beziehungsweise 1/2026–Artikel 3
Objektive und subjektive Armut von Familien*
Alleinerziehenden reicht das Einkommen häufig nicht aus
Von Jan Brülle, Pauline Kleinschlömer und Sebastian Will
Familien spielen eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Kindern – sie sind der Ort, an dem Kinder aufwachsen, lernen und ihre ersten Bindungserfahrungen sammeln. Fehlt es Familien an finanzieller Stabilität, weil sie zu geringe Einkommen haben, hat das direkte Auswirkungen auf die Entwicklungschancen von Kindern. Forschungsergebnisse zeigen deutlich: Bildungserfolg, Gesundheit sowie die kognitive und soziale Verhaltensentwicklung von Kindern hängen stark mit den finanziellen Ressourcen einer Familie zusammen (Cooper und Stewart 2021; Wößmann u. a. 2023). Dennoch ist nach aktuellen Daten mindestens jedes siebte Kind in Deutschland armutsgefährdet (BMAS 2025). Dabei sind faire Startchancen für alle Kinder in einer alternden Gesellschaft entscheidend, denn sie sichern soziale Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Vor diesem Hintergrund zeigt dieser Beitrag, welche Familienkonstellationen besonders von Armut gefährdet sind. Der Fokus liegt dabei auf subjektiven Wahrnehmungen der Betroffenen. Aufgrund der Relevanz für die sozialpolitische Bearbeitung des Themas wird außerdem dem Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Armutsgefährdung besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Grundlage der Analyse sind die aktuellsten Daten des familiendemografischen Panels FReDA (Bujard u. a. 2025; Schneider u. a. 2021) für das Jahr 2023 (Welle 3A), das eine repräsentative Stichprobe der in Deutschland lebenden Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 52 Jahren umfasst.
Objektive Armutsgefährdung und subjektives Armutsempfinden nach Familienkonstellation
Eine Kombination aus objektiven und subjektiven Indikatoren ermöglicht es, die Armutsrisiken verschiedener Familienkonstellationen differenziert zu betrachten. Die Armutsgefährdungsquote zeigt an, wessen Einkommen im Vergleich zum gesellschaftlichen Mittel so gering ist, dass eine gesellschaftliche Teilhabe nicht sichergestellt ist. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich die betroffenen Familien auch subjektiv arm fühlen. Daher ergänzt die vorliegende Betrachtung dieses objektive Maß durch eine subjektive Einschätzung der eigenen finanziellen Situation der Befragten.
Die Armutsrisiken unterscheiden sich deutlich zwischen verschiedenen Familienkonstellationen. Besonders stark gefährdet sind Alleinerziehende sowie Paare mit drei oder mehr Kindern. So gilt jede vierte alleinerziehende Person zwischen 20 und 52 Jahren als armutsgefährdet. Diese Personen berichten in ähnlichem Umfang von subjektiv wahrgenommenen finanziellen Schwierigkeiten.
Bei Paaren mit drei oder mehr Kindern gilt in etwa jede fünfte Person zwischen 20 und 52 Jahren als armutsgefährdet, allerdings nehmen sich etwas weniger von ihnen auch selbst als arm wahr. Die niedrigsten Armutsgefährdungsquoten weisen Paarhaushalte mit ein oder zwei Kindern auf (8 Prozent), gefolgt von Personen ohne Kinder (10 Prozent).
Im Einklang mit Forschungsergebnissen zu den Folgen von Kinderarmut nehmen auch die FReDA-Befragten wahr, dass materielle Einschränkungen Auswirkungen auf ihre Kinder haben (s. Abbildung): Alleinerziehende, die sich subjektiv als arm einschätzen, haben häufiger das Gefühl, ihren Kindern nicht gerecht zu werden (17 Prozent) als Alleinerziehende, die sich nicht als arm einschätzen (6 Prozent).
Abbildung: Anteil Personen, die das Gefühl haben, ihrer Elternrolle nicht gerecht zu werden, nach Haushaltstyp und subjektiver Armut
Quelle: FReDA v5.0.0, W2A (2022), eigene Berechnungen, gewichtet, N = 6.732
Bei anderen Haushaltstypen zeigt sich ebenfalls tendenziell ein Zusammenhang zwischen subjektiver Armut und der Wahrnehmung, den kindlichen Bedürfnissen nicht gerecht zu werden. Allerdings ist dieser nicht so ausgeprägt wie bei Alleinerziehenden.
Alleinerziehende oft trotz Job armutsgefährdet
Neben der Familienkonstellation wirkt sich insbesondere die Erwerbstätigkeit deutlich auf das Armutsrisiko aus. Personen, die nicht erwerbstätig sind, sind deutlich häufiger armutsgefährdet als Personen in Voll- oder Teilzeiterwerbstätigkeit: Während unter vollzeitbeschäftigten Personen ohne Kinder lediglich 5 Prozent armutsgefährdet sind, liegen die Anteile bei Nichterwerbstätigen – mit Ausnahme der Paare mit ein bis zwei Kindern – teils deutlich über 40 Prozent. Bei Personen ohne Kinder ist die Armutsgefährdung im Falle von Nichterwerbstätigkeit mit über 60 Prozent besonders hoch. Dies erklärt sich durch den höheren Anteil von Alleinlebenden in dieser Gruppe, die ein fehlendes eigenes Einkommen seltener durch Einkünfte anderer Haushaltsmitglieder ausgleichen können. Noch stärker betroffen sind nicht erwerbstätige Alleinerziehende, von denen sogar 72 Prozent als armutsgefährdet gelten.
Besteht hingegen zumindest eine Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigung, sinkt die Armutsgefährdung Alleinerziehender auf etwa 23 Prozent – bei einer Vollzeitbeschäftigung liegt sie lediglich bei 14 Prozent. Auch wenn Erwerbstätigkeit das Armutsrisiko deutlich reduziert, ist Armutsgefährdung trotz Erwerbstätigkeit besonders bei Alleinerziehenden und Mehrkindfamilien überproportional verbreitet.
Bei Paaren mit mehr als zwei Kindern und bei Alleinerziehenden schränken Betreuungsverpflichtungen häufig die Möglichkeiten der Erwerbsbeteiligung ein. Ein Vergleich zwischen diesen Gruppen kann aufzeigen, wie hoch das Potenzial für eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Alleinerziehenden und Mehrkindfamilien ist. Da Frauen den Großteil der Fürsorgearbeit leisten, wäre besonders bei Müttern in diesen Familienkonstellationen eine geringere Vollzeiterwerbstätigkeit zu erwarten.
Die Daten zeigen dies jedoch nur bei Paaren mit mehr als zwei Kindern. Bei alleinerziehenden Frauen dagegen ist die Erwerbstätigkeit höher als in jeder anderen Familienkonstellation mit Kindern. Während 37 Prozent der alleinerziehenden Frauen in Vollzeit erwerbstätig sind, sind dies in partnerschaftlichen Haushalten nur 24 Prozent (bei ein oder zwei Kindern) bzw. 14 Prozent (bei mehr als zwei Kindern). Analog dazu ist die Erwerbslosigkeit von Frauen in großen Familien am höchsten (40 Prozent) und bei Alleinerziehenden mit 19 Prozent vergleichsweise niedrig.
Die Befunde zeigen, dass Kinder nicht grundsätzlich ein Armutsrisiko darstellen, sondern dass sich Armutsgefährdung und subjektive Armut klar nach Familienkonstellation unterscheiden. Besonders Alleinerziehende sowie Haushalte mit drei und mehr Kindern weisen eine überdurchschnittliche Armutsbetroffenheit auf – unabhängig davon, ob objektive finanzielle Indikatoren oder das subjektive Belastungsempfinden herangezogen werden. Damit verbunden ist vergleichsweise häufig das Gefühl, den Bedürfnissen der eigenen Kinder nicht gerecht werden zu können.
Fazit: Familien unterstützen, deren Einkommen nicht reicht
Die Ergebnisse verdeutlichen zudem, dass Erwerbstätigkeit die Armutsgefährdung abschwächen kann, aber Alleinerziehende und Haushalte mit vielen Kindern trotz Erwerbstätigkeit häufiger arm sind. Maßnahmen, die ausschließlich darauf abzielen, die Erwerbsbeteiligung der Betroffenen zu erhöhen, reichen deshalb nicht aus.
Arbeitsmarktintegration und Kindertagesbetreuung: Erwerbstätigkeit kann dazu beitragen, Armutsgefährdung zu reduzieren. Für Alleinerziehende und kinderreiche Familien ist sie jedoch nur unter der Voraussetzung verlässlicher und flexibler Betreuungsangebote realisierbar. Besonders in diesen Gruppen ist der ungedeckte Betreuungsbedarf in Deutschland am größten: 27 Prozent der Alleinerziehenden beziehungsweise 33 Prozent der armutsgefährdeten Familien finden keinen Betreuungsplatz, obwohl sie sich einen Platz wünschen. Um diese Ungleichheiten zu verringern, sollten insbesondere diese Familien bei der Suche und Vergabe von Plätzen besser unterstützt werden (Huebener u. a. 2023, Schmitz u. a. 2023).
Transfersysteme und monetäre Absicherung: Da Erwerbstätigkeit allein nicht in allen Konstellationen ausreichend armutspräventiv wirkt, bleibt die Rolle staatlicher Geldleistungen von zentraler Bedeutung. Studien zeigen, dass Transferleistungen für einkommensschwache Familien wirksam bei der Reduktion von Armutsrisiken sind (Van Lancker und Van Mechelen 2015)
Kontakt: Jan.Bruelle@bib.bund.de
Armutsindikatoren
Eine Person gilt als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des nationalen Medianäquivalenzeinkommens beträgt. Das Medianeinkommen ist das mittlere Einkommen in der Einkommensverteilung. Je 50 Prozent der Bevölkerung verdienen mehr und weniger als das Medianeinkommen. Als Armutsschwelle verwenden wir 60 Prozent des Medians der Gesamtbevölkerung auf Basis des Mikrozensus.
Für das subjektive Armutsempfinden sollen die Befragten einschätzen, wie gut der eigene Haushalt mit dem monatlichen Einkommen zurechtkommt. Personen, die angeben, nur mit (großen) Schwierigkeiten mit dem Einkommen zurechtzukommen, werden hier als "subjektiv arm" bezeichnet (vgl. z. B. Eurostat).
FReDA – Das familiendemografische Panel
Der Name steht für "Family Research and Demographic Analysis". Zweimal im Jahr erhebt die Studie Daten zu partnerschaftlichen und familiären Lebenssituationen in Deutschland. Im Fokus der Untersuchung stehen Frauen und Männer in der Phase der Familiengründung. Deutschlandweit werden Personen im jungen und mittleren Erwachsenenalter zufällig ausgewählt. Sie sowie ihre Partner:innen werden danach in einem halbjährigen Turnus befragt.
Literatur
Bujard, Martin; Gummer, Tobias; Hank, Karsten u. a. (2025): FReDA – The German Family Demography Panel Study (Study No. ZA7777; Data File Version 5.0.0) [Data set]. GESIS. DOI 10.4232/1.14462
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2025): Siebter Armuts- und Reichtumsbericht.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2025): Zehnter Familienbericht. Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen.
Cooper, Kerris; Stewart, Kitty (2021): Does household income affect children’s outcomes? A systematic review of the evidence. In: Child Indicators Research 14 (3), S. 981–1005. DOI 10.1007/s12187-020-09782-0
Huebener, Mathias; Schmitz, Sophia; Spieß, C. Katharina u. a. (2023): Frühe Ungleichheiten. Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive. FES diskurs. LINK
Schmitz, Sophia; Spiess, C. Katharina; Huebener, Mathias (2023): Weiterhin Ungleichheiten bei der Kita-Nutzung: Größter ungedeckter Bedarf in grundsätzlich benachteiligten Familien. In: Bevölkerungsforschung Aktuell 44 (2), S. 4–8. LINK
Schneider, Norbert F.; Bujard, Martin; Wolf, Christof u. a. (2021): Family Research and Demographic Analysis (FReDA): Evolution, framework, objectives, and design of "The German Family Demography Panel Study". In: Comparative Population Studies 46, S. 149–186. DOI 10.12765/CPoS-2021-06
Van Lancker, Wim; Van Mechelen, Natascha (2015): Universalism under siege? Exploring the association between targeting, child benefits and child poverty across 26 countries. In: Social Science Research 50, S. 60–75. DOI 10.1016/j.ssresearch.2014.11.012
Wößmann, Ludger; Schoner, Florian; Freundl, Vera u. a. (2023): Der ifo-"Ein Herz für Kinder" -Chancenmonitor. Wie (un-)gerecht sind die Bildungschancen von Kindern aus verschiedenen Familien in Deutschland verteilt? In: ifo Schnelldienst 76 (4), S. 29–47. LINK
Autor:innen
Dr. Jan Brülle ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.
Dr. Pauline Kleinschlömer ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.
Dr. Sebastian Will ist Volkswirt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.
* Der Beitrag ist ursprünglich im FReDA/BiB Policy Brief im Dezember 2025 erschienen und wurde geringfügig gekürzt bzw. überarbeitet.

