial betreuen lassen?
Abbildung: Anwesenheitsdauer (Vorarlberg und Österreich)
Quelle: Österreichische Kindertagesheimstatistik (Statistik Austria 2024: Tabelle 11); eigene, verkürzte Darstellung ÖIF
Qualitative Erhebung
Zu diesen Fragen wurde eine qualitative Erhebung unter Eltern in Vorarlberg durchgeführt, die für ihre Kinder im Alter zwischen null und fünf Jahren kaum oder gar keine Angebote nutzen. Dazu wurden im November 2024 insgesamt 19 Eltern interviewt, die ihre subjektiven Einstellungen und Erfahrungen mit uns teilten. Wir konnten ein sehr heterogenes Sample zusammenstellen, so dass verschiedene Lebensrealitäten abgebildet sind: Die Mütter und Väter sind zwischen 22 und 43 Jahre alt, haben zwischen einem und vier Kinder, sind alleinerziehend oder leben in Partnerschaft. Sie unterscheiden sich in ihrem Erwerbsstatus, Erwerbsausmaß und ihrer sozioökonomischen Situation. Sie kommen aus allen vier Bezirken Vorarlbergs, wohnen in unterschiedlich großen Gemeinden, vom städtischen bis zum sehr ländlichen Bereich. Sieben von ihnen haben einen Migrationshintergrund mit nicht-deutscher Erstsprache. Die Interviews wurden in face-to-face-Fokusgruppen und (teilweise gedolmetschten) Einzelinterviews durchgeführt.
Die Daten wurden entlang relevanter Themenbereiche inhaltsanalytisch ausgewertet. Dabei ging es zum Beispiel um die Erwartungen, aber auch Vorbehalte gegenüber elementarpädagogischen Angeboten. Es ging auch um die Frage, ob bzw. ab welchem Alter ein Kind überhaupt außerfamiliale Angebote nutzen sollte, inwieweit das Angebot vor Ort mit einer (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit der Eltern vereinbar ist oder mit welchen gesellschaftlichen Erwartungen Eltern heute konfrontiert sind.
Eltern sein: Widersprüchliche gesellschaftliche Normen
Aus den Interviews wird deutlich, dass Eltern eine Gesellschaft wahrnehmen, die teils widersprüchliche Erwartungen an sie stellt. Bereits die Begrifflichkeiten deuten darauf hin, dass eine außerfamiliale Bildung und Betreuung im Säuglings- und Kleinkindalter immer noch negativ konnotiert ist: Das Kind wird weggegeben, abgegeben, extern betreut, fremdbetreut, sogar abgeschoben. Besonders bildhaft ist der Vorarlberger Begriff des "Verstellens", der das Umpositionieren ("Stellen") aus der eigentlich richtigen Position ("ver") andeutet. All diese Formulierungen stammen aus den Interviews und beinhalten auf semantischer Ebene, dass Eltern ihre Rolle als "eigentlich" Zuständige für die Betreuung ab dem Moment nicht wahrnehmen (= abgeben), wo sie ihr Kind außer Haus geben.
Besonders Mütter haben vielfach erzählt, dass sie einen sozialen Druck verspüren, sich "richtig" zu entscheiden – zwischen dem "Daheim sein" und dem "Schaffen gehen". Einerseits werde von ihnen erwartet, erwerbstätig zu sein. Sind sie das nicht, heiße es: "Gehst du nicht schaffen?" und man würde ihre Sorgearbeit nicht wertschätzen ("das wird eher so belächelt"). Doch auch Mütter, die erwerbstätig sind und außerfamiliale Betreuungsangebote nutzen, geraten ebenso in die Kritik ("boah, du gibst dein Kind aber viel her") oder werden als "Karrierefrauen" betitelt. Es konnten schließlich drei Bilder von Müttern herausgearbeitet werden, die jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven kritisiert werden:
- Kritik gegenüber Müttern "daheim" ("Gluckenmütter")
- Kritik gegenüber "Karrierefrauen"
- Kritik gegenüber Müttern, die "daheim" sind, aber "trotzdem" elementarpädagogische Angebote nutzen ("gemütliche Mütter")
Manche Eltern, und vor allem Mütter, reagieren darauf damit, dass sie ihre Elternrolle um so mehr betonen und als Zeichen ihrer Verantwortung keine außerfamiliale Betreuung in Anspruch nehmen. Manche begreifen die elementarpädagogischen Einrichtungen gar als Konkurrenz, was etwa sichtbar wird in dem Zitat: "Eine Mutter kann vieles ersetzen, aber niemand kann eine Mutter ersetzen". Es wird ein Entweder-Oder geschaffen: Entweder bin ich eine fürsorgende Mutter oder ich gebe mein Kind weg und werde "ersetzt". Freilich denken nicht alle Mütter so, und es gab in den Interviews verschiedene Begründungen dafür, warum elementarpädagogische Angebote nicht genutzt werden.
Auf analytischer Ebene konnten schließlich zwei Leitmotive herausgearbeitet werden, die die Wahl einer hauptsächlich innerfamilialen Betreuungsarrangements begründen. Das heißt, alle 19 Fallgeschichten lassen sich einem der beiden Motive zuordnen.
Leitmotiv 1: Familiale Sorgearbeit aus Überzeugung
Eltern, die dem Leitmotiv 1 zugeordnet wurden, sind der außerfamilialen Betreuung für Kinder eher skeptisch gegenüber eingestellt, vor allem, wenn die Kinder noch klein sind. Sie betreuen sie deswegen hauptsächlich innerfamilial, aus Überzeugung. So sagt eine Mutter: "Ich finde, daheim ist das Kind einfach am besten betreut"; eine andere: "Die ersten drei Jahre sind so prägend, und die möchte ich einfach in erster Linie machen". Manche Eltern betonen, dass ihr Kind noch seine Freiheit genießen soll, außerhalb einer Einrichtung, im eigenen Tagesrhythmus. Denn daheim könnten sie auch mal "bis mittags im Pyjama ummirennen" und "einfach selber bestimmen: Wo gehe ich hin und was mache ich?". Andere unterstreichen, dass sie ihrem Kind in besonderer Weise Geborgenheit vermitteln und seine Individualität wahrnehmen können. Eine Mutter betont, dass das "Spüren" und die individuelle Rücksichtnahme auf das Kind "nur möglich (ist) in dieser Formation der Kleinfamilie".
Zur ausschließlichen innerfamilialen Betreuung des Kindes werden drei Modelle praktiziert: (1) die nicht-erwerbstätige Mutter ist die hauptsächliche Betreuungsperson, (2) das Paar übernimmt die Betreuung gemeinsam oder (3) die Großeltern unterstützen. Für all diese Familien gilt, dass sie einem wirtschaftlich privilegierten Milieu angehören, man kann es "sich leisten", "daheim" zu sein. Das bedeutet: Man ist finanziell in der Lage, das Erwerbsausmaß bzw. die Arbeitszeiten so anzupassen, dass genügend Zeit für die innerfamiliale Kinderbetreuung bleibt. Entweder ist der Mann der Alleinverdiener oder aber beide Partner legen ihre Arbeitszeiten so, dass immer jemand beim Kind sein kann ("zeitversetztes Doppel- bzw. Zuverdienermodell").
Leitmotiv 2: Strukturell-finanzielle Bedingungen und Hürden
Eltern, die dem Leitmotiv 2 zugeordnet wurden, sind der außerfamilialen Betreuung gegenüber prinzipiell positiv eingestellt, nutzen sie aber nicht in dem Ausmaß, wie sie das gern würden – und zwar aus strukturellen oder finanziellen Gründen. So kann es sein, dass keine Plätze verfügbar sind oder dass sie als zu kostspielig empfunden werden. Besonders oft kam die Formulierung, dass sich eine Kinderbetreuung nicht "rentiert" ("du gehst eigentlich nur schaffen, damit jemand das Kind betreut"). Zu dieser Gruppe gehören typischerweise Eltern, für die die Erwerbstätigkeit einen hohen Stellenwert hat: entweder weil sie sinnstiftend ist, aber besonders oft, weil sie unverzichtbar für das Familieneinkommen ist. Diese Eltern entstammen häufig einem finanziell weniger privilegierten Milieu. Sie können es sich nicht "leisten", überhaupt die Frage zu stellen, ob ein Elternteil die Kinder "daheim" betreut.
Einordnung der Ergebnisse
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Frage, warum Eltern keine oder kaum elementarpädagogische Angebote für ihre Kinder nutzen, nicht für alle gleich zu beantworten ist. Die Eltern haben vielfältige Bedürfnisse, die teilweise in gegenläufige Richtungen gehen. Sie reichen von der Forderung nach mehr und günstigeren Betreuungsplätzen bis hin zur (finanziellen) Wertschätzung einer ausschließlich elterlichen Sorgearbeit. So gibt es zwar durchaus Eltern, die sich den (weiteren) Ausbau des Angebots wünschen. Aber es gibt eben auch jene, die davon überzeugt sind, dass sie ihre Kinder – vor allem während der ersten zwei, drei Jahre – ausschließlich zuhause betreuen möchten und die mit einem (weiteren) Angebotsausbau nur schwer erreicht werden dürften. Eine Interviewpartnerin wünscht sich, dass beide Perspektiven gesellschaftlich akzeptiert und politisch berücksichtigt werden: "Also ich denke mir, (…) die Mütter, die daheimbleiben wollen, die ihr Kind betreuen wollen, dass dort vielleicht mehr Geld da ist. Und die Mütter, die schaffen gehen WOLLEN, es gibt ja genug, die schaffen gehen wollen, die sollen auch schaffen gehen dürfen und dann das Kinderbetreuungsangebot in Anspruch nehmen können". Diesen unterschiedlichen Bedürfnissen der Familien gerecht zu werden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe für politische Entscheidungsträger und Anbieter elementarpädagogischer Angebote.
Kontakt: christine.geserick@oif.ac.at
Literatur
Geserick, Christine; Buchebner-Ferstl, Sabine (2025): Bedingungen einer geringen Inanspruchnahme elementarpädagogischer Angebote. Eine qualitative Erhebung unter Eltern in Vorarlberg, die kaum oder keine Angebote nutzen. Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Vorarlberg. Wien: ÖIF-Forschungsbericht Nr. 59. Online: doi.org/10.25365/phaidra.722
Statistik Austria (2024): Statistik über die elementare Bildung und das Hortwesen 2023/24 (Kindertagesheimstatistik). Wien: Statistik Austria.
Autorin
Dr.in Christine Geserick ist Familiensoziologin und arbeitet als Senior Scientist am Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Lebensentwurf und Individualisierung, weibliche Biografien, Sozialgeschichte der Familie.

