beziehungsweise 2/2026–Artikel 2
Einstellungen zu externer Kinderbetreuung und Müttererwerbstätigkeit
Was gilt als angemessene Altersgrenze in Deutschland?
Von Eileen Peters, Corinna Frodermann, Marie-Fleur Philipp und Claudia Wenzig
In Deutschland bestehen nach wie vor Geschlechterunterschiede in der Erwerbsbeteiligung, die insbesondere bei Frauen stark an die Familienkonstellation gekoppelt sind: Im Jahr 2024 waren knapp 98 Prozent der Väter mit Kindern unter drei Jahren erwerbstätig, aber nur 40 Prozent der Mütter. Sie sind zudem nicht nur seltener, sondern auch in deutlich geringerem Umfang erwerbstätig als Väter (Destatis 2025a). Für die (temporäre) Abkehr vom Arbeitsmarkt spielen nicht nur Arbeitsmarktbedingungen und Möglichkeiten der externen Kinderbetreuung, sondern auch Einstellungen zu geschlechtsspezifischen Arbeits- und Betreuungsarrangements eine wichtige Rolle. Anhand der Panelstudie "Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" (PASS, Trappmann u. a. 2019) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wurden die Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern und zur externen Kinderbetreuung untersucht.
Ab wann kann ein Kind extern betreut und eine Mutter erwerbstätig sein?
In der Befragung wurden alle Teilnehmenden – ungeachtet dessen, ob sie selbst Kinder haben oder nicht – gefragt, ab welchem Alter ein Kind außerhalb der Familie (z. B. Kinderkrippe, Kindergarten, Tagesmutter) betreut werden kann – und zwar unabhängig davon, ob eine Betreuungsmöglichkeit für das Kind tatsächlich verfügbar ist. Die Befragten sollten dabei zwischen einer regelmäßigen Betreuung für einige Stunden am Tag und einer ganztägigen Betreuung unterscheiden. Zudem wurde die Frage gestellt, ab welchem Alter des Kindes eine Mutter wieder für mindestens 15 Stunden oder mindestens 30 Stunden berufstätig sein kann – auch hier unabhängig davon, ob eine Betreuungsmöglichkeit für das Kind oder ein Arbeitsplatz tatsächlich verfügbar ist.
Die 18- bis 60-jährigen Befragten empfanden für eine externe regelmäßige Kinderbetreuung für einige Stunden am Tag ein Alter von zwei Jahren und vier Monaten als angemessen. Für eine ganztägige Betreuung sollte ein Kind knapp fünf Jahre alt sein. Eine Teilzeiterwerbstätigkeit der Mutter wird etwa zwei Jahre und acht Monate nach Geburt des Kindes akzeptiert. Mit einer Vollzeiterwerbstätigkeit sollte die Mutter im Schnitt warten, bis das Kind fünf Jahre und acht Monate alt ist.
Zusätzlich zu der durchschnittlichen Altersgrenze zeigt die Abbildung 1 die jeweiligen Anteile in der Bevölkerung zu welchem Alter eine Kinderbetreuung oder die mütterliche Erwerbstätigkeit als angemessen empfunden wird. Eine regelmäßige externe Betreuung für einige Stunden halten 55 Prozent der Befragten bereits vor dem üblichen Kindergartenbeginn im Alter von drei Jahren für passend. Mit knapp 31 Prozent geben die meisten Personen drei Jahre als Alter an, ab dem ein Kind für einige Stunden extern betreut werden kann. Die Angaben zur ganztägigen Kinderbetreuung sind demgegenüber leicht verlagert: Nur 21 Prozent befürworten eine ganztägige Betreuung für unter Dreijährige. Auch hier geben mit knapp 24 Prozent die meisten Befragten drei Jahre als passendes Alter für eine ganztägige außerhäusliche Betreuung an. Rund 16 Prozent sehen sechs Jahre als angemessenes Alter. Diese beiden Verteilungsspitzen decken sich mit den klassischen Altersgrenzen für den Kindergarten- und Schuleintritt.
Abbildung1: Alter des Kindes, zu dem eine Betreuung bzw. Muttererwerbstätigkeit als angemessen empfunden wird. Einstellungen von 18- bis 60-Jährigen in Deutschland (Befragungszeitpunkt 2022); Anteile in Prozent
Quelle: Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung (PASS), gewichtete Werte. Erhebungsjahr 2022, eigene Berechnungen.
Notiz: Personen, die angeben, dass das Kind älter als zehn Jahre sein sollte, werden alle in der Gruppe 10 zusammengefasst.
Grafik: IAB
Die Angaben zur Erwerbstätigkeit der Mütter folgen einem ähnlichen Muster: 56 Prozent der Befragten halten eine Teilzeiterwerbstätigkeit für Mütter von Kindern unter drei Jahren für akzeptabel, aber nur 27 Prozent unterstützen eine Vollzeiterwerbstätigkeit für Mütter von Kindern unter drei Jahren. Weitere 25 Prozent empfinden drei Jahre als angemessenes Alter für eine Teilzeiterwerbstätigkeit, für eine Erwerbstätigkeit von mindestens 30 Stunden sprechen sich 19 Prozent für diese Altersgrenze aus. Knapp ein Viertel hält eine Vollzeiterwerbstätigkeit erst für angemessen, wenn das Kind sieben Jahre oder älter ist. Auch für die Vollzeiterwerbstätigkeit sind zwei Verteilungsspitzen bei den traditionellen Altersgrenzen für Kindergarten- und Schuleintritt sichtbar.
Im Zeitverlauf zeigt sich, dass die als angemessen empfundenen Altersgrenzen für externe Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit gesunken sind und dies vor allem für die Vollzeitberufstätigkeit von Müttern (von sieben Jahre und einem Monat in 2011 auf fünf Jahre und acht Monate). Zudem zeigt sich, dass sich die Einstellung nach soziodemografischen Merkmalen unterscheidet: Insbesondere Frauen, Personen in Paarhaushalten, Ostdeutsche und Erwerbstätige setzen eine frühere Altersgrenze für die mütterliche Erwerbstätigkeit nach Geburt eines Kindes und für die externe Kinderbetreuung an.
Eigene Elternschaft verändert Einstellung
Die Kombination von eigener Elternschaft und Geschlecht spielt eine zentrale Rolle für die Einstellungen (Abbildung 2). Beispielsweise befürworten Männer ohne (minderjährige) Kinder im Haushalt oder Männer mit älteren Kindern (ab sieben Jahren) eine Ganztagesbetreuung ab etwa fünfeinhalb Jahren. Frauen in vergleichbaren Familienkonstellationen geben hingegen vier Jahre und zehn Monate an. Ebenso liegen die geschätzten Mittelwerte von Vätern und Müttern mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren signifikant um sechs Monate auseinander (bei Vätern vier Jahre und vier Monate und bei Müttern drei Jahre und zehn Monate), während sich Mütter und Väter mit Kindern unter zwei Jahren nicht in ihren Angaben unterscheiden.
Hinsichtlich der Vollzeiterwerbstätigkeit der Mütter sind die Geschlechterunterschiede bei eigener Elternschaft weniger ausgeprägt. Väter und Mütter mit minderjährigen Kindern geben vergleichbare Einstellungen und Altersgrenzen an. Lediglich bei den Männern und Frauen ohne (minderjährige) Kinder zeigen sich noch signifikante Unterschiede.
Abbildung 2: Einstellungen von Frauen und Männern zur ganztägigen Kinderbetreuung und Vollzeiterwerbstätigkeit der Mütter – Unterschiede nach eigener Elternschaft
Anmerkung: Geschätzte Mittelwerte, lineare Regression, Kontrollvariablen: Erwerbsstatus, SGB-II-Leistungsbezug, Bildung, Migrationshintergrund, Alter, Wohnortgröße, Partner:in und Region.
Quelle: Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung (PASS), Erhebungsjahr 2022, eigene Berechnungen der Autorinnen.
Fazit
In Deutschland werden ganztägige externe Kinderbetreuung und mütterliche Vollzeiterwerbstätigkeit skeptisch gesehen, solange Kinder noch nicht das Schulalter erreicht haben. Diese Einstellungen können zu der geringeren Erwerbstätigkeit von Müttern verglichen mit Vätern beitragen. Dies kann insgesamt zu Nachteilen bei Karriere, Einkommen und Alterssicherung führen, denn bei längeren Erwerbsunterbrechungen und nachgelagerten Teilzeitphasen besteht die Gefahr, den Kontakt zum Arbeitsmarkt oder fachliche beziehungsweise berufliche Kenntnisse zu verlieren. Individuelle und partnerschaftliche Einstellungen wie auch das tatsächliche Verhalten können jedoch nicht unabhängig von strukturellen Rahmenbedingungen gesehen werden.
Für eine bessere Integration von Müttern auf dem Arbeitsmarkt ist eine verlässliche Betreuungsinfrastruktur unabdingbar. Der Wunsch vieler Eltern nach einer paritätischen Aufteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit (Kohlrausch und Peters 2024) stößt im Alltag häufig auf unzureichende und unzuverlässige Angebote der Kinderbetreuung (Kohlrausch 2026). Aktuelle Zahlen zeigen, dass 54 Prozent der Eltern in den vergangenen drei Monaten von Schließungen oder verkürzten Betreuungszeiten betroffen waren – häufig sprangen Mütter ein, oft zulasten ihrer Erwerbsarbeit (Kohlrausch 2026). Verbesserungen in der Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Qualität von Kinderbetreuung und auch der Arbeitsbedingungen in Kitas (attraktivere Lohn- und Karriereperspektiven, bessere Personalschlüssel) sind notwendige Grundlagen für eine erhöhte Erwerbstätigkeit von Müttern (Weimann-Sandig und Kalicki 2024).
Darüber hinaus ist für eine frühere Rückkehr von Müttern in den Beruf und eine Ausweitung ihrer Erwerbsarbeitszeiten eine stärkere Beteiligung von Männern an unbezahlter Sorgearbeit entscheidend. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern übernehmen Mütter weiterhin den Großteil dieser Arbeit. Diese Ungleichheit zeigt sich bereits beim Elterngeld: 2024 waren nur rund ein Viertel der Beziehenden Väter (Destatis 2025b). In Österreich sind die Unterschiede noch ausgeprägter – Väter nehmen im Schnitt lediglich neun Karenztage in Anspruch, Mütter hingegen 416 Tage (Reiter und Spitzer 2026). Politische Maßnahmen sollten daher gezielt Rahmenbedingungen für eine partnerschaftliche Arbeitsteilung schaffen. Dazu gehören eine Ausweitung der Partnermonate im Elterngeld, eine Anpassung der Leistungsbeträge, die seit Einführung des Elterngeldes nicht dynamisiert wurden, sowie finanzielle Anreize für eine gleichberechtigte Aufteilung der Elternzeit. Auch Konzepte wie eine Familienarbeitszeit können dazu beitragen, Erwerbs- und Sorgearbeit ausgewogener zwischen beiden Elternteilen zu verteilen (Kohlrausch und Peters 2024). Darüber hinaus braucht es einen kulturellen Wandel in Betrieben und Gesellschaft, der Väter in der Übernahme von Sorgearbeit selbstverständlich unterstützt.
Kontakt: eileen-peters@boeckler.de
Literatur
Destatis (2025a): Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit. Pressemitteilung Nr. 175 vom 19.5.2025. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html
Destatis (2025b): Väter und Elterngeld. https://www.statistikportal.de/de/vaeter-elterngeld
Kohlrausch, Bettina (2026): 54 Prozent der erwerbstätigen Eltern mit Schließungen oder verkürzten Zeiten bei Kinderbetreuung konfrontiert. Pressemitteilung WSI. www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-schliessungen-oder-verkuerzte-zeiten-bei-der-kinderbetreuung-74924.htm
Kohlrausch, Bettina; Peters, Eileen (2024): Auswertung zu Equal-Care-Day und Frauentag: Auch erwerbstätige Mütter übernehmen meist Großteil der Kinderbetreuung – Kluft bei der Sorgearbeit ist groß. Pressedienst WSI https://www.boeckler.de/pdf/pm_wsi_2024_02_26.pdf
Trappmann, Mark; Bähr, Sebastian; Beste, Jonas; Eberl, Andreas; Frodermann, Corinna; Gundert, Stefanie; Schwarz, Stefan; Teichler, Nils; Unger, Stefanie; Wenzig, Claudia (2019): Data Resource Profile: Panel Study Labour Market and Social Security (PASS). In: International Journal of Epidemiology 48 (5), S. 1411–1411g.
Weimann-Sandig, Nina; Kalicki, Bernhard (2024): Nur Teilzeit in der Kita? Arbeitszeitumfang und Beschäftigungspotenziale in der Kindertagesbetreuung. Düsseldorf (Forschungsförderung Working Paper, 331).
Reiter, Claudia; Spitzer, Sonja (2026): When Gender Trumps Skills. Employment trajectories of Austrian parents after their first birth. In: Comparative Population Studies 51. DOI: 10.12765/CPoS-2026-01
Autorinnen
Dr. Eileen Peters ist Post-Doc in dem Projekt "Betriebliche Ungleichheitsregime" am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Ihr Forschungsfokus liegt auf Ungleichheiten am Arbeitsmarkt und insbesondere geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung.
Dr. Marie-Fleur Philipp ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Mikrosoziologie des Instituts für Soziologie an der Universität Tübingen. Sie forscht zu Einstellungen rund um Arbeit und Familie, Beziehungsübergängen und Familienpolitik.
Dr. Corinna Frodermann ist Leiterin der Nachwuchsgruppe "Geschlecht, Sorge- und Erwerbsarbeit" am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sowie Mitarbeiterin im Forschungsdatenzentrum. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und Bedeutung von Geschlechterrolleneinstellungen sowie in der Wechselwirkung zwischen Erwerbstätigkeit und Elternschaft.
Dr. Claudia Wenzig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich "Panel: Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Sie forscht zur Armutsgefährdung und zum Grundsicherungsleistungsbezug von Familien und interessiert sich dabei auch für die Beteiligung von Müttern am Arbeitsmarkt.



