beziehungsweise 2/2026–Artikel 3

Queere Elternschaft im Bilderbuch

Gleichgeschlechtliche Eltern zwischen Idealisierung, Besonderung und Selbstverständlichkeit

Von Lars Burghardt und Svenja Garbade  

Bilderbücher prägen früh, wie Kinder Familie verstehen. Sie sind nicht nur Unterhaltung, sondern auch kulturelle Deutungsangebote: Kinder begegnen in ihnen Vorstellungen davon, wer zusammengehört, wie Beziehungen aussehen und was als "normal" gilt. In Anlehnung an Bishop (1990) lassen sich zwei zentrale Funktionen beschreiben: Bilderbücher können als Spiegel dienen, in denen Kinder ihre eigene Lebenswelt wiederfinden, und als Fenster, durch die sie andere, ihnen bislang fremde Lebensweisen kennenlernen. Obwohl Familienformen heute vielfältig sind, dominiert im Kinderbuch nach wie vor die heteronormative Kernfamilie (Anderson und Hamilton 2005). Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern erscheinen seltener und bewegen sich häufig in einem Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit, Anerkennung und Normalisierung. Vorstellungen von Familie sind gesellschaftlich normiert und historisch eng mit der bürgerlichen Kleinfamilie verknüpft, welche vielfach als Referenzmodell fungiert, vor dessen Hintergrund andere Familienformen als Abweichung erscheinen (Esposito 2009). Gleichgeschlechtliche Elternschaft ist dadurch immer wieder mit Prozessen der Besonderung oder Unsichtbarmachung konfrontiert. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag der Frage nach, wie gleichgeschlechtliche Elternschaft in deutschsprachigen Bilderbüchern dargestellt wird und welche impliziten Familienbilder damit vermittelt werden.

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Methodisches Vorgehen 
Analysiert wurden 22 deutschsprachige Bilderbücher, die eine gleichgeschlechtliche Kernfamilie in den Mittelpunkt stellen oder diese zumindest eindeutig markieren. Von den 22 Büchern wurden 19 im Jahr 2015 oder später veröffentlicht, zwei Bücher (die älteren) wurden im Jahr 1994 veröffentlicht, ein weiteres 2011. Die qualitative Analyse verband narrative, sprachliche und bildliche Zugänge mit dem Trilemma der Inklusion (Boger 2019), das Inklusion als Spannungsfeld von Normalisierung, Empowerment und Dekonstruktion beschreibt. Ziel war es, typische Muster der Darstellung herauszuarbeiten und vergleichend zu ordnen.

Drei Typen der Darstellung gleichgeschlechtlicher Elternschaft
Im Ergebnis lassen sich drei zentrale Darstellungsweisen unterscheiden, die sich in Teilen mit international beschriebenen Repräsentationsmustern decken (McGlashan und Sunderland 2011):

  1. Idealisierung (2 von 22 Büchern)
    In zwei der untersuchten Bilderbücher werden gleichgeschlechtliche Familien als besonders harmonisch, liebevoll und konfliktfrei inszeniert. Nähe, Geborgenheit und gemeinsames Familienglück stehen stark im Vordergrund. Diese Bücher betonen, dass diese Familien "genauso gut" funktionieren wie andere – teilweise sogar besser. Damit tragen sie zwar zur positiven Sichtbarkeit bei, zugleich entsteht jedoch ein idealisiertes und stark normatives Bild von Familie, das wenig Raum für Ambivalenzen oder Konflikte lässt. Dieser Typus, der überwiegend in älteren Büchern auftritt, lässt sich als strategische Überaffirmation verstehen, die Anerkennung erzeugen soll, jedoch ein idealisiertes Bild vermittelt (Esposito 2009).
  2. Besonderung (7 von 22 Büchern)
    Sieben Bücher stellen die Entstehung der Familie ins Zentrum der Erzählung, etwa durch Adoption oder Samenspende. Die Geschichten haben häufig einen erklärenden, aufklärerischen Charakter und richten sich implizit auch an Erwachsene. Diese Darstellungsweise entspricht der von McGlashan und Sunderland (2012) beschriebenen "different strategy": Gleichgeschlechtliche Elternschaft wird sichtbar gemacht, aber zugleich als besonders und erklärungsbedürftig markiert. Zugleich markiert diese Form die Familie als "anders", wodurch Differenz reproduziert wird.
  3. Nebensächlichkeit (13 von 22 Büchern)
    Den größten Anteil machen dreizehn Bilderbücher aus, in denen die gleichgeschlechtliche Elternschaft nur beiläufig erwähnt wird. Die Familienkonstellation spielt für die Handlung keine zentrale Rolle; sie ist einfach Teil der erzählten Welt. Diese "background strategy" (McGlashan und Sunderland 2012) kann zur Normalisierung beitragen, birgt jedoch die Gefahr, gesellschaftliche Ungleichheiten und Diskriminierungserfahrungen unsichtbar zu machen.

Einordnung und pädagogische Perspektiven
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Repräsentationen gleichgeschlechtlicher Familien im deutschsprachigen Bilderbuch zwischen Anerkennungsorientierung, Differenzmarkierung und Normalisierung oszillieren. Während idealisierende Darstellungen gesellschaftliche Akzeptanz stärken können, bilden sie queere Lebensrealitäten nur eingeschränkt ab. Besondernde Darstellungen vermitteln Wissen, tragen aber dazu bei, queere Elternschaft als erklärungsbedürftig zu markieren. Beiläufige Darstellungen hingegen entsprechen einem diversitätssensiblen Normalisierungsansatz, lassen jedoch strukturelle Diskriminierung unerwähnt. Damit bewegen sich die Bücher in einem Spannungsfeld aus Sichtbarkeit, Nicht-Problematisierung und gesellschaftlicher Rahmung. Dieses Spannungsfeld verweist zugleich auf die normative Ambivalenz des Mediums: Bilderbücher können vielfältige Familienformen legitimieren, reproduzieren jedoch auch gesellschaftliche Normen. Gerade hier entfaltet sich das Potenzial der Spiegel- und Fensterfunktion: Kinder aus Regenbogenfamilien können sich wiederfinden und Anerkennung erfahren; andere Kinder erhalten Einblicke in familiale Lebensweisen, die von ihrer eigenen abweichen. Damit Bilderbücher diese Funktion erfüllen können, braucht es jedoch Erwachsene, die sie reflexiv begleiten und Gespräche über Familie, Vielfalt und Zusammenleben anregen. Bilderbücher können somit wichtige Gesprächsanlässe bieten, um mit Kindern über unterschiedliche Familienformen, über Zugehörigkeit und über gesellschaftliche Vielfalt zu sprechen. Sie eröffnen Räume, in denen Kinder sowohl ein Bild von sich selbst als auch von anderen Lebensweisen entwickeln können – vorausgesetzt, sie werden nicht nur gelesen, sondern auch pädagogisch reflektiert genutzt.

Fazit und Ausblick
Die Untersuchung zeigt, dass sich die Darstellung gleichgeschlechtlicher Elternschaft im deutschsprachigen Bilderbuch differenziert beschreiben lässt und sich eng an international diskutierte Typisierungen anlehnt. Während ältere Werke häufig idealisieren, arbeiten neuere Bücher überwiegend mit erklärenden oder nebensächlichen Darstellungsweisen. Diese Vielfalt eröffnet unterschiedliche Zugänge zu Anerkennung und Normalisierung, legt aber zugleich offen, dass queere Familien je nach Typus unterschiedlich stark als Teil gesellschaftlicher Normalität gerahmt werden. Weitere Forschung ist notwendig, um die Rezeptionsperspektive einzubeziehen. Aus der Produktanalyse allein lassen sich keine Aussagen darüber ableiten, wie Kinder diese Darstellungen interpretieren, welche Familienbilder sie daraus entwickeln und wie pädagogische Fachkräfte oder Eltern solche Bücher vermitteln. Bilderbücher sind polyvalente literarisch-ästhetische Artefakte; ihre Bedeutung entsteht wesentlich im Zusammenspiel von Text, Bild und sozialem Nutzungskontext. Zudem bedarf es empirischer Studien zur pädagogischen Umsetzung diversitätsreflexiver Materialien, etwa zu Einstellungen, Selbstwirksamkeitserwartungen und institutionellen Rahmenbedingungen. Auch ein intersektionaler Zugang erscheint vielversprechend, um zu analysieren, wie Geschlecht, Klasse, Ethnizität oder Behinderung in ihrer Verschränkung zur Reproduktion oder Irritation heteronormativer und patriarchaler Strukturen beitragen. Insgesamt wird deutlich: Bilderbücher besitzen ein hohes Potenzial, familiale Vielfalt sichtbar zu machen und normalisierende Impulse zu setzen. Dieses Potenzial kann jedoch nur dann wirksam werden, wenn die Bücher nicht nur verfügbar sind, sondern auch reflexiv begleitet und aktiv genutzt werden.  

Kontakt: lars.burghardt@haw-hamburg.de

 

Literatur

Anderson, David A.; Hamilton, Mykol (2005): Gender role stereotyping of parents in children’s picture books: The invisible father. In: Sex roles 52 (3–4), S. 145–151.

Bishop, Rudine S. (1990): Mirrors, windows and sliding glass doors. In: Perspectives. Choosing and using books for the classroom 6 (3), S. 9–11.

Boger, Mai-Anh (2019): Theorien der Inklusion. Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken. Münster: edition assemblage.

Esposito, Jennifer (2009): We're here, we're queer, but we're just like heterosexuals. A cultural studies analysis of lesbian themed children's books. In: Educational Foundations 23 (3–4), S. 61–78.

McGlashan, Mark; Sunderland, Jane (2011): Stories featuring two-mum and two-dad families. In: Sunderland, Jane (Hg.): Language, gender and children’s fiction. London – New York: Bloomsbury Publishing, S. 142–172.  

Autor:innen

Prof. Dr. Lars Burghardt ist Professor für Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Kindheit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Geschlechterdarstellungen und Diversität in Bilderbüchern, Inanspruchnahme frühkindlicher Betreuungseinrichtungen sowie Qualität frühpädagogischer Einrichtungen sind weitere Arbeitsschwerpunkte in seiner Forschung.

Dr.in Svenja Garbade ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kindheitspädagogik und Kindheitsforschung an der Universität Hildesheim mit den Arbeitsschwerpunkten Professionalisierung, Geschlechterkonstruktionen, Didaktik der Sozial- und Kindheitspädagogik, diversitätsreflexive Materialien sowie qualitative Forschungsmethoden, insbesondere Grounded Theory.